Breitungen Restaurierte Sieglinde läutet wieder Friedenslied ein

Julia Otto
Vor dem Festkonzert versammelte sich die Gemeinde rund um die St. Lukaskirche, um dem Klang der Glocken zu lauschen. Foto: Bert Wilhelm

Das Glockenspiel von Wernshausen ist wieder komplett. Die Kirchengemeinde feierte die Wiedereinweihung der großen und ältesten Bronze-Glocke mit einem Festkonzert in der St. Lukaskirche und einem Glockenfest im Gemeindehaus .

Mehr als zwei Jahre hatte die Kirchgemeinde auf diesen besonderen Moment gewartet. Bereits am 12. April 2020 wurde die große Glocke während der Pandemie zum ersten Mal wieder in Betrieb genommen. Und so erklang das gesamte Geläut, das aus insgesamt drei Glocken besteht, am Ostersonntag 2020 wieder in voller Pracht. An eine Feier war damals nicht zu denken. Jedoch rief sie in dieser schweren Zeit zum gemeinsamen Gebet auf.

Im Volksmund trägt die große Glocke den Namen: Friedensglocke Sieglinde. In Erinnerung an ihre beiden Stifter und in Zusammensetzung der beiden Vornamen Siegmund und Rosalinde Fischer. Im Ersten Weltkrieg zu Rüstungszwecken eingeschmolzen, sorgte das Ehepaar dafür, dass die Glocke neu gegossen wurde und schließlich im Friedensjahr 1919 wieder erklingt – zu Gottes Ehre, zur Andacht und zur Mahnung. „…Wir harren im tiefsten Leid des Herren der Ewigkeit …“ mit dieser Inschrift und dem Flößerwappen versehen, wurde die große Glocke im Jahre 1919 wieder hinauf in den Turm der St. Lukaskirche gezogen. Damals gegossen von der Firma Schilling in Apolda.

Seit dem 4. September 2018 hatte man den Klang der Glocke nicht mehr gehört. Damals musste sie außer Betrieb genommen werden, weil der Bauzustand des Kirchturms, der Glockenstube, des Glockenstuhls und der Läuteanlage alles andere als zufriedenstellend war. Und auch die Aufhängung der Glocke war nicht mehr sicher, da ein Bügel abgerissen war und geschweißt werden musste. Dafür wurde die 950 Kilo schwere Bronzeglocke mit einem Durchmesser von 116 Zentimetern am 4. September 2018 – fast 100 Jahre nach ihrer Weihe – aus dem Turm gehoben und zur Restaurierung in eine Spezialwerkstatt in die Niederlande gebracht. Seitdem verrichten nur noch die zwei kleinen Bronzeglocken im Turm ihren Dienst. In einem zweiten Bauabschnitt wurden Reparaturen am Glockenstuhl und in der Glockenstube erledigt. Dank vieler Spendengelder und öffentlicher Fördermittel war die mehr als 40 000 Euro kostende Restaurierung möglich.

Ein Rundgang durch den Glockenturm an der Seite der Flößer Roland Schellenberg und Hubert Fuß brachte auch bildhafte Eindrücke von der Geschichte des Geläuts. Denn: zwei Stockwerke unterhalb der Glocken ist noch das alte Uhrwerk zu entdecken, versteckt in einem Verschlag. Daneben hängen noch die alten Seile. „Bis in die 70er-Jahre wurden die drei Glocken von Hand geläutet und wieder gebremst“, erzählt Roland Schellenberg. Seit einer Renovierung in den 90er-Jahren ist es mit einer Funkuhr versehen. Da die alte Fernbedienung nicht mehr zuverlässig funktionierte und es Probleme mit der Sendefrequenz gab, wurde im Rahmen der Sanierung auch eine moderne Läuteanlage installiert.

Spende aus Amerika

Bereits vor dem Konzertgottesdienst versammelten sich rund 120 Besucher in einem Kreis rund um die St. Lukaskirche, um dem Klang der Glocken zu lauschen. Zunächst ertönten die zwei kleinen Glocken, dann wurde auch „Sieglinde“ dazugeschaltet. Die Festpredigt hielt Pfarrerin Stephanie Reinhardt in Vertretung für den erkrankten Superintendenten Christoph Ernst. „So klingt seither wieder Tag für Tag ein Friedensgeläut über unser Dorf“, freute sich Pfarrerin Stephanie Reinhardt. Und mit ihm seine Botschaft: „Ehre sei Gott in der Höhe“ und „Frieden auf Erden“.

Sie mahnte, auch mal nach „oben zu schauen“. „Niemand will in einer Welt leben, in der Menschen gegeneinander vorgehen“, so die Pfarrerin. Deshalb sei es so wichtig, Abstand zu gewinnen zu all den Unheilszenarien der Welt und bei all den Meinungsverschiedenheiten „aufeinander zuzugehen“. Stattdessen solle man sich an den kleinen Wundern erfreuen. Ein großer Dank ging an alle Spenderinnen und Spender, sowie alle, die die Restaurierung betreut und das Fest vorbereitet haben.

Ein bedeutender Spendenbetrag kam von Terrylyn Witt, deren Vorfahren aus Wernshausen stammen und die zum Fest aus Amerika angereist war. Für einen Hörgenuss sorgten Iris Schellenberg (Orgel) und Hans Hüfler (Trompete/Euphonium/Flügelhorn), der aus Potsdam für das Konzert in seine alte Heimat kam. In Begleitung des Friedensgeläuts zogen die Besucherinnen und Besucher mit einem Festumzug, abgesichert durch die Feuerwehr Wernshausen, in das Gemeindehaus im Dorf. Der Flößerverein und die Kirchgemeinde mit vielen fleißigen Helfern des Dorfes hatten im Anschluss ein Glockenfest zum gemütlichen Ausklang vorbereitet.

 

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