Dolomiten Opferzahl nach Todes-Lawine steigt

red
Die Suche nach weiteren Toten geht weiter. Foto: AFP/PIERRE TEYSSOT

Nach dem massiven Gletscherbruch und einer Lawine geht in den Dolomiten die Suche nach weiteren Toten unter erschwerten Bedingungen weiter. Ein siebtes Opfer wurde am Montag entdeckt.

Eine gespenstische Stille legt sich über die Marmolata. Am Tag nach der Gletscherkatastrophe mit mindestens sieben Toten und vielen Vermissten fliegen nur noch vereinzelt Helikopter an die Flanke des mächtigen Dolomitenmassivs. Ein nahendes Gewitter verdunkelt den Himmel, die letzten Suchtrupps mit ihren Drohnen ziehen am Montagmittag vorerst ab. Die Gefahr weiterer Gletscher- oder Felsstürze ist zu groß. Es donnert. Regen geht nieder auf den Unglücksberg in Norditalien und den Lawinenkegel aus Eis, Schnee und Steinen, unter dem mehr als ein Dutzend Tote befürchtet werden.

Auch zwei Deutsche wurden am Sonntag von der Lawine erwischt, die nach dem Gletscherbruch auf gut 3000 Metern Meereshöhe ins Tal donnerte. Das sagte eine Sprecherin des Auswärtigen Amtes der Deutschen Presse-Agentur. Die zwei sind verletzt und werden in einem Krankenhaus von Belluno, südöstlich des Unglücksortes, behandelt.

Nach Angaben der Klinik handelt es sich um einen 67-jährigen Mann und eine 58-jährige Frau. Beide würden eng überwacht. Der Honorarkonsul in Bozen und die deutsche Botschaft in Rom sind im ständigen Austausch mit den italienischen Behörden.

Sucharbeiten waren unterbrochen

Auf dem Parkplatz unterhalb der Marmolata stand am Montag ein Camper mit bayerischem Kennzeichen, nach Angaben von Polizisten war der Wagen bereits am Sonntag dort geparkt und wurde nicht weggefahren. Der Parkschein hinter der Windschutzscheibe lief am Montagmorgen um 9.30 Uhr ab. Ob es sich um das Auto der zwei verletzten Deutschen handelte, war unklar.

Die Polizei überprüft die Halter der im Schatten des höchsten Berges der Dolomiten geparkten Autos auf der Suche nach Vermissten. Am Montag wurde dann eine weitere Leiche entdeckt, wie die Polizei in Trient bestätigte. Damit stieg die Zahl der Todesopfer auf sieben. Mehr als ein Dutzend wurden vermisst, die Hoffnung auf ein Wunder ist nur noch winzig klein.

Die Such- und Rettungsarbeiten am mehr als 3340 Meter hohen Berg auf der Grenze der Regionen Trentino-Südtirol und Venetien mussten wegen des schlechten Wetters unterbrochen werden. Ohnehin schickten die Einsatzkräfte keine Leute mehr direkt auf den Lawinenkegel, weil sie befürchteten, dass weitere Gletscherstücke wegbrechen könnten. Ein Brocken von 200 Metern Breite, 60 Metern Höhe und 80 Metern Tiefe hänge gefährlich über dem Abhang, teilte der Zivilschutz mit.

Bevor sie wegen des Schlechtwetters vom Gletscher abgezogen wurden, lokalisierten die Drohnen am Vormittag Leichenteile und Material wie Seile und Rucksäcke, sagte Alex Barattin von der Bergrettung Belluno.

Papst Franziskus betet für die Opfer

Es gebe aber praktisch keine Chance mehr, noch Überlebende unter den Eis- und Geröllmassen zu finden. Vielmehr dürfte nach Einschätzung der Bergungsteams die Identifizierung der Leichen schwierig werden in Anbetracht der Kräfte, mit der die Lawine die Leute erwischt hatte.

Für die Mittagszeit hatte sich Italiens Ministerpräsident Mario Draghi im Lagezentrum der Einsatzkräfte in dem Ort Canazei angekündigt, musste seine Anreise per Helikopter wegen des schlechten Wetters aber abbrechen. Er stieg stattdessen auf ein Auto um. Der 74 Jahre alte Regierungschef wollte sich mit dem Chef des Zivilschutzes über die aktuelle Situation informieren. In Canazei trafen am Montag erste Verwandte von Vermissten ein, um nach Informationen zu ihren Angehörigen zu fragen und die geborgenen Toten zu identifizieren. Auch eine Servicenummer für Angehörige wurde eingerichtet.

Staatschef Sergio Mattarella telefonierte mit den Präsidenten der beiden Regionen, um seine Anteilnahme auszudrücken, wie sein Amtssitz mitteilte. Auch andere Politiker drückten ihre Anteilnahme aus.

Papst Franziskus betete für die Opfer. „Die Tragödien, die wir gerade mit dem Klimawandel erleben, müssen uns dazu drängen, dringend neue menschen- und naturbewusste Wege zu finden“, forderte das 85 Jahre alte Oberhaupt der katholischen Kirche bei Twitter.

Reinhold Messner hat eine Erklärung

Nach Einschätzung von Klimaexperten und Gletscherforschern ist das Unglück auch auf die steigenden Temperaturen zurückzuführen. Diese lassen die Gletscher immer weiter schmelzen und bröckeln; wegen des geringen Niederschlags in diesem Winter fehlte Schnee, der den Gletscher zusätzlich vor der Sonne hätte schützen können.

Auch der Extrembergsteiger Reinhold Messner hat eine Erklärung für das Unglück und war nicht überrascht. „Der Hauptgrund ist die Erderwärmung und der Klimawandel. Diese fressen die Gletscher weg“, sagte der 77-Jährige der dpa. Just an den Abbruchkanten bilden sich dann sogenannte Eistürme - Séracs genannt - „die so groß sein können wie Wolkenkratzer oder Häuserzeilen“, erklärte Messner.

Der Südtiroler, der als erster Alpinist alle 14 Achttausender der Welt bestiegen hatte, kennt Séracs etwa aus dem Himalaya. Er mahnt, Touren auf Eis nur mit Bergführer zu machen. Doch selbst das ist keine Sicherheitsgarantie; nach Medienberichten gehören auch Bergführer zu den Vermissten nach der Dolomiten-Katastrophe.

Vorfälle wie an der Marmolata „werden wir häufiger sehen“, meinte Messner. „Heute gibt es viel mehr Fels- und Eisabbrüche als früher.“

„Die globale Erwärmung kommt aus den Ballungszentren und Städten, von den Autobahnen und Fabriken“, sagte Messner. „Aber wir in den Bergen merken sie, schon seit 30 Jahren sehen wir mit bloßem Auge, wie die Gletscher schmelzen. Dazu muss man kein Wissenschaftler sein.“

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