Deportation vor 80 Jahren Meiningen erinnert an Leid und Verfolgung der Juden

Iris Helbing, Leiterin des Stadtarchivs Meiningen, zeigt ein historisches Foto vom Meininger Wohnhaus in der Sachsenstraße 5/6. In dem Gebäude brachte das NS-Regime jüdische Einwohner unter, bevor sie deportiert worden. An der Fassade wollen Jugendliche in den Sommerferien ein großformatiges Graffito anbringen. Foto: MT/Marko Hildebrand-Schönherr

Mit mehreren Veranstaltungen erinnert Meiningen an die Deportation jüdischer Einwohner vor 80 Jahren. Nur wenige entgingen dem Massenmord der Nazis. Der Steinweg soll jetzt der Familie Stein gewidmet werden.

 
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Die Deportation beginnt am 9. Mai 1942, einem Samstag. 41 jüdische Kinder, Frauen und Männer aus Meiningen im Alter zwischen 7 und 62 Jahren müssen die Stadt verlassen. Die Fahrt mit dem Zug führt über Eisenach nach Weimar. Von dort werden sie mit 472 weiteren Thüringer Juden ins Ghetto Belzyce bei Lublin gebracht. Alle Thüringer, bis auf eine Frau, fallen dem NS-Massenmord zum Opfer. Wenige Monate später, im September 1942, werden weitere 35 meist ältere Meininger Juden deportiert.

Gedenkstunde am 9. Mai

In Meiningen erinnern mehrere Veranstaltungen an die Judenverfolgung. Christoph Gann von der B.M. Strupp-Stiftung wird an diesem Sonntag um 17 Uhr in der Struppschen Villa die größte Deportation Thüringer Jüdinnen und Juden am 9. Mai 1942 beleuchten und in einem Vortrag auf Spurensuchen gehen. Am Montag, dem 80. Jahrestag, findet ebenfalls in der Struppschen Villa um 11 Uhr eine Gedenkstunde der Strupp-Stiftung und des Landkreises statt, bei der an die etwa 80 ermordeten Juden aus dem Landkreis Schmalkalden-Meiningen erinnert werden soll. Für beide Veranstaltungen wird um Anmeldung per E-Mail gebeten: info@bmstrupp-lernort.de.

Eine Ausstellung mit Porträts jüdischer Künstlerinnen und Dichterinnen eröffnet am 11. Mai in der Struppschen Villa (Seite 8).

Auch das Stadtarchiv Meiningen und das Staatstheater Meiningen möchten mit einer gemeinsamen Gedenkveranstaltung ein Zeichen gegen das Vergessen setzen. Am Montag um 16 Uhr findet im Steinweg 7 eine szenische Lesung statt, basierend auf Zeitzeugenberichten, Briefen und Erinnerungen von Angehörigen. Die Lesung, konzipiert von Dramaturg Cornelius Edlefsen, setzen die Schauspieler Carmen Kirschner, Leo Goldberg und Miriam Haltmeier (Musik) in Szene. Sie führen die Teilnehmer zu den ehemaligen Wohn- und Geschäftshäusern der im Mai 1942 deportierten Juden.

Zuvor wird Bürgermeister Fabian Giesder den Steinweg der Familie Stein widmen, die hier gewohnt hatte. Die Straßenwidmung, die für die Anwohner keinerlei Änderungen oder Kosten mit sich bringt, hatte Christoph Gann von der Strupp-Stiftung initiiert. Gertrud und ihre Schwester Margarete (Grete) Stein wurden ebenso wie deren Kinder Ruth, Stephan und Erika im Ghetto Belzyce ermordet, Gretes Ehemann Julius Stein starb im Konzentrationslager Dachau. Um an sie zu erinnern, kamen im Steinweg im November 2018 Stolpersteine in den Gehweg.

Weitere Stolpersteine

Weitere Stolpersteine sind geplant, um das Gedenken in den öffentlichen Raum zu tragen, sagte die Leiterin des Stadtarchivs, Iris Helbing. Im September sollen an dem sogenannten Ghettohaus in der Sachsenstraße Stolpersteine für neun ehemalige Bewohner verlegt werden, darunter die Hauseigentümerin Helene Schöngut. Sie wurde am 20. September 1942 ins Ghetto Theresienstadt deportiert, wo sie knapp acht Monate später starb. Zu dem Festakt werden die beiden Urenkelinnen von Helene Schöngut erwartet, die in Bolivien leben.

Nach Auskunft von Iris Helbing werden Jugendliche an der Fassade des Ghettohauses in den Sommerferien unter Anleitung des Meininger Künstlers Emanuel Klee ein großformatiges Graffito anbringen, das an das Leid der Juden erinnern soll. Das Einverständnis des Hauseigentümers für die Aktion liege vor. Interessenten für das etwa einwöchige Projekt können sich bei ihr melden,

E-Mail: helbing@stadtmeiningen.de

Telefon: (03693) 45 45 97 hi

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