Corona-Stufenplan Es geht ums Gefühl

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Thüringen hat einen Corona-Stufenplan. Manche Wissenschaftler setzen sehr große Hoffnungen in solche Pläne. Und warnen, dass es dabei längst nicht nur um Lockerung gehen darf.

Erfurt – Dass in den jüngsten Bund-Länder-Beratungen zur Corona-Krise zwar über die Lockerungen für Friseure, nicht aber über die Stufenpläne von Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Thüringen gesprochen worden war, hatte Thüringens Ministerpräsidenten Bodo Ramelow (Linke) angefressen zurückgelassen. Öffentlich und auch nicht-öffentlich hatte er seinem Frust darüber schließlich Ausdruck verliehen.

Auch wenn derlei starke Emotionen angesichts einer Videoschalte politischer Entscheidungsträger vielen Wissenschaftlern ziemlich fremd sein dürften, so können doch manche von ihnen jedenfalls grundsätzlich die Enttäuschung verstehen, die aus Ramelows damaligem Gemütszustand spricht.

In der Wissenschaft nämlich gilt zumindest Manchen ein Corona-Stufenplan durchaus als ein wichtiges Instrument im Umgang mit der Pandemie – jedenfalls dann, wenn Politiker und Nicht-Politiker verstehen, dass es dabei nicht nur darum geht, bestehende Corona-Beschränkungen zu lockern. Ein besseres Instrument, so argumentieren solche Forscher, sei ein Stufenplan jedenfalls, als Lockdown-Woche an Lockdown-Woche zu reihen und dabei als vermeintliche Endpunkte jeweils irgendwelche Daten zu definieren, bei denen allen Vernünftigen klar ist, dass der Lockdown dann nicht enden kann. Immerhin, sagt zum Beispiel die Kommunikationswissenschaftlerin und Medizinerin Petra Dickmann, werde die Welt noch lange mit der Pandemie leben müssen. „Man sollte sich wirklich darauf einstellen, dass die sich nicht mit Luftanhalten lösen lässt.“ Dickmann arbeitet unter anderem in einer Arbeitsgruppe zur Risikokommunikation am Universitätsklinikum in Jena.

Neben Dickmann haben sich in einem von der Grüne-Landtagsfraktion organisierten Fachgespräch vor einigen Tagen deshalb auch andere Wissenschaftler im Grunde dafür ausgesprochen, mit Hilfe eines Stufenplans zu definieren, was in der Coronakrise bei einem bestimmten Infektionsgeschehen erlaubt und was nicht erlaubt sein soll – wenngleich die Wissenschaftler sich mit konkreten Handlungsvorschlägen zurückgehalten haben. Wie das oft die Art von Forschern ist, die eher Vor- und Nachteile skizzieren, Entscheidungen dann aber der Politik überlassen. Was plausibel ist: Immerhin haben alle Entscheidungen ein Für und Wider, sodass sie jemand treffen muss, der dazu demokratisch legitimiert ist.

Ein zentrales Argument, das aus dieser Perspektive für die Anwendung eines Stufenplans spricht, hat dabei wiederum mit Emotionen zu tun; vielleicht sogar mit starken Emotionen, so wie Ramelow sie immer wieder zeigt. Ein Stufenplan vermittele den Menschen immerhin ein „Selbstwirksamkeitsgefühl“, wie das Nicole Harth formuliert, die an der Ernst-Abbe-Hochschule Jena die Professur für Psychologie inne hat.

Die Idee dahinter: Wenn der Lockdown ohne echte Langzeitperspektive Woche um Woche verlängert wird, verlieren zu viele Menschen den Glauben daran, dass sie den Verlauf der Pandemie wirklich beeinflussen können – und missachten vielleicht sogar zunehmend die Corona-Regeln, obwohl tatsächlich das Verhalten jedes Einzelnen dazu beiträgt, die Corona-Zahlen zu erhöhen oder zu senken. In den Worten von Harth: „Ich sehe nur eine Inzidenzzahl, für die ich selbst nicht verantwortlich bin, aber ich darf meinen Laden selbst nicht aufmachen kann.“

Wenn Menschen aber wüssten, dass bei einer bestimmten Infektionslage wieder Treffen mit mehr Angehörigen möglich sein, vielleicht sogar Besuche in Restaurants oder Mannschaftssport, dann animiere sie das dazu, aktiv mitzuhelfen, die Zahlen zu senken. Durch konsequentes Masketragen, durch die Einhaltung von Abständen, durch das Reduzieren von persönlichen Kontakten. Anders ausgedrückt: Ein Stufenplan würde aus dieser Perspektive jedem Menschen noch viel stärker als bisher das Gefühl geben, eine aktive Rolle im Kampf gegen die Pandemie zu spielen; statt ihm zu einem gefühlten Opfer der Krise zu machen.

So sehr Dickmann, Harth und auch andere Wissenschaftler allerdings betonen, dass ein Stufenplan nicht nur bedeutet, dass Beschränkungen gelockert, sondern dass sie bei steigenden Zahlen auch wieder verschärft werden müssen, so sehr plädieren sie dafür, nicht nur auf die Inzidenzwerte zu schauen, um das Infektionsgeschehen in Thüringen, ja in ganz Deutschland zu bewerten. Die Frage, wie viele Intensivbetten für Corona-Patienten zur Verfügung stehen, müsse dabei zum Beispiel ebenfalls berücksichtig werde. Oder die Frage, wie viele Corona-Tests zuletzt positiv ausgefallen seien. Oder, ob die bekannt gewordenen Ausbrüche sich zum Beispiel auf ein Pflegeheim konzentrieren oder voneinander unabhängig in der Fläche ausgetreten sind.

Ähnliche Überlegungen sind im Thüringer Corona-Stufenplan – dessen Umsetzung derzeit ausgesetzt ist – zwar schon verankert. Sie zeigen aber auch, dass ein Stufenplan wohl ein wichtiges Instrument ist; dass auch er der Umgang mit Corona aber nicht zu einer einfachen Sache macht.

 

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