Elternratgeber - Teenager „Hilfe, mein Sohn (12) spielt nur noch Computerspiele!“

Nadia Köhler
Computerspiele verleiten Teenager dazu, sich zu stark zu isolieren. Foto: imago images/Shotshop/Monkey Business 2

Irgendetwas ist immer. In unserem Elternratgeber diskutieren Mütter und Väter mit Expertinnen Probleme, die in den besten Familien vorkommen. Heute sorgt sich Alexander B. um den Medienkonsum seines 12-jährigen Sohnes.

Es begann während Corona. In der Schule gab es nicht viel zu lernen und seine Freunde konnte Max kaum mehr treffen. Da wurden die Eltern von Max großzügig: Wie viele andere Familien auch weiteten sie die Zeiten, in denen der heute 12-Jährige Computerspiele zocken durfte, deutlich aus. Inzwischen hat sich das Leben normalisiert, doch die Familie von Max hat immer noch eine schwierige Zeit. Max lebt vor allem in seiner virtuellen Spielewelt, kapselt sich von der Familie ab und hat auch sonst kaum noch sozialen Anschluss. Sein Vater Alexander B. hat bei Dagmar Preiß, der Geschäftsführerin des Gesundheitsladens e.V. in Stuttgart, zu dem auch die Beratungsstelle „Jungen* im Blick“ gehört, nachgefragt, wie das Computerspielen im Leben von Max wieder weniger Raum einnehmen könnte.

Mein Sohn zockt locker vier Stunden am Tag. Das ist doch viel zu viel, oder?

Das ist sicherlich viel Zeit und ein riskantes Nutzungsverhalten. Haben Sie sich mal angeschaut, was er da genau macht?

Nein, irgendwelche Spiele.

Interessieren Sie sich mal dafür, was Max genau macht. Eltern merken, dass das Kind mehr am Computer ist als sonst und denken sofort: Das ist schlecht. Aber die Kinder machen oft ganz tolle Sachen am Rechner und erschließen sich neue Welten. Lassen Sie sich zeigen, was er spielt und in welche Rolle er als Spieler gern schlüpft. Dann versteht man auch, warum Spiele so eine Faszination ausüben können. Außerdem haben Computerspiele für Jungs durchaus eine soziale Komponente, sie spielen nicht allein, sondern vernetzen sich mit anderen. Manche Kinder sind in der Schule sehr zurückgezogen, legen sich aber im Spiel eine andere Identität zu und zeigen dann ganz neue Aspekte ihrer Persönlichkeit.

Aber zu viel Zeit am Bildschirm ist doch nicht gut für Kinder!

Das stimmt, aber es ist schwierig, wenn Sie das Verhalten Ihres Sohnes zu sehr abwerten. Manche Kinder machen bestimmte Dinge eben besonders gerne. Und Eltern gehen da in vielen Bereichen mit, zum Beispiel, wenn es um einen Sport oder um ein Musikinstrument geht. Aber beschäftigt sich das Kind gerne mit Medien, hört das Verständnis schnell auf. Dann interessieren sich Eltern nicht so sehr dafür, was ihre Kinder dort machen, sondern wie lange sie es machen. Der Fokus sollte auf beidem liegen.

Nach der Schule verschwindet mein Sohn in seinem Zimmer und kommt kaum mehr raus. Muss ich mir Sorgen machen?

Vier Stunden zocken ist für ein zwölfjähriges Kind schon recht viel, vor allem, wenn er das regelmäßig, also zu Beispiel an fünf Tagen in der Woche macht. Ihr Sohn muss mit 12 Jahren nicht nur für die Schule, sondern auch sozial noch viel lernen, darum ist es in diesem Alter ganz wichtig, auch innerhalb der Familie auf soziale Aktivitäten zu achten, zum Beispiel gemeinsame Mahlzeiten einzunehmen. Nach der Schule sollte sich ihr Sohn nicht sofort zum Spielen vor den PC setzen, es wäre besser, wenn er erst einmal eine Pause macht. Vereinbaren Sie mit Ihrem Sohn wann er spielen darf, wann er Hausaufgaben macht und wann Sie gemeinsam essen.

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Wir brauchen also eine Art Stundenplan für daheim?

Struktur – und die bieten sie Ihrem Kind mit diesen Regelungen. Darüber hinaus wäre es für ihren Sohn wichtig, mindestens einen sozialen Kontakt zu Gleichaltrigen außerhalb der Schule pro Woche zu haben. Jugendliche haben in der Pubertät viele Entwicklungsaufgaben, sie müssen zum Beispiel selbstständiger werden und dazu gehört, gute Beziehungen zu Gleichaltrigen aufzubauen. Dazu braucht es Echt- und Körperkontakt – ein kurzes Umarmen oder High Five sind wichtig. Das lässt sich nicht gleichwertig in die virtuelle Welt übertragen.

Er geht einmal in der Woche ins Fußballtraining, reicht das?

Ja, Fußball oder ein anderes Hobby zählen, solange das Kind dort mit Gleichaltrigen zusammen ist. Aber es wäre wichtig, dass sich Ihr Sohn beim Fußball auch unterhält und spricht. Es gibt Kinder, die gehen ins Training und sagen weder „Hallo“ oder „Tschüss“. In der Pubertät ist es normal, dass sich Jugendliche sozial ein Stück weit zurückziehen, aber sie sollten sich nicht zu stark isolieren – die Medienwelt verleitet aber dazu. Darum sollten Eltern ein wenig darauf achten, dass die gleichaltrigen Kontakte nicht völlig einschlafen.

Ist mein Sohn spielsüchtig?

Ich wäre mit dem Begriff Sucht sehr vorsichtig. Ihr Sohn hat einen sehr hohen Medienkonsum und das ist eventuell zu viel. Aber schauen Sie auch noch auf andere Faktoren. Was unternimmt Ihr Sohn darüber hinaus noch, ist er mit Ihnen als Eltern noch in Kontakt? Spricht er noch freundlich mit Ihnen oder ist er nur noch abwehrend? Medienkonsum ist das eine, aber man muss auch berücksichtigen, wie sich das Kind außerhalb dieser Medienwelt sozial verhält. Steht Ihr Sohn morgens problemlos auf? Vermutlich tut er das unter Protest, aber entscheidend ist, dass er dieser Aufforderung noch nachkommt. Oder was passiert, wenn Sie ihn bitten, einmal in der Woche gemeinsam ein Spiel zu machen oder einen Film anzuschauen? Macht er das dann? Oder ist er wirklich vorwiegend nur noch mürrisch und lehnt gemeinsame Aktivitäten oder Kommunikation ab.

Was sind klare Anzeichen von Sucht?

Wenn ein Kind höchst aggressiv reagiert, wenn es aufgefordert wird, mit Spielen aufzuhören. Begeistert ist da natürlich kein Kind. Aber wenn es anfängt, seine Eltern zu schlagen, sie anbrüllt oder körperlich gegen seine Geschwister vorgeht und wenn es alle Regeln umgeht – also etwa das WLAN immer wieder anschaltet, wenn es ausgeschaltet ist –, dann sind das Anzeichen, die in eine Spielsucht führen könnten.

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Was wäre der erste Schritt, um den Spielekonsum herunterzuschrauben?

Fordern Sie nicht einfach nur: Du spielst jetzt nur noch zwei Stunden! Sondern machen Sie Ihrem Sohn gleichzeitig Angebote, was er stattdessen verstärkt machen könnte. Das müssen nicht gleich so hochschwellige Dinge wie Gesellschaftsspiele sein, aber ich erlebe in der Beratung, dass sich das viele Kinder von ihren Eltern wünschen. Viele sagen tatsächlich: Ich will einmal in der Woche etwas spielen. Da schauen die meisten Eltern überrascht.

Hilft es, das WLAN auszuschalten?

Ja, aber nicht als einzige Maßnahme, sondern das WLAN ausmachen und etwas anbieten, etwa: Wir backen zusammen was oder gehen gemeinsam ins Kino. Vielleicht will Ihr Sohn aber auch einfach nur im Bett rumhängen. In der Pubertät baut sich alles im Körper und im Gehirn um, darum sind viele Kinder phasenweise einfach sehr müde. Sie sollten die Alternativen zum Computerspielen aber nicht in einer Konfliktsituation besprechen. Kündigen Sie Ihrem Sohn an, dass Sie mit ihm über seinen Medienkonsum und mögliche Alternativen sprechen möchten. Zwölfjährige muss man ernst nehmen, er sollte außerhalb der akuten Konfliktsituation Zeit haben, sich auf so ein Gespräch vorzubereiten. Machen Sie einen Termin aus und erarbeiten sie dann gemeinsam Veränderungen und Lösungen.

Warum soll ich dem Router nicht einfach den Stecker ziehen?

Stecker ziehen kommt in vielen Familien tatsächlich irgendwann, aber es sollte nicht der erste Schritt sein. Nehmen Sie Ihren Sohn mit in die Verantwortung für seinen Medienkonsum. Treffen Sie etwa eine Vereinbarung über bestimmte Tage, an denen Ihr Sohn spielt und über solche, an denen er nicht spielt. Zum Beispiel zwei Tage nicht spielen und an den übrigen etwas reduziert. Fragen Sie Ihren Sohn aber auch nach seinem Angebot. Kinder sind in einem ersten Schritt oft sehr radikal zu sich. Die sagen dann oft: Ich spiele Montag bis Freitag gar nicht mehr, sondern nur noch am Wochenende. Es lohnt sich, das Kind mal den ersten Vorschlag machen zu lassen und dann zu schauen, ob man als Eltern damit einverstanden ist. Begrenzen Sie das Ausgehandelte dann unbedingt auf einen bestimmten Zeitraum, etwa auf vier Wochen. Wenn man nach der ersten Woche merkt, es klappt nicht, kann man das Kind darauf ansprechen und sagen: „Für uns wäre jetzt eine mögliche Konsequenz, dass wir ohne weitere Vorankündigung den Stecker ziehen.“

Wenn ich alle denkbaren Konsequenzen aber wirklich durchziehe, belastet das unser Familienleben enorm. Dann haben wir keinen einzigen netten Abend mehr.

Ja, das stimmt, aber sie werden in nächster Zeit immer wieder Abende haben, die nicht besonders nett sind. Eltern unterschätzen, dass man mit Beginn der Pubertät wieder zum Teil richtig präsent sein muss. Einiges muss man regelrecht auskämpfen, auch wenn die Kinder bis dahin sehr verständig waren, sind sie es mit 13 oder 14 plötzlich nicht mehr unbedingt. Und wenn es dann zu Konflikten kommt, bekommen manche Eltern Angst vor ihren Kindern. Manche Eltern sind auch zu erschöpft, um zu kämpfen und lassen ihre Kinder dann sehr früh los.

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Wie soll ich das durchstehen?

Es braucht eine Haltung. Also man muss wissen, dass es anstrengend wird, auch wenn man erst einmal Regeln für ein bestimmtes Problem gefunden hat. Man muss sich darauf einstellen, dass es Phasen geben wird, in denen man abends eben nicht seine Ruhe hat. Präsent sein bedeutet nicht ständig körperlich anwesend sein zu müssen. Aber es bedeutet in die Verantwortung zu gehen. Wenn Sie jetzt mit Ihrem Sohn Regeln für das Computerspielen aushandeln, stehen Ihnen bis zu den Sommerferien harte Zeiten bevor. Regeln bringen nur etwas, wenn man sie auch überprüfen kann – wer etwas überprüft, ist präsent. Als Eltern wäre es schwierig, zehn Stunden außer Haus zu gehen, abends um acht Uhr heimzukommen und dann zu sagen: „Zwischen 16 und 18 Uhr darfst Du nicht spielen.“ Signalisieren Sie, dass Sie die Vereinbarungen im Auge behalten. Dann kommt bei den Kindern an: Es interessiert sich jemand für mich, mein Vater bleibt an mir dran.

Ich kann nicht um 16 Uhr nach Hause kommen.

Dann ist eben zum Beispiel das WLAN bis 18 Uhr ausgeschaltet und Sie vereinbaren, dass Sie um 18 Uhr gemeinsam essen und ihr Sohn danach zwei Stunden am Stück spielen darf. In der Pubertät funktioniert Erziehung nicht mehr so, dass die Eltern vorangehen und die Kinder hinterher. Teenager laufen voran und die Erwachsenen müssen ihre Position je nach Situation verändern. Manchmal müssen sie an die Seite treten und manchmal auch ein wenig nach hinten.

Meine Frau empfindet das Spielverhalten unseres Sohnes nicht als so übertrieben wie ich. Bin ich hysterisch?

Es ist gut, wenn man sich als Paar einigt, bevor man sich mit dem Kind verständigt. Es ist wichtig, als Gemeinschaft aufzutreten. „Dein Vater meint, wir müssen das Computerspielen irgendwie reduzieren, deshalb sitzen wir jetzt alle hier“, wäre ein blöder Einstieg in ein Familiengespräch. Oft wollen Väter oder Mütter die Verantwortung für den Konflikt an das andere Elternteil delegieren. Das ist aber für Kinder höchst irritierend und sie haben dann keine Motivation, an ihrem Verhalten etwas zu verändern, solange die Elternebene uneins ist.

Haben Sie auch eine Frage oder ein Problem, das wir mit einer unserer Elternratgeber-Expertinnen diskutieren sollen? Dann schreiben Sie an elternratgeber@stzn.de

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Die Expertin

Dagmar Preiß Foto: Gesundheitsladen

Therapeutin
Dagmar Preiß ist Sozialwissenschaftlerin (M.A.), systemische Therapeutin und Coach (SG).

Geschäftsführerin
Dagmar Preiß ist Mitbegründerin des Mädchengesundheitsladens und Geschäftsführerin des Gesundheitsladen e.V. Stuttgart. Diese Einrichtung ist ein gemeinnütziger Verein zur geschlechtsbezogenen Gesundheitsförderung und Prävention in Stuttgart und unterhält drei Beratungsstellen für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Der Mädchengesundheitsladen ist eine Präventions- und Beratungsstelle für Mädchen und junge Frauen in den Bereichen Gesundheitsförderung, Sexualpädagogik, Sucht- und Gewaltprävention.

 

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