Die Wahlkampf-Kolumne Kultur, Klassiker und eine alte Villa

Stephanie Erben (Grüne) Foto: Michael Reichel/ari (Michael Reichel)

Wie blicken die Bundestags-Kandidaten auf ihren Südthüringer Wahlkreis 196? In der Kolumne „Meine Wahlkampf-Woche“ schildern sechs Bewerber ihre Ansichten und Erlebnisse aus erster Hand. Acht Wochen lang täglich in Ihrer Zeitung. Die Grünen-Kandidatin Stephanie Erben ist immer montags an der Reihe. Am Dienstag folgt Hans-Georg Maaßen (CDU).

Inmitten alter Bäume steht in der Nähe des Bahnhofs in Suhl eine prächtige Villa, die schon viel gesehen hat. Hier lebte einst eine Waffenfabrikantenfamilie, später betrieb hier der Kulturbund der DDR das Klubhaus „Johannes R. Becher“. Hier wurden Hochzeiten und Abi-Bälle gefeiert, experimentierte der Fotoclub, wurden FDGB-Reisen organisiert und probte im großen Saal das Junge Theater. Doch nach der Wende stand die Villa lange leer. Eigentumsverhältnisse waren unklar und bis heute wartet das Haus dringend auf neue Nutzer.

Immerhin hat die Sauer-Villa mit der Stiftung Meininger Baudenkmäler inzwischen wieder einen Eigentümer, der die Sanierung vorantreiben will und mit dem Provinzkultur e.V. potenzielle kreative Nutzer, denen die Wiederbelebung mit Kunst und Kultur zuzutrauen ist.

Vor ein paar Tagen betrat ich zusammen mit der Grünen Fraktionsvorsitzenden im Deutschen Bundestag Katrin Göring-Eckardt das alte Gemäuer. Hendrik Neukirchner vom Verein Provinzkultur und Uwe Klein von der Stiftung Meininger Baudenkmäler sprachen mit uns über ihre Pläne und führten uns bis in das verwinkelte Turmzimmer, von dem aus sich der Blick über einen großen Teil der Stadt bis zum Domberg weitet. Während Dach und Fassade der Villa gar keinen schlechten Eindruck machen, zeigt das Innere, wie viel Energie, Geld und Ideen hier noch nötig sind, damit es wieder nutzbar wird.

Ich selber habe mehrfach in meinem Leben mit und in solchen Häusern gearbeitet. Mein erstes Büro hatte ich im sanierungsbedürftigen Ettersburger Schloss bei Weimar. Dort organisierte ich im Auftrag eines Vereins Konzerte, Ausstellungen und Lesungen in baufälligen, aber bezaubernden barocken Sälen und im angrenzenden Park. Das Schloss fand später einen Investor und ist heute ein sehr elegantes Tagungshotel, in dem auch ab und an noch Kunst stattfindet.

Ein paar Jahre später habe ich mit meinem Büro wieder ein baufälliges Haus bezogen. Dieses Mal war es eine über 100 Jahre alte, leer stehende Schule in Weimar, in die die Other Music Academy einzog. Mit Musik und Workshops, mit Künstlercafe und Ateliers entsteht dort seither ein kreatives und internationales soziokulturelles Zentrum mitten in der Klassikerstadt.

Mich inspirieren solche Orte. Sofort habe ich Lust gemeinsam mit Gleichgesinnten Konzepte zu entwerfen, Verbündete für die Umsetzung zu suchen und der Fantasie freien Lauf zu lassen. Was ist hier nicht alles möglich? Die Sauer-Villa könnte demnächst mit Städtebaufördermitteln von Bund und Land saniert werden. Die Stadt Suhl muss allerdings den Eigenanteil noch aufbringen, was in Zeiten kommunal knapper Kassen eine echte Herausforderung ist. Sie hätte dann aber einen Ort, der bürgerliches Engagement bündeln, der Begegnung ermöglichen und der Geschichte erfahrbar machen könnte.

Solche Orte braucht unsere Gesellschaft mehr denn je. Wenn die Pläne der Protagonisten aufgehen, soll es hier künftig kreativ und fröhlich zugehen. Vereine und Initiativen sollen hier einen Ort haben. Ein Café kann generationenübergreifend zum Verweilen einladen. Eine Galerie würde regionale und internationale Kunst ausstellen und Besucher anlocken. Und Familien und Freunde sollen hier wieder feiern dürfen, wie einst. Dafür lohnt es sich zu kämpfen!

Wie blicken die Bundestags-Kandidaten auf ihren Südthüringer Wahlkreis 196? In der Kolumne „Meine Wahlkampf-Woche“ schildern sechs Bewerber ihre Ansichten und Erlebnisse aus erster Hand. Acht Wochen lang täglich in Ihrer Zeitung. Die Grünen-Kandidatin Stephanie Erben ist immer montags an der Reihe. Morgen folgt Hans-Georg Maaßen (CDU).

 

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