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Meister - oder doch nicht? Fabian Kreim (links) und Tobias Braun. Quelle: Unbekannt

Eine Sekunde wird am Ende entscheiden. Ach was, zwei, drei Zehntel vielleicht. Zwei, drei Zehntel nach mehr als 700 spektakulären Kilometern über Asphalt, Schotter, Matsch. Und noch nicht mal die schnellere Fahrt gibt den Ausschlag, wer sich Deutscher Rallyemeister 2019 nennen darf, sondern Richter, die ein Urteil darüber fällen, ob jemand im Bruchteil dieser einen Sekunde etwas hätte erkennen müssen.

Nun ist das mit dem Erkennen relativ einfach, wenn man auf Stühlen des Deutschen Motorsportbundes in Frankfurt thront, vor dessen juristischer Instanz die Angelegenheit in Bälde verhandelt wird. Schwieriger wird die Sache im Schalensitz bei Tempo 170, mit viel Adrenalin und wenig Sicht dank Helm und Überrollkäfig. Wenn das im Sport so gerne bemühte Wort "fokussiert" für etwas gilt, dann für ein Rallye-Team auf einer Wertungsprüfung. Jeder noch so kleine Fehler versaut nicht bloß Zeit, er kann die Gesundheit kosten – und, wie man beim DRM-Lauf in Zwickau sehen musste, sogar das Leben.

All das sollte im Hinterkopf haben, wer sich an eine Analyse des Falles wagt. Drei-Städte-Rallye am dritten Oktober-Wochenende, letzter Lauf zur DRM, die siebte von zehn Prüfungen – ein Rundkurs. Auf ihrer zweiten Schleife passieren Fabian Kreim und Copilot Tobias Braun, die haushoch Führenden der Meisterschaft, eine schnelle Links, an der kurz zuvor das fränkische Team Dominik Dinkel/Christina Fürst mit seinem Škoda Fabia R5 in den Wald abgeflogen ist. Das Auto nur mehr ein Haufen Schrott, die Insassen zum Glück unverletzt. Kreim/Braun, die Markenkollegen, bleiben am Gas.

Für derlei Fälle gibt es Regeln. Ein Tracking-System an Bord meldet jeden Stopp an die Rallye-Leitstelle. Drückt die Besatzung im Auto "OK", läuft die WP weiter – falls nicht, gilt "SOS" und ein Sanka startet. Zudem hat jedes Team ein DIN-A3-Schild mit diesen Kürzeln dabei. Wer kann schon aus dem Augenwinkel ermessen, was harmloser Blechschaden ist und was folgenschwerer Crash? Das Reglement besagt: "Jeder Fahrer, dem das rote ‚SOS‘-Schild gezeigt wird oder der ein Fahrzeug sieht, das in einen Unfall verwickelt ist (…), muss sofort und ohne Ausnahme anhalten, um Hilfe zu leisten es sei denn das ‚OK‘-Schild wird gezeigt." Eine als fair angesehene Zeit gibt es später am grünen Tisch.

So weit, so klar. Nur: Für Kreim und Braun ist kein Fahrzeug zu sehen, weil es einige Meter tiefer zwischen Bäumen liegt – und ein "SOS"-Schild in dem Moment wohl auch nicht, weil niemand vom verunfallten Team so schnell aus dem Wrack nach oben klettern kann. Fest steht, dass Christina Fürst sofort die "OK"-Taste drückt und später auch das Schild aufstellt. Wann genau, ist umstritten. Jedenfalls fahren die meisten Teams vorbei.

Was man sehen kann, sind eine Bremsspur und laut Inboard-Videos Äste und Teile einer Frontschürze. Das kann man als Indiz für einen Unfall nehmen – muss man aber nicht. Schwarzen Abrieb gibt es zuhauf bei einer Rallye, und dass geschundene Autos ihrer Verkleidungen verlustig gehen, ist so selten auch nicht. Wer da jedes Mal anhielte, wäre noch unterwegs, wenn längst die Siegerehrung liefe. Andererseits: Dem Plauener Philip Geipel kommt das Ganze nicht geheuer vor. Er stoppt an besagter Stelle.

Mal wieder rächt sich, dass der DMSB die Verantwortung schleichend auf die Aktiven abgewälzt hat. Erste Hilfe versteht sich von selbst, aber in keinem Sport der Welt müssen Athleten das Wohl der Konkurrenz organisieren. Man stelle sich vor, Dominik Paris sollte im Steilhang der Streif einen gestürzten Kollegen erkennen, anhalten und ihn versorgen… Egal, am Abend entscheiden Sportkommissare, eine Art Rallye-Schiedsrichter, die Teams Kreim/Braun, Gassner sen./Thannhäuser und ein drittes Duo aus der Wertung zu nehmen, weil sie nicht gestoppt haben. Kreim und Gassner legen Berufung ein, seither ist die DRM ein schwebendes Verfahren.

Pikant ist zweierlei: Fabian Kreim hat 2017 schon mal eine Strafe kassiert, weil er bei der Hessen-Rallye angesichts eines Unfallautos nur bremste, aber weiterfuhr. Er bekam die Punkte aberkannt und musste 5000 Euro bezahlen. Als – damals wie heute – Fahrer von "Škoda Auto Deutschland" war letzteres eher kein Problem. Und Deutscher Meister wurde er trotzdem.

Hermann Gassner Senior wiederum ist nicht nur ein Großer dieses Sports, der den ersten seiner fünf DRM-Titel holte, als Kreim drei Jahre alt war – er ist auch der Vater von Hermann Gassner Junior, der als Zweitplatzierter der Gesamtwertung Meister würde, falls Kreim alle Punkte aberkannt würden.

Doch da wartet eine juristische Hürde: Extra-Punkte aus der "Power-Stage" darf man laut Reglement selbst dann behalten, wenn man im Endergebnis der Rallye nicht erscheint. Eine Begründung findet sich nicht, man darf aber annehmen, dass die Regelhüter einen Defekt im Blick hatten und keine Disqualifikation. Folgten die Richter dennoch dem Wortlaut, wäre Kreim trotz Wertungsausschluss Champion. Mit einem Punkt Vorsprung.

Es dürfte eine lange Verhandlung werden für zwei, drei Zehntel ...

 

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