Diskussionsabend in Geisa Auswirkungen des Ukrainekonflikts

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Eine lebendige Diskussion gab es zwischen Bürgern und Wissenschaftlern des Forschungsinstitutes beim 2. Geisa-Gespräch. Foto: Forschungsinstitut

Ein Diskussionsabend in Geisa mit Wissenschaftlern des Forschungsinstitutes Point Alpha und interessierten Bürgern zeigte die unterschiedlichen Positionen zum aktuellen Ukrainekonflikt.

Um die Auswirkungen des andauernden russisch-ukrainischen Krieges auf Politik, Gesellschaft und Öffentlichkeit ging es im 2. Geisa-Gespräch des Forschungsinstitutes Point Alpha im Gangolfisaal des Stadtschlosses. Dabei entwickelte sich eine lebhafte Diskussion zwischen dem hochinteressierten Publikum und den Wissenschaftlern. Das Institut informierte über den Abend in einer Pressemitteilung.

„Als Institut ist es für uns von zentraler Bedeutung, dass Wissenschaft und Gesellschaft in den Austausch kommen“, so begrüßte Direktoriumsmitglied und Moderatorin Christiane Kuller von der Universität Erfurt. Als wissenschaftliche Diskussionspartner hieß sie Claudia Wiesner, Christine Domke sowie Matthias Klemm von der Hochschule Fulda willkommen. „Dieser Konflikt und die damit verbundenen Krisen rütteln an den Grundfesten unserer Demokratie“, ist sich Christiane Kuller, die von Haus aus Historikerin ist, sicher. Dies sei vor allem durch das Aufblühen nationalistischen Denkens, einer spürbaren Fremdenfeindlichkeit sowie durch populistische und radikale Strömungen deutlich spürbar.

„Die Bevölkerung in Deutschland steht zu einem Großteil hinter der Unterstützung der Ukraine, auch wenn dies mit Nachteilen für sie verbunden ist“, berichtete Matthias Klemm. „Allerdings ist der Ukrainekonflikt nicht der alleinige Auslöser für die aktuellen Krisen, sondern eher ein Beschleuniger“, ist sich der Soziologe sicher. Das Ende des Krieges bedeute seiner Meinung nach nicht die automatische Rückkehr zum Status quo. „Noch nie wurde ein Krieg so medial geführt wie dieser“, stellte Christine Domke fest. Durch die anfängliche Hochphase der Kriegsberichterstattung erlebte man in der Gesellschaft eine verstärkte Solidarität mit der Ukraine. „Diese Solidarität ist zwar ungebrochen, jedoch die konkrete Unterstützung nimmt aktuell ab“, so die Kommunikationswissenschaftlerin.

In den Medien gebe es neben dem Krieg eine verstärkte Präsenz anderer Themen, wie der Gas- und Klimakrise. Als sehr positiv sieht Domke die öffentliche Auseinandersetzung mit offenen Briefen, die sich mit der Kriegsproblematik auseinandersetzen. „Sie zeugen von einer sehr lebendigen Demokratie in unserem Land“, konstatierte die Wissenschaftlerin. Es zeige sich ein Bedürfnis von unterschiedlichen Stimmen, die gehört und diskutiert werden wollen.“ Allerdings waren sich alle Wissenschaftler einig, dass es keine politisch einfachen Lösungen geben werde, diesen Krieg sofort zu beenden. Dass auch die Politikwissenschaft in der aktuellen Situation keine Generallösung hat, stellte Politikwissenschaftlerin Claudia Wiesner fest. „Wenn uns jemand fünf Tage vor Kriegsausbruch nach unserer Meinung gefragt hätte, dann hätten wir gesagt: Das ist nicht rational, das wird Putin nicht tun!“, sagte die Sprecherin des Direktoriums des Forschungsinstitutes.

Im Laufe des Gespräches entwickelte sich dann eine sehr lebendige Diskussion. „Wir müssen verhandeln!“, forderte ein Zuhörer. „Worüber verhandeln? Denkt ihr, Putin wird den Donbass und die Krim wieder freigeben?“ erwiderte ein anderer Gesprächsteilnehmer. „Man hätte Putin schon viel früher bei der Besetzung der Krim in die Schranken weisen müssen, der Westen müsste eigentlich noch viel energischer durchgreifen“, war die Meinung eines weiteren Teilnehmers. „Aktuell müssen wir vor allen Dingen wieder lernen, verschiedene Meinungen auszuhalten“, entgegnete Claudia Wiesner. Aus der Konfliktforschung wisse man, dass man abwarten müsse, bis der Gegner so weit an der Wand stehe, dass er Verhandlungen nicht mehr ablehnen könne. Diese Sichtweise würde die aktuellen Waffenlieferungen rechtfertigen. „Wenn wir allerdings intervenieren und Waffen liefern, müssen wir uns auch klar darüber werden, was wir als Land, was wir als EU langfristig erreichen wollen und was unsere Aufgaben und Ziele nach Kriegsende sein können“, so Wiesner.

Von einer Aufnahme der Ukraine in die Europäische Union rät die Politikwissenschaftlerin aufgrund der unzureichend entwickelten Demokratie und der hohen Korruption im Land eindeutig ab. Als besonders konfliktträchtig sieht Wiesner das soziale Krisenpotenzial, das aktuell in der Bundesrepublik durch steigende Preise entsteht. „Es ist von Seiten der Regierungsverantwortlichen sehr kurzsichtig gedacht zu sagen: Ihr müsst jetzt alle sparen und im Winter frieren!“

Berthold Dücker kritisierte vor allen Dingen das Halbwissen, welches von Medien derzeit verbreitet werde: „Einmal ist die Ukraine kurz vor dem Gewinnen, dann hören wir, dass Russland gar nicht verlieren kann, dann wird Putin für schwer krank erklärt und einige Tage später erfährt man, dass er sich angeblich bester Gesundheit erfreut“, so Dücker. Das alles führe zu einer Verwirrung, sodass die Menschen zum Schluss überhaupt nicht mehr wissen, wem sie glauben sollen. Matthias Klemm sprach von einer Aufladung der Debatte: „Sie ist mittlerweile ein Streit zwischen Fakten sowie Meinungen, Emotionen und persönlichen Erfahrungen.“ „Wir müssen jetzt diskutieren, kanalisieren und festgezurrte Positionen aufweichen“, betonte Christine Domke: „18-Jährige haben Angst vor dem Krieg und 80-Jährige kennen den Krieg und dadurch entstehen unterschiedliche Positionen.“ Dass die unterschiedlichen Positionen in den unterschiedlichen Biografien liegen, das bestätigte auch ein weiterer Diskussionsteilnehmer. Auf die Frage, warum so viele Russen hinter Putin stehen, entgegnete Claudia Wiesner: „Es gibt einfach das Phänomen, dass Menschen Autokraten stützen. Die Menschen sind nicht per se Demokraten.“ Ganz zum Schluss des Gespräches blieb jedoch weiterhin die Frage offen: Wie kommen wir aus diesem Krieg wieder heraus? Moderatorin Christiane Kuller regte dazu an, bei einem weiteren Geisa-Gespräch im Herbst dieses Jahres das Thema wieder aufzugreifen.

 

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