Brief an Müller Objektophilie

Jessie Morgenroth
Herr Müller bekommt täglich Post aus der Lokalredaktion. Foto: Freies Wort

Jessie Morgenroth schreibt an Herrn Müller und macht sich Gedanken zu Eigenheiten von Journalisten.

Natürlich haben Sie Recht, lieber Herr Müller, ... ... als Journalist macht man komische Sachen. Man ruft zum Beispiel Menschen an, die man überhaupt nicht kennt, und lässt sich telefonisch ihre ganze Lebensgeschichte erzählen. Für einen Artikel, versteht sich. Zumindest in der Coronazeit gehörten Telefonrecherchen zum Tagesgeschäft, manch einer wird bestimmt mal kritisch mit der Augenbraue gezuckt haben, als sich ein vermeintlicher Journalist mit Fragen auf der anderen Seite des Hörers meldete und den ahnungslosen Angerufenen mit Fragen löcherte. Der kurze Zeit später erschienene Artikel immerhin verschaffte Klarheit. „Oh, ich habe ja wirklich mit der Zeitung gesprochen“.

Doch Journalisten machen auch andere komische Sachen. Sie stehen zum Beispiel immer im Weg rum, um die besten Fotos zu machen und versperren damit die Sicht auf das Wesentliche. Oder sie stehen einfach mitten in der Stadt und fotografieren wild herum. Was ich schon alles für Artikel fotografiert habe: Gebäude, Straßen, Verkehrsschilder, Bänke. Das sieht für Außenstehende sicherlich lustig aus. Seien Sie, lieber Müller, aber versichert: Wir Journalisten sind nicht objektophil und fühlen uns zu Häusern oder Gegenständen hingezogen. Wir machen das beruflich.

Mit freundlichen Grüßen

Jessie Morgenroth

 

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