Empathie Grundschüler praktizieren Solidarität

Jürgen Glocke
Dicht umlagert waren die Flohmarkttische in der großen Pause. Foto: /Jürgen Glocke

Über 350 Euro sind bei einem Flohmarkt zusammengekommen, der an der Kühndorfer Grundschule zugunsten vom Krieg in der Ukraine betroffener Kinder veranstaltet wurde. Ein Adressat für das Geld ist schon ausgemacht.

Der Erlös eines an der Grundschule Am Dolmar veranstalteten Flohmarktes zugunsten ukrainischer Kinder sollte ursprünglich auf das Spendenkonto von UNICEF überwiesen werden. Inzwischen ist eine aus dem Kriegsgebiet geflüchtete Familie in Kühndorf angekommen und hat dort bis auf weiteres eine Bleibe gefunden. Dies hat an der Schule zu der Überlegung und dem Entschluss geführt, den Basar-Erlös – 355,30 Euro – dieser Familie zukommen zu lassen und so ganz konkret Solidarität zu üben.

Natürlich geht der Krieg in der Ukraine an Kindern hierzulande nicht vorbei, auch nicht an den Schülern der Grundschule Am Dolmar. Natürlich hören sie die Eltern reden über die schlimmen Ereignisse in dem gar nicht so weit entfernten Land. Natürlich spüren sie, wie dies ihre Eltern und Großeltern aufwühlt und besorgt macht. Natürlich sehen sie im Fernsehen die Bilder von zerbombten und brennenden Häusern in Charkiw, Mariupol und Kiew sowie von flüchtenden und verängstigten Menschen. Und natürlich warf das bei den Kindern viele Fragen auf und weckte bei ihnen Mitgefühl.

Von Herz zu Herz

Betroffen davon hatten die Kinder an der Schule auch mit ihren Lehrern über das gesprochen, was in der Ukraine geschieht. Da war es nicht weit bis zu dem Beschluss, den notleidenden Kindern in der Ukraine spontan zu helfen. Die Idee von einem Flohmarkt wurde geboren. „Von Kind zu Kind, von Herz zu Herz!“ – unter diesem Motto sollten gut erhaltenes Spielzeug, Bücher, CDs, Spiele und anderes mehr bei einem Flohmarkt in der Schule verkauft werden. In jede Klasse wurde ein entsprechender Aufruf gegeben und die Eltern um Unterstützung für die Aktion gebeten. Über mehrere Tage hinweg konnte die Verkaufsware in der Schule abgegeben werden. Am 11. März kam das angesammelte Sortiment beim Flohmarkt in der großen Pause zum Verkauf.

Zuvor waren die abgegebenen Sachen sortiert und in Wert-/Preisgruppen eingeteilt worden: 50 Cent für Kleinstspielzeug wie Tierplastiken, ein Euro für gut erhaltenes Spielzeug und Spiele, zwei Euro für Bücher und 5 Euro für große und teure Markenspielsachen.

Mit Beginn der großen Pause begann der Ansturm auf den im Schulflur aufgebauten Basar. Neugierig und aufgeregt beugten sich die Mädchen und Jungen über die überquellenden Tische, suchten sich aus, was ihnen gefiel, summierten im Kopf, wie viel das kosten würde. In Hosentaschen und kleinen Geldbörsen wurde nach den nötigen Cents und Euros gekramt. Dank elterlicher Finanzspritzen, aber auch des einen und anderen Griffs in die Sparbüchse stand dem Erwerb der erspähten Wunschartikel in der Regel nichts entgegen. Es gab sogar Fälle, wo Schüler Mitschülern Geld liehen.

Am Ende einer aufregenden halben Stunde Flohmarkt-Treiben hatten die meisten der angebotenen Sachen einen neuen Besitzer gefunden. Freilich bestimmte zunächst die Freude über den Neuerwerb und das gemachte Schnäppchen die Stimmung der Kinder. Gegenseitig begutachteten sie, was die Mitschüler erstanden hatten. Als dann der Flohmarkt-Erlös – 355,30 Euro - feststand, gesellte sich auch Stolz zur Freude. Und das Bewusstsein, Gutes getan zu haben. „Ich habe mich gern von meinem Lieblingsbuch getrennt, wenn ich damit helfen konnte, dass Kinder unterstützt werden, die aus ihrer Heimat fliehen müssen“, sagte ein Mädchen aus der dritten Klasse.

Dies soll in der Tat ganz konkret geschehen. Indem der Basar-Erlös einer ukrainischen Familie gespendet wird, die kürzlich in Kühndorf angekommen ist - eine Mutter mit drei Kindern. Eine schöne Karte wurde von Grundschülern gestaltet und ein ukrainisches Sprüchlein hineingeschrieben. Das Geld komme genau dorthin, wo es jetzt gebraucht wird, hieß es an der Schule.

Die zweite Flucht

Tragik und Gutes liegt in diesem Fall eng beieinander. Hat doch besagte ukrainische Familie schon einmal ihre Heimat verloren, als sie 2014 von der Krim fliehen musste. In Kiew hatte sie eine neue Heimat gefunden. Nun eine erneute Flucht. Der Ehemann und Vater ist zurückgeblieben, um zu kämpfen. Frau und Kinder haben es nach Deutschland geschafft. Aber wohin dort?

Dass sie in Kühndorf gelandet sind, ist der Familie Buckmüller/Vierling zu verdanken. Deren Mitglieder wohnen zwar nicht mehr in Kühndorf, aber es existiert dort eine Wohnung, die nach dem Tod des Vaters leer steht. „Ich habe selbst zwei Kinder. Ich mag mir nicht vorstellen, mein Zuhause zu verlieren und ins Ungewisse fliehen zu müssen“, sagte Susan Buckmüller. Spontan hätte sie mit ihrem Bruder abgesprochen, die Kühndorfer Wohnung ukrainischen Flüchtlingen zur Verfügung zu stellen. Am Mittwoch habe sie die Wohnung in eine Ukrainehilfe-Datenbank eingestellt, schon einen Tag später sei eine Reaktion gekommen und am Samstag konnten eine Mutter mit drei Kindern in Kühndorf in Empfang genommen werden. „Sie sind dabei, runterzukommen von den Strapazen der Flucht und wollen schnellstmöglich Deutsch lernen“, weiß Susan Buckmüller.

Den Krieg bekommen sie dennoch nicht aus dem Kopf. Steht das Haus in Kiew noch? Ist der Mann noch am Leben? Auf Fragen wie diese gibt es für die ukrainische Familie derzeit keine Antworten, weil die Kontakte zu Bezugspersonen in der Ukraine abgebrochen sind.

 

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