Demenz Friedrich Schorlemmer zieht sich zurück

Friedrich Schorlemmer Theologe und Bürgerrechtler Foto: dpa

In der DDR war der Theologe aus Wittenberg einer der wirkungsvollsten Oppositionellen, seine kritisch-christliche Stimme als nachdenklicher Zeitgenosse wird bis heute im Osten gehört. Nun zieht sich Friedrich Schorlemmer aus der Öffentlichkeit zurück. Er leide unter Demenz, sagte der 77-Jährige in bemerkenswerter Offenheit.

Seine Kommentare zum Zeitgeschehen sind im Osten ebenso respektiert wie seine Vergangenheit als Bürgerrechtler und kritischer Wende-Begleiter. Ab sofort wird Friedrich Schorlemmer sich nicht mehr mit Beiträgen und Interviews öffentlich äußern. Es gehe ihm gesundheitlich nicht gut, sagte der 77-Jährige der in Weimar erscheinenden Kirchenzeitung „Glaube+Heimat“. Schorlemmer leidet nach eigenen Angaben unter Lewy-Body-Demenz. Betroffene zeigen neben einer fortschreitenden Gedächtnis- und Bewegungsstörung Schwankungen der geistigen Fähigkeiten und ihrer Wachheit. Die Krankheit sei verbunden mit Parkinson und wirke sich vor allem auf das Kurzzeitgedächtnis aus. Er wolle in diesem Zustand nicht in die Öffentlichkeit, denn er habe Weggefährten erlebt, die sich damit keinen Gefallen getan haben. Diese Peinlichkeit wolle er sich ersparen, sagte Schorlemmer der Kirchenzeitung.

Zusammen mit dem Magdeburger Archiv der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) ordnet der Theologe derzeit seine riesige Bibliothek und Schriftstücke, die mehr als 200 Regalmeter in seiner Wittenberger Wohnung in Anspruch nehmen. Skizzen, Andachten, Reden, Essays und Korrespondenzen sollen als „Vorlass“ archiviert werden. Es sei schmerzhaft, sich von all dem zu trennen, sagte Schorlemmer. Aber es sei „ein Glück, dass die Arbeit nicht umsonst war und in Magdeburg anstatt im Reißwolf landet“.

Schorlemmer war seit 1968 in der DDR-Opposition aktiv und ist bis heute eine Symbolfigur der evangelischen Friedens- und Umweltbewegung im Osten. Als Initiator der öffentlichen „Schwerter zu Pflugscharen“-Aktionen wurde er 1983 international bekannt. 1989/90 gehörte Schorlemmer zu den bekannteren Bürgerrechtlern, engagierte sich später in der SPD und bei „Attac“. 1993 erhielt er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Als Kolumnist dieser Zeitung und mit seinen Lesungen fand Schorlemmer auch in Südthüringen viel Publikum. Zuletzt hatte er 2020 beim „Provinzschrei“ in Suhl sein „Leselust“-Buch vorgestellt.

Trotz seines krankheitsbedingten Rückzugs will Schorlemmer weiter am Weltgeschehen Anteil nahmen. Nichts habe ihn so gelähmt wie Putins Krieg in der Ukraine, sagte er der Kirchenzeitung. Er habe bisher kein Wort zur Sache gefunden, was ihm in den vergangenen 30 Jahren nicht passiert sei. Man dürfe nicht aufhören, jeden Tag in der Heiligen Schrift zu lesen um zu erkennen, dass Menschen, in ebenso großen Schwierigkeiten, nicht aufgegeben haben: „ Für den Frieden muss man Marathonläufer sein.“ er

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