Eigener Inhalt Das Runde ans Runde

Während sie woanders den Ball laufen lassen, könnte man ja beim Boule eine ruhige Kugel schieben.

Fußball und noch mal Fußball. Seit mehr als drei Wochen schon versuchen sie in Russland ein ums andere Mal, das Runde ins Eckige zu befördern. Doch langsam ist ein Ende in Sicht. Dienstag und Mittwoch warten immerhin schon die Halbfinals. Es ist also beinahe geschafft. Trotzdem wäre bei all dem Gekicke eine Alternative höchst willkommen. Wie wär’s denn damit, zur Abwechslung mal das Runde ans Runde zu bringen? Mögen sie woanders den Ball laufen lassen – wir schieben erst mal eine ruhige Kugel.

Haben wir uns doch irgendwie auch verdient. Weltmeisterschaft hin oder her. In Sachsen und Thüringen haben die Sommerferien bereits begonnen, in Bayern dauert’s auch nicht mehr lange. Und weil man ja elf zähe Monate lang auf die schönste Zeit des Jahres hinarbeiten muss, dürfen wir es doch wenigstens im Urlaub ein bisschen langsam angehen lassen. So wie einst, als man für Spaß noch selbst sorgen musste und es schon ein Höhepunkt gepflegter Ferienunterhaltung war, am Strand von Jesolo bunte
Kugeln durch den Sand zu schussern.

Dachte sich in grauer Vorzeit sogar der Bundeskanzler. Konrad Adenauer brachte Ende der 1950er-Jahre Boccia und Co. republikweit in Mode. Gleichsam von höchster Stelle. Auch wenn er dabei gemütlich in Cadenabbia am Westufer des Comer Sees zugange war und nicht – wie viele seine Bürger – mit wassergefüllten Plastikkugeln zwischen Sandburgen und schreienden Kindern. Egal. Scheint sich ohnehin nicht um ein berufstypisches Phänomen gehandelt zu haben. Von Angela Merkel jedenfalls
ist der gelungene Wurf nicht überliefert.

Bei den Begriffen herrscht gerne ein wenig Verwirrung. Boccia verbinden wir sofort mit Italien und Sand, Boule dagegen mit Frankreich und festem Boden. Es ist also eher Letzteres, was unsereins so auf Wiesen und Wegen versucht. Im Prinzip jedenfalls. Geht es um mehr als pures Vergnügen, heißt die Angelegenheit ohnehin Pétanque und ist ein offizieller Sport mit Regelwerk.

Wettkampfmäßige Kugelei indes überlassen wir gerne den Könnern dieses Fachs. Uns genügt fürs Erste die absolute Laien-Version. Soll heißen: Mit den großen Kugeln möglichst nahe an die kleine Zielkugel zu kommen, die mal despektierlich "cochonnette" (Schweinchen) heißt, mal schlicht "pallino" (Spielball). Und ob man nun einzeln spielt oder im Team – am Ende bringt Punkte, was dichter liegt als die beste Kugel des Gegners.

Das klingt zunächst einmal leicht, weil man ja keine Verteidiger vor sich hat und auch keinen Torhüter. Dummerweise aber misst das Ziel nur an die 30 Millimeter im Durchmesser, liegt ziemlich weit entfernt – und selbst der beste Wurf nützt wenig, wenn man anschließend noch von einem geübten Kontrahenten ins Abseits gekickt wird.

Und nach dem Spiel kann man ja durchaus noch ein bisschen Fußball schauen …


Autor

 

Bilder