Corona-Pandemie Die verpassten Chancen

Jolf Schneider

Lockdown light, Lockdown, Shutdown. An Namen für das Herunterfahren des öffentlichen Lebens mangelt es nach einem Jahr Pandemie nicht in Deutschland. An alternativen Konzepten aber offensichtlich schon.

Vier Dinge, bei denen Deutschland noch Luft nach oben hat: Andere Länder nutzen das Abwasser längst, um Corona-Hotspots aufzuspüren, in Deutschland scheitern solche Projekte an der Finanzierung (oben links). In Österreich (oben rechts) testen Schüler sich inzwischen zwei Mal in der Woche selbst. So wird Präsenzunterricht wieder möglich. Luftfilter (unten links) gelten als ein Element, um die Ansteckungsgefahr in geschlossenen Räumen zu minimieren, doch für Schulen werden sie bislang kaum genutzt. Und längst nicht alle Gesundheitsämter arbeiten mit der in Deutschland entwickelten Pandemie-Software Sormas. Foto: /Archiv/dpa

Berlin/Suhl/Hof - Die Friseure haben nun ein Datum. Immerhin. Sie haben die Aussicht, dass sie ihre Salons von 1. März an wieder öffnen dürfen. Es ist eines der wenigen greifbaren Ergebnisse des Treffens von Bundeskanzlerin Angela Merkel mit den Ministerpräsidenten am Mittwoch. Der Rest? Durchhalteparolen.

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Die Opposition reagiert zunehmend genervt auf das, was da aus Kanzleramt und Staatskanzleien kommt. Und nicht nur die. Auch bei den Menschen macht sich mehr und mehr Lockdown-Müdigkeit breit, wie auch die jüngste Umfrage der Universität Erfurt zeigt, die alle 14 Tage die Stimmung der Deutschen in der Pandemie abfragt.

Dabei gäbe es durchaus Dinge, die die Politik tun könnte. Nein, nicht das gegenseitige Überbieten mit Stufenplänen, wie sie in der Woche vor der Ministerpräsidentenkonferenz aus fast allen Ländern im gefühlten Stundentakt auf die Menschen hereinprasselten. Das Problem all dieser Pläne und Konzepte, die in den Staatskanzleien ersonnen werden: Sie zeigen zwar auf, wie das Wiederhochfahren des öffentlichen Lebens unter bestimmten Rahmenbedingungen gelingen könnte. Meistens soll dafür eine Mischung aus niedriger Zahl von Neuansteckungen, leereren Krankenhäusern und weiteren Faktoren erreicht werden. Sie zeigen aber keine Wege auf, wie die Verbesserungen erreicht werden können. Sie zeigen keine anderen Wege als das Aussitzen des Lockdowns aus der Krise.

Dabei gäbe es diese durchaus. Einer dieser Wege liegt im Untergrund. Und ist, zugegebenermaßen, wenig appetitlich. Unser Abwasser könnte einer der Schlüssel zur Eindämmung der Pandemie sein. Vergangenen Sommer schon hatten Wissenschaftler aus ganz Europa entdeckt, dass sich Coronaviren im Abwasser nachweisen lassen. Ihre Theorie: Mit entsprechender Sensorik könnten Infektionsherde wohnquartiersgenau zugeordnet werden. Denn wenn man weiß, woher das mit Viren belastete Wasser kommt, dann ist die Spurensuche deutlich leichter.

Der „Spiegel“ berichtete Ende Januar, dass seit Juni etwa in Belgien das Abwasser systematisch untersucht wird. Als die neue, ansteckendere Mutation in Großbritannien auftauchte, gelang bald darauf auch in Österreich und der Schweiz der Nachweis im Abwasser. Auf derlei Erfolgsmeldungen wartet man hierzulande noch vergebens. Zwar arbeiten etliche Forschungsgruppen am Thema, unter anderem in Leipzig, Frankfurt am Main, Berchtesgaden und Oldenburg, aber eine umfassende nationale Untersuchungsstrategie fehlt. Die Forschung ist regional zersplittert, die Politik trödelt. Zum Thema Abwasser findet sich in den jüngsten Beschlüssen der Kanzlerin und der Länderchefs kein Wort.

Ein weiteres Feld, auf dem Deutschland wertvolle Chancen auf dem Weg aus den Lockdowns liegen lässt, sind Schnelltests. Zwar feiern sich die Regierungschefs in ihrem am Dienstag erarbeiteten Papier dafür, dass es in den letzten drei Monaten gelungen sei, „neben dem weiteren Aufbau der PCR-Laborkapazitäten auf mittlerweile bis zu zwei Millionen Tests pro Woche auch PoC-Antigen-Schnelltests für den Gebrauch durch geschulte Personen millionenfach verfügbar zu machen“. Das Problem: Die Laborkapazitäten werden nicht genutzt. Seit Anfang des Jahres stagniert die Zahl der PCR-Tests bei etwas über einer Million pro Woche. Und bei den Schnelltests? „Schätzungen gehen von 15 bis 35 Millionen durchgeführten Schnelltests in Deutschland im Januar 2021 aus“, heißt es in dem Papier der Regierungschefs. Und genau das Wort Schätzung offenbart das Problem. Über Schnelltests wird kaum Buch geführt. Es ist also nicht sicher, wie viele positive Fälle dadurch aufgespürt werden.

Und auch andere Länder sind hier längst weiter. In Österreich testen sich Schüler inzwischen zwei Mal in der Woche selbst, um den Präsenzunterricht zu ermöglichen. In Deutschland wurde immerhin die Testverordnung des Bundes inzwischen geändert. Theoretisch könnten also auch Selbsttests inzwischen angewendet werden. Doch statt sie unters Volk zu bringen, streitet die Politik noch darüber, ob sie nun kostenlos sein sollen oder nicht.

Das Thema moderne Informationstechnologie und Pandemie haben die Kabarettisten Max Uthoff und Claus von Wagner in ihrer Sendung „Die Anstalt“ aufgearbeitet. Am Beispiel der in Deutschland entwickelten Pandemie-Software Sormas. Die hat der heutige Bundesgesundheitsminister Jens Spahn zwar im Jahr 2009 schon in Namibia bewundert, erzählten Uthoff und Wagner. Doch in Deutschland arbeitet erst ein Drittel der Gesundheitsämter damit. Entscheidend an den Beschlüssen der Regierungschefs ist nicht, was darin steht, sondern das, was nicht drinsteht, aber helfen könnte auf dem Weg aus dem Lockdown.