Burgenmuseum Das war das Playmobil des Mittelalters

Vanessa Schmitt

Eine kleine Reiterfigur aus Ton gewährt auf der Veste Heldburg Einblicke in mittelalterliche Alltagswelten.

Spielfiguren wie dieser mittelalterliche Reiter sind heute aus Kunststoff, doch haben nichts von ihrer Anziehungskraft für Kinder verloren. Foto: Björn Chilian/Burgenmuseum

Im Deutschen Burgenmuseum Veste Heldburg dreht sich alles um das Thema „Burgen“ in seinen unterschiedlichen Facetten. Die Vielfalt dieses spannenden Wissensfeldes spiegelt sich auch in den zahlreichen anschaulichen Objekten des Museums – von Bauwerkzeugen über Waffen bis hin zu Alltagsgegenständen.

Nach der Werbung weiterlesen

Burgen sind für viele Menschen Sinnbilder längst vergangener Zeiten und regen in ihrer beeindruckenden, mitunter geheimnisvollen Präsenz die Fantasie an. Sie sind aber auch Zeugen echter Geschichte und echter, gelebter Leben – und am Anfang eines jeden Lebens steht natürlich die Kindheit.

Passend zum Kindertag am 20. September beginnen das Burgenmuseum die Reihe seiner besonders interessanten Ausstellungsstücke mit einem eher unscheinbaren Objekt, das sich aber bis heute, zwar in etwas anderer Ausführung, im Kinderzimmer großer Beliebtheit erfreut: Seine Gestaltung und Funktion haben sich über die vielen Jahrhunderte im Grunde nur wenig verändert.

Edler Ritter und stolzes Ross

Das kleine, offenbar mit einfachen, routinierten Handgriffen aus Ton geformte Pferdchen ist eine Leihgabe des Germanischen Nationalmuseums in Nürnberg. Stolz steht es mit allen Vieren fest auf dem Boden. Auf seinem Rücken trägt es einen genauso einfach hergestellten Reiter mit Helm. Im Gegensatz zum Pferd besitzt er ein modelliertes Gesicht, das möglicherweise mit Hilfe eines Models hergestellt wurde.

Ein Model ist eine mehrfach wiederverwendbare Form, in die der noch feuchte Ton gepresst wird, um damit verschiedene Motive (in diesem Fall das Gesicht des Reiters) sozusagen seriell zu erzeugen. Auffällig ist das Loch in der Brust der Reiterfigur. Scheinbar befand sich an dieser Stelle etwas, das die Zeit leider nicht überdauert hat. Vielleicht konnte man hier ursprünglich eine Lanze befestigen, die der Reiter somit in der Hand hielt? Zusammen mit dem Schild, der sich neben dem Loch in der Brust befindet, ist dieses Figürchen also als Ritter zu lesen.

Viel hat sich nicht verändert

Diese Ritterfigur mit einer Höhe von elf Zentimetern stammt aus dem Mittelalter, aus der Zeit zwischen dem 13. und 15. Jahrhundert. Ab dem 13. Jahrhundert waren solche Tonfiguren beliebte Kinderspielzeuge, die es in unterschiedlichen Ausführungen gab. Bei archäologischen Grabungen fand man auch Pferde ohne Reiter, sowie andere Tiere, beispielsweise Vögel, Hunde oder Hirsche.

Pferde, Reiter und edle Ritter waren besonders bei Kindern aus höheren Gesellschaftsschichten, also eben auch solchen, die auf Burgen wohnten, ein wichtiger Bestandteil der Lebensrealität. Diejenigen, die später selbst einmal in den Ritterstand aufgenommen werden sollten, konnten sich im Spiel schon einmal auf diese Rolle vorbereiten.

Viel scheint sich im Laufe der Zeit an der Beliebtheit solcher Figuren aber nicht verändert zu haben. Denkt man beim Anblick dieses Jahrhunderte alten Spielzeugs nicht gleich an die verschiedenen Pferde- und Reiterfiguren, mit denen sich auch heute noch gerne in mittelalterliche Fantasiewelten geträumt wird? Der wohl größte Unterschied findet sich wohl im verwendeten Material: Mit wenigen hölzernen Ausnahmen sind Spielzeuge heute nicht mehr aus dem empfindlichen Ton, sondern meist aus Kunststoff hergestellt.

Wer diese Figur und viele weitere spannende Objekte sehen und in die faszinierende Welt der Burgen eintauchen möchte, kann das Deutsche Burgenmuseum auf der Veste Heldburg auch am 20. September besuchen. Dort wird der Kindertag mit einem abwechslungsreichen Programm aus Kinderführungen, Bastelaktionen und sogar Schwertkampf – an diesem Tag sogar komplett kostenfrei – gefeiert.

*Vanessa Schmitt ist wissenschaftliche Volontärin am Burgenmuseum Heldburg

Deutsches Burgenmuseum, Öffnungszeiten: Januar und Februar: Sa. und So. 10 bis 16 Uhr; März, Nov., Dez.: Di.–So. 10 bis 16 Uhr; April bis Oktober: Di.–So. 10 bis 17 Uhr.