Was will Irans Staatsführung erreichen?
Die iranische Regierung hatte bereits bei den letzten Verhandlungen mit den USA eine Aufhebung der harten Wirtschaftssanktionen als Ziel formuliert. Die Strafmaßnahmen haben das Land vom internationalen Finanzmarkt weitgehend abgeschottet und Investoren abgeschreckt. Sie gelten als wichtiger Grund für die katastrophale Wirtschaftslage, die die Mittelschicht ausgehöhlt und Teile der Bevölkerung an den Rand der Armut gedrängt hat.
Dieses Mal dürfte es jedoch um deutlich mehr gehen. "Es ist Zeit, nach einer neuen Führung im Iran zu suchen", sagte Trump Mitte Januar dem Nachrichtenportal "Politico". Seit Wochen prägen im Iran Kriegssorgen die Schlagzeilen. Nach außen demonstrieren Regierung und Militär zwar Geschlossenheit und Bereitschaft zur militärischen Eskalation. Hinter den Kulissen dürfte die Staatsführung jedoch um ihre Existenz fürchten.
Wie ordnen Fachleute die Verhandlungen ein?
Der Nahost-Experte Daniel Gerlach sagte vor ein paar Tagen in der ARD-Sendung "Caren Miosga", er gehe davon aus, dass der Iran versuchen werde, das Atomprogramm in den Vordergrund zu stellen. Zwar behaupte der Iran, es gebe nur ein ziviles Atomprogramm und kein militärisches, das sei aber eine Verhandlungstaktik. Der Iran denke, er könne die Oberhand gewinnen, indem er Trump in einen Verhandlungsmarathon ziehe. Dadurch gewinne man Zeit.
Es gebe dabei vonseiten der USA einen Zielkonflikt. Man wolle die militärischen Kapazitäten des Iran einschränken und das Atomprogramm stoppen sowie den Menschen im Iran helfen und einen Machtwechsel herbeiführen. "Wenn man auf der einen Seite mit dem Regime Verhandlungen eingeht, kann man nicht sagen, man wolle es ja eigentlich stürzen", sagte Gerlach. Auch die Staaten in der Region wie Katar, Saudi-Arabien und die Türkei spielten eine große Rolle. Diese hätten zwar ein Interesse an einer militärischen Schwächung Irans, wollten aber die Staatsführung nicht stürzen.
Ein iranischer Professor im Ruhestand glaubt, die Regierung sei anders als in ihren öffentlichen Äußerungen zu großen Kompromissen bereit. "Ich bin mir sicher, dass der Iran alle US-Forderungen akzeptieren wird", sagte der Insider. Im Gegenzug könne die Staatsführung seiner Einschätzung nach die Freigabe eingefrorener Konten mit mehreren Milliarden Dollar im Golfstaat Katar verlangen.
Was denken Menschen im Iran über Verhandlungen mit den USA?
Inzwischen sind die Massenproteste von Anfang Januar zwar verstummt, doch das Trauma des brutalen staatlichen Vorgehens gegen die Demonstrationen sitzt noch tief. Das Menschenrechtsnetzwerk HRANA mit Sitz in den USA hat nach eigenen Angaben den Tod von mindestens 6.400 Demonstranten verifiziert.
Trump, der den Demonstranten auf dem Höhepunkt der Aufstände seine Unterstützung zugesagt hatte, stößt mit seiner Bereitschaft zu Verhandlungen im Iran auch auf Ablehnung. "Das Blut der jungen Menschen, das vergossen wurde, darf nicht mit Füßen getreten werden", sagt etwa Fatemeh (24), eine junge Buchhalterin aus der Hauptstadt Teheran. Sie sei gegen Verhandlungen. In ihrer Wut auf die Antwort des Staatsapparats auf die Proteste gibt ihr nur der Gedanke auf Zerstörung Hoffnung.
Moslem (36), Lehrer, bezweifelt ein schnelles Ergebnis. Insgeheim hofft auch er auf eine Eskalation. "Natürlich besteht nach dem Scheitern der Verhandlungen noch Hoffnung auf den Beginn eines Krieges", sagt er mit Blick auf mögliche Attacken gegen Irans Staatsführung. Madschid (45), Leiter eines Transportunternehmens, sagt: "Die Regierung gibt aus Angst vor Krieg und Zerstörung alles her, um zu überleben."
Mohammed (29), Angestellter und Anhänger der Regierung, begrüßt die neuen Verhandlungen hingegen. "Die Erfahrung hat gezeigt, dass es kaum ein Land gibt, das ohne internationale Interaktion wirtschaftliches Wachstum erreichen konnte", sagt er. Deshalb sei er für ein Abkommen mit den USA, "aber nicht dafür, dass wir nur Zugeständnisse machen".