Debüt-Typisierung 299 potenzielle Spender für Marla

Madlen Pfeifer

Knapp 300 Menschen sind am Donnerstagnachmittag nach Neuhaus am Rennweg zur ersten Typisierungsaktion für die leukämiekranke Marla gekommen. Am Samstag, 28. Januar, steht der nächste Termin für einen Wangenabstrich an – und zwar in der Feuerwehr in Lichte.

 
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„So reges Interesse, das habe ich noch nicht erlebt“, sagt Christina Fischer. Sie ist 72 Jahre alt und seit Jahren, gar Jahrzehnten für die Deutsche Stammzellspenderdatei, kurz DSD im Einsatz. In den vergangenen Jahren in dem Bereich Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt. Ob im Zuge des DSD-Schulprojektes zur Aufklärung von Leukämie und der Bedeutung von Stammzellspenden „Lernen für das Leben“ oder eben – wie am Donnerstag in Neuhaus am Rennweg – zu einer Typisierungsaktion, bei der sich potenzielle Stammzellspender registrieren lassen können. Es ist die Erste von so vielen, die in den nächsten Tagen und Wochen im Landkreis Sonneberg, gar in Südthüringen folgen. In der Hoffnung, einen geeigneten Spender für die kleine Marla aus Schmiedefeld zu finden.

Das „rege Interesse“, das Christina Fischer lobt, gilt den vielen Akteuren, die sich stark machen, die Aktion in der Neuhäuser Feuerwache zu einem Erfolg werden zu lassen. Über zwei, drei Helfer, die sie am Tag der Typisierung unterstützen, sagt sie, hätte sie sich gefreut. Tatsächlich sind es einige mehr geworden. Wie viele, lässt sich kaum zählen. Überall wuseln sie umher. Ob es die jungen Frauen von den Feuerwehren und den dazugehörigen Vereinen aus Neuhaus und Lichte sind oder die, die zum Awo Förderverein „Strolchenträume Steinheid“ gehören und vorab Kuchen gebacken haben und beim Brötchenschmieren anpacken oder aber die jungen Männer in ihren grünen Oberteilen, die zur SG Lauscha/Neuhaus gehören. Dem Fußballverein, bei dem die kleine Marla bis zur Diagnose ihrer Erkrankung spielte.

Viele Helfer und Unterstützer

Wie berichtet, haben Ärzte bei der Siebenjährigen Ende September eine Akute lymphatische Leukämie, kurz ALL festgestellt. Und zudem noch ein, zwei Wochen später, dass es sich um eine äußerst seltene Form handelt. Eine, wie Mutter Kathleen Scheler erklärte, die nur bei drei Prozent der Kinder auftritt. Obendrein wurde Marla nach ersten Chemotherapie-Behandlungen Anfang Januar in die Hochrisikogruppe eingestuft. Was bedeutet, dass sie dringend auf eine Stammzellspende angewiesen ist. Und weil es einen geeigneten Spender weder in der Familie, noch in verschiedenen Datenbanken gibt, folgte zunächst der Aufruf von Mama Kathleen über WhatsApp, soziale Medien und sonstige Kanäle, sich registrieren zu lassen. Einer, der binnen kürzester Zeit überall die Runde machte. Mit dem Ergebnis, dass Freunde und unterschiedlichste Organisationen und Vereine über die DSD etliche Typisierungsaktionen auf die Beine gestellt haben. So wie die Erste am Donnerstag in der Feuerwehr in Neuhaus.

„Man sagt immer, jeder denkt heutzutage nur noch an sich“, sagt Christina Fischer an jenem Nachmittag. Beim Anblick der vielen Helfer und Unterstützer in Neuhaus, die neben Feuerwehr, Fußball und Kita-Förderverein etwa auch aus den Reihen der Bergwacht Scheibe-Alsbach, des Lichtner Kirmes- und des Neuhäuser Wintersportvereins sind, werde man aber allemal eines Bessern belehrt. Gleiches gilt für die vielen Sponsoren – ob mehrere Fleischer und Bäcker aus der Region, die etwa Waren für belegte Brötchen zur Verfügung stellten, die während der Typisierung – na klar – für den guten Zweck verkauft werden, ob Getränkehändler und Lebensmittelmärkte oder aber Firmen, Kindergärten und diverse Privatleute, die Geld spenden – für Marla und für die Typisierungsaktion. Denn, wie Fischer erklärt, fällt für die DSD für jede einzelne Typisierung ein Beitrag in Höhe von 40 Euro an.

Persönliche Verbundenheit motiviert

Sieben Tische mit je zwei Sitzplätzen stehen im Saal der Feuerwache bereit. Kurz bevor die Typisierung offiziell startet, gibt Christina Fischer den Fußballjungs noch eine Einweisung zum Ablauf, um den dann vorbeikommenden potenziellen Spendern mit Rat und Tat zur Seite stehen zu können. Denn die bekommen den Wangenabstrich nicht etwa von jemanden abgenommen, sondern dürfen das selbst in die Hand nehmen. „Jeder füllt vorher erst einmal eine Einverständniserklärung aus“, erläutert Fischer das Vorgehen. Dann wird ein kleiner Papierumschlag mit einem Aufkleber mit – zur vorher unterzeichneten Einwilligung – identischem Strichcode versehen. Dort hinein kommen schließlich die beiden Stäbchen, die die möglichen Spender vorher jeweils gut 30 Sekunden lang über die linke und die rechte Wange im Mund gestrichen haben und danach gut zwei Minuten haben trocknen lassen. Der Umschlag landet am Ende in einer blauen Kiste am Ausgang des Saales, die Einverständniserklärung in einem braunen Karton. Und jeder, der einen Abstrich gemacht hat, darf dann seinen ganz persönlichen Spenderausweis mit nach Hause nehmen.

Das Typisierungsprozedere wiederholt sich ein ums andere Mal an jenem Nachmittag. Auch Sandra Neumann ist für den Wangenabstrich vorbeigekommen. Sie erzählt, dass sie Marlas Mutter von der Arbeit in einer Zahnarztpraxis kenne und so natürlich vom Schicksal der Familie erfahren habe. Die persönliche Verbundenheit ist es, die sie zur Typisierung veranlasst. Auf die Frage, warum sie, wie so viele andere auch, das nicht schon früher gemacht hat, reagiert sie mit einem Schulterzucken. „Ich kann es nicht beantworten. Es ist ja eigentlich eine minimale Sache.“ Ähnlich fällt die Antwort von Markus Heinze aus. Er ist einer der SG Lauscha/Neuhaus-Jungs und kennt Marla somit vom Fußball. Schon vor Jahren habe er sich die Typisierung vorgenommen, es aber nie in die Tat umgesetzt. „Es ist wie mit so vielen anderen Sachen im Leben. Es braucht immer erst eine gewisse Brisanz und eine persönliche Betroffenheit, bis man so etwas macht.“

Falsches Wissen hemmt allzu oft

Nach den ersten anderthalb Stunden haben sich in der blauen Kiste bereits circa 60 Umschläge angesammelt. Material für 700 Abstriche hat Christina Fischer mitgebracht. Nicht ganz die Hälfte davon braucht es am Ende. 299 Menschen haben sich in vier Stunden registrieren lassen. „Das ist eine gute Zahl“, sagt Fischer. Aus Erfahrung weiß sie, dass es in der Regel 300 bis 400 sind. Dann, wenn es ausschließlich eine Aktion für einen Erkrankten gibt. Für Marla aber stehen ja in den nächsten Tagen und Wochen noch sehr viele weitere an, bei denen sich gesunde Frauen und Männer im gesetzlich festgelegten Alter zwischen 17 und 50 Jahren – im dringenden Ausnahmefall von Marla bis 55 – registrieren lassen können.

Christina Fischer schickt alle Stäbchen in ein Labor nach Ulm, wo die Abstriche auf Gewebemerkmale, sogenannte HLA-Werte, bestimmt werden, für die es weltweit Millionen verschiedene Kombinationen gibt. „Man kann sich also vorstellen, wie schwierig es ist, einen passenden Spender zu finden“, so Fischer. Nach den Laboruntersuchungen „geht dann im Prinzip alles über das ZKRD“, erklärt sie mit Blick auf das Zentrale Knochenmarkspender-Register Deutschland. Dort laufen alle für die Suche nach einem Spender relevanten Daten aus den verschiedenen Stammzellspenderdateien zusammen. Und dort werden die Gewebemerkmale von Spendern und Patienten verglichen, die möglichst einhundert Prozent identisch sein müssen für eine Spende. Eine, wie Fischer betont wissen möchte, bei der nicht – wie fälschlicherweise immer noch viele Menschen denken – Stammzellen aus der Wirbelsäule entnommen werden, sondern heutzutage vorwiegend über eine Blutstammzellspende und selten über eine Knochenmarkpunktion am Beckenkamm. Eine wichtige Information, die den ein oder anderen doch noch überzeugt, sich typisieren zu lassen, um Leukämiekranken ein Weiterleben zu ermöglichen. So wie Marla. „Wir hoffen, dass die Kleine ein recht häufiges Merkmalsmuster hat“, sagt Fischer, „und dass sich ein genetischer Zwilling für sie findet.“

Weitere Typisierungsaktionen

Lichte:
Samstag, 28. Januar, 11 bis 17 Uhr, Feuerwehr, Saalfelder Straße 54

Gräfenthal:
Montag, 30. Januar, 13 bis 17 Uhr, Feuerwehr, Probstzellaer Straße 9 Unterweißbach:
Mittwoch, 1. Februar, 13 bis 17 Uhr, Gemeindezentrum „Goldene Lichte“, Lichtetalstraße 38 Katzhütte:
Freitag , 3. Februar, 16 bis 19 Uh, Gemeinde, Neuhäuser Straße (im Zuge der Blutspende) Sonneberg/Oberlind:
Dienstag, 7. Februar, 15 bis 18 Uh, Sportgelände SC 06 Oberlind, Vereinshaus Wäldla, Am Sportplatz 4b Effelder:
Mittwoch, 8. Februar, 16 bis 20 Uhr, Sportlerheim Schmiedefeld:
Freitag, 10. Februar, 16 bis 19 Uhr, Grundschule, Am Markt 7 Schmiedefeld:
Samstag, 11. Februar, 13 bis 18 Uhr, Feuerwehr, Eisenwerkstraße 5 Sonneberg/Köppelsdorf:
Donnerstag, 23. Februar, 14 bis 17 Uhr, ThEKiZ Köppelsdorfer Kinderwelt, Köppelsdorfer Straße 205

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