Eltmann/Schweinfurt Die Zukunft liegt in Schweinfurt

Christian Schuster

Schaeffler will die Produktion von Eltmann nach Schweinfurt verlegen - und dort den Industriezweig für die kommenden Jahre fit machen. Kündigungen will man "vermeiden".

Eltmann/Schweinfurt - Von Wettbewerb, Wandel und "großen Herausforderungen" schreibt Marco Bosch, Unternehmenssprecher bei Schaeffler in Schweinfurt, auf Anfrage der Neuen Presse . Wenig greifbare Antworten auf konkrete Fragen: Wie viele Menschen werden übernommen, wie viele werden gekündigt? Ihm kommt die zugegeben undankbare Aufgabe am Donnerstag zu, die Pläne seines Konzernvorstands zu erklären, Fragen zu beantworten und Wogen zu glätten. Und die Wellen schlagen hoch am Donnerstag vor den Toren der beiden Niederlassungen in Eltmann und Schweinfurt: Tags zuvor hat Schaeffler bekannt gegeben, dass die Produktion von Rollen für Pendelrollenlager in das Werk nach Schweinfurt verlegt werden soll. Dort wiederum hatte der Betriebsrat bereits von 1000 Stellen gesprochen, die vermeintlich abgebaut werden sollen. Gewerkschaft und Betriebsrat organisierten spontane Kundgebungen.

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Die Schaeffler-Gruppe

Die Schaeffler AG ist ein börsennotierter, global ausgerichteter Automobil- und Industriezulieferer. Das Unternehmen beschäftigt derzeit nach eigenen Angaben rund 84 000 Mitarbeiter an rund 170 Standorten in mehr als 50 Ländern. 2019 erwirtschaftete der Konzern einen Jahresumsatz von 14,4 Milliarden Euro.

Der Konzern gliedert sein Geschäft in die drei Sparten Automotive Technologies, Automotive Aftermarket und Industrie. Zu den Produkten zählen unter anderem Kupplungssysteme, Getriebeteile und Kugellager.

Das Unternehmen wurde von den Brüdern Georg und Wilhelm Schaeffler gegründet, die sich

Neben den Marken INA, LUK und weiteren kaufte Schaeffler 2001 zudem FAG Kugelfischer in Schweinfurt. Seit 2009 hält Schaeffler zudem die "beherrschende Beteiligung" an der Continental AG, die mit mehr als 240 000 Mitarbeitern als einer der größten Automobilzulieferer weltweit gilt.

An der Spitze der Schaeffler AG steht Gründersohn Georg F. W. Schaeffler als Vorsitzender des Aufsichtsrats und Gründerwitwe Maria-Elisabeth Schaeffler-Thumann als Stellvertretende Vorsitzende.

Konkrete Zahlen über Kündigungen an den einzelnen Standorten wolle man derzeit noch nicht nennen, so Bosch. Und auch darüber, ob Arbeitsplätze aus Schweinfurt ins Ausland verschoben werden sollen, schweigt er sich aus. Der Unternehmenssprecher versichert jedoch, dass betriebsbedingte Kündigungen vermieden werden sollen. Es sei beabsichtigt, Mitarbeitern (vom Werk in Eltmann) eine Beschäftigung in Schweinfurt anzubieten. Denn Fertigung und Produktionsvolumen sollen in den Standort Schweinfurt integriert werden.

Ziel sei es langfristig, Schweinfurt als Standort der Industriesparte bei Schaeffler auszubauen. Schon heute sei dieser mit der Produktion von Axial-Pendel- und Zylinderrollenlager als Industrie-Hauptquartier und Standort für Zukunftstechnologien sehr wichtig für den Konzern. Künftig wolle man die Expertise in Sachen Rollen- und Pendelrollenlager dort bündeln, aber auch neue Arbeitsfelder im Bereich Robotik, Mechatronik und Digitalisierung sollen auf- und ausgebaut werden.

Das Industriegeschäft ist eine der tragenden Säulen der Schaeffler Gruppe, die sich in den letzten Jahren gut entwickelt hat, bestätigt auch Marco Bosch. Allerdings bleibe Schaeffler im Vergleich hinter den direkten Mitbewerbern zurück. Die am Mittwoch beschlossene Streichung von rund 4400 Stellen in Deutschland und Europa, die Schließung mehrerer vor allem kleinerer Standorte und die Bündelung der dortigen Ressourcen ist ein weiterer Schritt auf einem Weg, den Schaeffler bereits länger beschreitet.

Schon 2018 hatte der global tätige Automobil- und Industriezulieferer begonnen, seine Organisation in Europa "zu verschlanken". Damit einher ging die Schließung von drei Werken in Großbritannien und der Verkauf von Automobil-Standorten in Hamm und Unna in Nordrhein-Westfalen sowie im südthüringischen Kaltennordheim. Schaeffler hat laut eigenen Angaben von Ende 2018 bis Juni 2020 mehr als 8000 Stellen abgebaut.

Im Fokus steht dabei die Neuausrichtung des Unternehmens. Vor allem die Automotivebranche hatte Schaeffler immer mehr Verluste eingefahren. Alleine im ersten Quartalsbericht 2020 rund 220 Millionen Euro Verlust im operativen Geschäft gemeldet. Dann kam der Markteinbruch aufgrund von Corona. Mit dem "erhöhten Druck zur Kostensenkung" begründet nun auch Marco Bosch, Sprecher von Schaeffler in Schweinfurt, die vom Vorstand am Mittwoch verabschiedeten weiteren Maßnahmen.

Allerdings hatte Schaeffler 2018 auch mit der IG Metall eine Zukunftsvereinbarung abgeschlossen. Darin hatte man eine Stärkung der deutschen Standorte vereinbart. Laut dem Unternehmen sollen die Standorte in Herzogenaurach, Bühl, Schweinfurt, Langen und Höchstadt "durch Bündelung von Technologie- und Produktionskompetenzen und Investitionen in Zukunftsfelder gestärkt" werden. Vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie und der dadurch entstandenen wirtschaftlichen Einbrüche will das börsennotierte Unternehmen nun mit dem "Abbau von strukturellen Überkapazitäten" und der "Konsolidierung von Standorten in Europa" die Neuausrichtung aber deutlich beschleunigen. Genau diese Umdeutung - nämlich dass mit der "Stärkung" der Standorte auch Schließungen und der Abbau von tausenden Stellen einhergehen soll" - empfinden die Betriebsräte nicht nur in Eltmann und Schweinfurt sowie die Gewerkschaft IG Metall als Hohn. Salvatore Vicari, Vorsitzender des Gesamtbetriebsrates bei Schaeffler, unterstreicht am Mittwoch noch vehement: "Nein, dieses Maßnahmenpaket des Managements können wir so nicht akzeptieren. Wir lehnen Werksschließungen und betriebsbedingte Kündigungen ab. Großes Unglück bricht über unsere Kolleginnen und Kollegen, sowie deren Familien herein. Wir werden uns massiv zur Wehr setzen."