Corona-Pandemie Niedrige Inzidenz – reine Glückssache?

Die Mutter des Erfolges von Tübingen? Notärztin Lisa Federle hat die kostenlosen Testzentren mit aufgebaut. Foto: dpa/Tom Weller

Wie schaffen es Städte wie Tübingen, Münster oder Rostock die Pandemie in Schach zu halten? Massenhafte Tests zeichnen sich als ein Schlüssel im Kampf gegen die Pandemie ab.

Meiningen/Tübingen/Berlin - Südthüringen hat es wieder einmal in die Tagesthemen geschafft. Leider sind die Nachrichten, die in der Corona-Pandemie aus dem Thüringer Wald kommen, selten positiv. Nach dem Landkreis Hildburghausen ist nun der Landkreis Schmalkalden-Meiningen der Corona-Hotspot Nummer 1 in Deutschland. Mit einer Inzidenz jenseits der 300.

Davon sind andere Regionen in Deutschland inzwischen weit entfernt. Obwohl Tübingen, das es am vergangenen Wochenende auch in die Abendnachrichten geschafft hatte, in dieser Woche einen Rückschlag hinnehmen musste. In der Universitätsstadt in Baden-Württemberg ist die Inzidenz wieder über 50 geklettert.

Doch Tübingen gehört neben Rostock und Münster zu den Städten, die in den vergangenen Tagen am häufigsten genant werden. Als leuchtende Beispiele dafür, dass es gelingen kann, die Zahl der Neuansteckungen nach unten zu drücken. Und das ist ja das erklärte Ziel all der Shut- und Lockdowns der vergangenen Wochen.

Alles Glückssache? Kaum. Vielmehr stecken Strategien dahinter, die durchaus als Vorbild für andere gesehen werden könnten. Tübingen war vor wenigen Tagen der erste Landkreis in Baden-Württemberg, der nicht mehr als Risikogebiet eingestuft werden musste. Eine Woche lang lag die Zahl der Neuinfizierten pro 100 000 Einwohner bei unter 50.

„Das ist toll“, freute sich Lisa Federle. Die Notärztin gilt als die Erfinderin der Tübinger Teststrategie. Sie führt den Erfolg auf mehrere Faktoren zurück: Kontaktbeschränkungen und Hygieneregeln, die kostenlosen Schnelltests für die breite Masse sowie die gezielte Teststrategie in den Alten- und Pflegeheimen. Das Konzept ist längst zur Blaupause geworden. Der Kreis Pfaffenhofen folgt ihm und bietet in sechs Zentren kostenlose Schnelltests an.

Federle ist Unterzeichnerin eines Appells an die Tübinger Bürger, den auch der grüne Oberbürgermeister Boris Palmer mit auf den Weg gebracht hat. „Wir sind bisher deutlich besser durch die zweite Welle gekommen als viele andere Landstriche“, heißt es dort. Die Entwicklung solle aber nicht zu Leichtsinn führen. Ältere werden gebeten, FFP2-Masken zu tragen und das Anruftaxi zum Bustarif von 2,50 Euro zu nutzen. Angesprochen wird in dem Brief auch der Stillstand der Wirtschaft. Man hoffe, dass „der Tübinger Einzelhandel in naher Zukunft mit guten Hygienekonzepten wieder öffnen kann.“

Der Landessozialminister Manfred Lucha (Grüne) schiebt solchen Hoffnungen, die vor allem Palmer hegt, einen Riegel vor. „Die Lage ist noch viel zu fragil, um Lockerungen ins Auge zu fassen“, sagte Lucha dieser Tage. Und er behielt Recht, wie die aktuellsten Zahlen aus Tübingen zeigen.

Und Tübingen ist längst nicht mehr das einzige Beispiel, das zeigt, dass eine Strategie zum Erfolg führen kann. Rostock wies am Freitagmorgen eine Inzidenz von 47 aus. Auch die Hafenstadt an der Ostsee hat eine Strategie gefahren, die vor allem deutlich mehr Tests beinhaltet als sie das Robert-Koch-Institut eigentlich vorsieht.

Auch außerhalb Deutschlands gibt es Beispiele, dass im Testen einer der Schlüssel im Kampf gegen die Pandemie steckt. In Dänemark etwa. Bei unseren Nachbarn im Norden wurden mittlerweile 13 Millionen Corona-Tests genommen. Dabei hat das Land gerade einmal 5,8 Millionen Einwohner. Jeder Däne hat sich also rein rechnerisch schon mehr als zwei mal testen lassen.

Und Deutschland? Kommt auf gerade einmal rund 34 Millionen Corona-Tests. Wobei diese Zahl nur die offiziell erfassten PCR-Tests enthält. Negative Schnelltests, die Menschen in einem der vielen Testcenter haben machen lassen, die gerade vor Weihnachten in den Städten wie Pilze aus dem Boden schossen, flossen in die Statistik nicht ein.

Längst werden auch in Thüringen Forderungen laut, die Teststrategie anderer Regionen zu kopieren. „Wenn Thüringen immer noch trauriger Spitzenreiter bei den Corona-Neuinfektionen ist und zu wenig Impfstoff vorhanden ist, muss die Landesregierung kreativ werden, wie sich Corona-Neuinfektionen eindämmen lassen“, sagt Gerald Ullrich, FDP-Bundestagsabgeordneter aus Schmalkalden, im Gespräch mit dieser Zeitung.

Thüringen könnte aus seiner Sicht Vorreiter sein beim Einführen von kostenlosen Corona-Tests für alle. „Jeder könnte sich testen lassen“, schlägt Ullrich vor. Zum Beispiel vor dem Besuch im Pflegeheim, bei seiner betagten Verwandtschaft, wenn der Einzelne sich unsicher ist, ob er sich angesteckt haben könnte oder sich krank fühlt. „Außerdem kann regelmäßiges Testen helfen, das Bewusstsein für die Ansteckungsgefahr nicht aus den Augen zu verlieren“, so Ullrich.

Rostock und Tübingen könnten aus seiner Sicht Beispiele für den Freistaat sein. Mit ihren Maßnahmen wie testen, testen, testen, aber auch Einkaufszeiten nur für Senioren oder Taxis für Senioren für notwendige Wege zum Preis eines Bustickets.

Die Forderung der SPD, FFP2-Masken für den öffentlichen Nahverkehr kostenlos bereitzustellen, geht Ullrich nicht weit genug. „Der ÖPNV wird in erster Linie genutzt, um zum Arbeitsplatz zu kommen. Daher sollten alle Thüringerinnen und Thüringer kostenlos FFP2-Masken erhalten“, fordert er. Dass Thüringen nun etwa 2,5 Millionen medizinische Masken für Bedürftige gratis zur Verfügung stellt, sei ein Anfang. „Wir brauchen auch ein anderes System zur Verteilung der Masken. Die Verteilung muss in Thüringen deutlich besser laufen als bei der Bundesregierung. Die Landesregierung sollte den Bedürftigen die Masken schnell und unkompliziert, ohne Ansteckungsgefahr per Post zuschicken“, sagt Ullrich.

Auch in der Wirtschaft regt sich seit Tagen die Forderung, in Thüringen mehr zu tun, um endlich von den hohen Fallzahlen herunterzukommen. Um der Wirtschaft endlich wieder eine Perspektive zu geben. Als Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) Mitte des Monats gar von einem totalen Lockdown der gesamten Wirtschaft sprach, schrillten bei der Industrie- und Handelskammer Südthüringen die Alarmglocken. Eine Blitzumfrage unter ihren Mitgliedern ergab, dass 50 Prozent die Existenz ihrer Unternehmen bedroht sähen, wenn der Lockdown verschärft würde.

Daher ist die Kammer im Gespräch mit der Landesregierung, um Alternativen auszuloten. Eine Ausweitung der Tests gehört dabei auch zu den diskutierten Möglichkeiten. Allerdings scheitert diese aus Sicht der Kammer auch an politischen Hürden. „Zum Verkauf von Schnelltests durch Apotheken an Unternehmen muss die Medizinprodukte-Abgabeverordnung (MPAV) durch das Bundesministerium für Gesundheit angepasst werden“, erklärt IHK-Hauptgeschäftsführer Ralf Pieterwas. „Wir bemühen uns über den DIHK um eine entsprechende Novelle. Ministerpräsident Ramelow hat zugesagt, das Thüringer Gesundheitsministerium zu beauftragen, ebenfalls auf die notwendige Anpassung der MPAV hinzuwirken“, sagt er. Eine Novelle der Verordnung ist tatsächlich in Arbeit. Ein Referentenentwurf liegt vor.

Die IHK empfiehlt bis zu einer Neuregelung ihren Mitgliedern übergangsweise folgende Teststrategie: Ausbildungsunternehmen können wie Schulen Schnelltests selbst erwerben und testen. Die Einweisung von Ersthelfern in die Tests übernehmen die Apotheken im Rahmen ihrer Beratungspflichtleistungen. Das betrifft in Südthüringen circa 700 Unternehmen.

Alle anderen Unternehmen können Tests in Apotheken durchführen lassen. In Südthüringen bieten laut Apothekerkammer bisher jedoch nur zwei Apotheken die Tests an: Wilhelm-Hey-Apotheke in Ichtershausen und die Rosen-Apotheke in Schmalkalden.

„Natürlich wäre es darüber hinaus schön, wenn der Freistaat sich an den Kosten für Schnelltests beteiligen würde“, sagt Pieterwas. Allerdings ist er mit der Forderung aktuell noch vorsichtig. „Wir befürchten, dass ein längeres politisches und verwaltungsseitiges Prozedere einsetzt, wenn diese Forderung von uns erhoben wird. Das könnte die Umsetzung unnötig verzögern“, sagt der IHK-Chef. Deshalb setze die Kammer aus pragmatischen Gründen zunächst darauf, dass die Unternehmen im eigenen Interesse die Kosten erst einmal selbst tragen.

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