Brief an Müller Lieblingspflanzen ohne Hitzestress

Herr Müller bekommt täglich Post aus der Lokalredaktion. Foto: Freies Wort

Uwe Appelfeller schreibt an Herrn Müller und macht sich seine Gedanken zur Kartoffel.

 
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Natürlich haben Sie recht, lieber Herr Müller, ... ... wo alle Blumen vertrocknet sind, da kann man sich das Gießen sparen. Diesen jahrhundertealten Sinnspruch habe ich mir zwar soeben ausgedacht, ich befürchte aber, dass er in vergangenen Zeiten schon mehrfach aufgesagt wurde – wahrscheinlich in abgewandelter Form. Es gab ja früher auch schon längere Trockenperioden, die sind keine Erfindung der Klimaschützer oder der Sonnencremeindustrie. Aktuell ist der Spruch dennoch. Wenn ich mich im heimischen Garten umschaue, dann sehe ich viel verbrannten Rasen. Daraus schlussfolgere ich, dass ich mir das Bewässern sparen kann – und auch das Rasenmähen. Das finde ich wiederum gar nicht schlecht, so bleibt mehr Zeit für andere wichtige Sachen. Zum Beispiel für die Beerenernte. Jedoch sind an den Stachelbeer- und Johannisbeerbüschen wegen der Trockenheit auch nur ein paar verhutzelte Kügelchen dran. Das lohnt in diesem Jahr nicht wirklich. Sommeräpfel ernten? Gute Sache, aber bei genauerem Hinsehen macht auch das keinen Spaß:  Zum Teil haben die Äpfel sonnenverkohlte Stellen. Die noch genießbaren Seiten haben dagegen Löcher vom Wespenfraß: Die unangenehmen Insekten stürzen sich bei der Hitze natürlich auch auf alles, was nahrhaft und zudem erfrischend ist. Da lobe ich mir doch die gute alte Kartoffel: Deren Stängel treiben aus und sprießen, als ob es gar keinen Wassermangel gäbe. Eine weitgehend stressfreie Pflanze, die im Gegensatz zu vielen Mitmenschen nicht ständig über irgendwas jammert und ohne ausgiebige Bewässerung so wächst, wie sie soll. Sie macht auch nicht viel Arbeit: Im Frühjahr hineinpflanzen ins Beet, im Herbst wieder herausernten, leckere Speisen draus machen – das war’s. Wenn Kartoffeln noch etwas mehr könnten, etwa Schatten spenden, sich zu Möbeln verarbeiten lassen, als Brennmaterial dienen – dann könnten sie sogar den gestressten Wald in seiner Funktion ablösen. Das können die Kartoffeln aber nicht, also reicht es nur dazu, dass sie unter den Top Ten meiner Lieblingspflanzen sind.

Mit freundlichen Grüßen

Uwe Appelfeller

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