Corona Regiomed-Kinderklinik schlägt Alarm

Die Hand eines fünf Jahre alten Mädchens, aufgenommen im Januar 2022 in Rötungen an den Handinnenflächen Foto: Birgit Schwabe/Regiomed

Immer mehr Kinder und Jugendliche leiden nach einer Covid-19-Infektion an schweren Ganzkörperentzündungsreaktionen. Das berichtet die Kinderklinik des Regiomed-Krankenhauses Coburg. Sie rät zum Impfen.

Coburg/Sonneberg - Viele Aspekte der Corona-Infektion sind nach gut zwei Jahren Pandemie gut erforscht und nachgewiesen. Andere Punkte sind noch nicht erforscht, aber aus dem direkten Zusammenhang mit der Infektion abzuleiten. So wie die Ganzkörperentzündungsreaktionen, die nun vermehrt Kinder und Jugendliche nach einer Corona-Infektion erleiden. Davon berichtet die Kinderklinik im Coburger Krankenhaus, das zum Regiomed-Klinikverbund gehört.

Bei der Erkrankung scheint es nach Angaben der Coburger Mediziner irrelevant zu sein, ob die Kinder eine Infektion mit dem Sars-CoV-2-Erreger aktiv und mit den typischen Symptomen durchmachen oder ob die Viruserkrankung symptomlos abläuft. Nach mehreren Wochen oder Monaten erleiden immer mehr dieser Kinder eine schwere Entzündungsreaktion, die den gesamten Körper betrifft. Im medizinischen Sprachgebrauch wird diese Krankheit Multisystem Inflammatory Syndrom in Children (MIS-C) oder Pediatric Multisystem Inflammatory Syndrom (PIMS) genannt.

Immunsystem spielt verrückt

Bekannt ist bisher, dass im Anschluss an eine Corona-Infektion das Immunsystem der betroffenen Kinder plötzlich verrücktspielt. Es findet eine überschießende Immunantwort statt. Nach dem Abwehrkampf gegen das Coronavirus greift das körpereigene Immunsystem in der Folge fast alle Organe des kindlichen Körpers an. Die Mädchen und Jungen klagen plötzlich über Fieber, bekommen Hautausschläge, haben sehr oft starke Bauchschmerzen, die an eine Blinddarmentzündung denken lassen. Die Bindehaut der Augen ist gerötet und die Lymphknoten sind geschwollen. Nach Einweisung in die Kinderklinik ergeben die Untersuchungen dann stark erhöhte Entzündungswerte im Blut, Zeichen einer Herzmuskel- und Leberentzündung. Regelmäßig treten auch schwere Komplikationen wie totales Kreislauf- und Nierenversagen auf. Auch Wasseransammlung im Bauchraum, in der Brusthöhle oder im Herzbeutel werden oft diagnostiziert. Ein Viertel dieser Kinder muss sogar auf der Intensivstation behandelt werden, heißt es aus dem Klinikum.

„Glücklicherweise wirkt die Behandlung gegen die Entzündungsreaktion mit aggressiven Me­dikamenten wie zum Beispiel Cortison sehr gut und die Kinder erholen sich rasch. Bisher wurden erfreulicherweise nur vereinzelt Langzeitfolgen bei Kindern gemeldet, jedoch ist die Datenlage bisher noch nicht ausreichend und weitere wissenschaftliche Untersuchungen müssen folgen“, erläutert der Leiter der Coburger Kinderklinik, Peter Dahlem.

Hoffnung

Aktuelle Forschungsergebnisse aus den USA (CDC Atlanta) machten große Hoffnung, dass man diese lebensbedrohliche Ganzkörperentzündung beziehungsweise die schwerwiegenden Auswirkungen durch eine Impfung verhindern kann. Betroffene Kinder müssten nicht mehr unbedingt im Krankenhaus oder auf einer Intensivstation behandelt werden. Von einer Impfung profitieren der Studie zufolge vor allem Kinder im Alter von fünf bis 18 Jahre mit chronischen Erkrankungen und einer vorhergehenden Lungenentzündung, die in einer Kinderklinik behandelt werden mussten.

Peter Dahlem erklärt, „tatsächlich behandeln wir immer mehr Kinder, die mit Sars-CoV-2 infiziert sind, sei es, dass sie wegen Covid-19 stationär behandelt werden müssen, oder dass die Infektion als Zufallsbefund im Aufnahmetestscreening festgestellt wird“. Die Erkrankung verlaufe nach Angaben des Chefarztes bei Kindern in der Regel aber sehr mild. Stationäre Aufnahmen we­gen einer schweren In­fektion seien weniger häufig als bei Erwachsenen, und die Erkrankung lasse sich bei ihnen gut behandeln. „Jedoch können auch bei Kindern und Jugendlichen nach der Infektion Long-Covid-Symptome auftreten“, so Peter Dahlem. „Daneben sehen wir in unserer Klinik leider auch zunehmend das MIS-C, oder PIMS, die Ganzkörperentzündung; im Moment fast wöchentlich. Es erschreckt einen, wie schwer krank die Kinder sind und wie lange sie intensiv medizinisch behandelt werden müssen.“ Trotz des guten Anschlagens der Medikamente hätten die Kinder eine schwere Leidenszeit, „und wir wissen noch nicht, wie dauerhaft die Organschäden wirklich sind“.

„Impfen, impfen, impfen“

Kristina Hoffmann, Kinderärztin am Regiomed-Klinikum Coburg, betont, „wenn man als Intensivarzt auf der Kinderintensivstation diese Kinder betreut, erlebt man, wie sehr Kinder, Eltern und die ganze Familie darunter leiden. Auch für die Pflegenden und uns Stationsärzte stellt die Behandlung von Kindern mit MIS-C eine große emotionale He­rausforderung dar, wenn zum Beispiel der Kreislauf total versagt und stärkste Medikamente wie Adrenalin zur Besserung der Symptome eingesetzt werden müssen.“

Kristina Hofmann rät Eltern, „auch wenn es inzwischen abgedroschen klingt: impfen, impfen, impfen. Es ist erwiesen, dass eine Impfung mit dem zugelassenen Impfstoff diese schwere Erkrankung bei Kindern verhindern kann.“ Im Impfzentrum Co­burg bereite es der Ärztin „sehr viel Spaß, dazu beizutragen, dass die Kinder davor verschont bleiben“. Ge­meinsam mit den Eltern würden im Aufklärungsgespräch Risiken be­sprochen und abgewogen. „Ich kann für meine Impfeinsätze sagen, dass die Kinder sich sehr vorbildlich verhalten und sich durchaus der Wichtigkeit der Impfung bewusst sind. Sie wollen mit ihrer Impfung sich, aber auch andere schützen. Bisher sind mir auch keine Impfreaktionen bekannt, die über die bereits bekannten Reaktionen hinausgehen“, be­tont Kristina Hofmann. rm

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