Contra: Warum Karneval im Fernsehen nicht so toll ist
Regionales versus bundesweites Publikum
Viele Bräuche, Dialekte oder Insider-Witze werden von Zuschauern außerhalb der närrisch geprägten Regionen nur schwer verstanden. Was bei "Kölle Alaaf - Die Mädchensitzung" urkomisch wirkt, lässt Zuschauer aus Schleswig-Holstein oder Brandenburg bisweilen ratlos zurück.
Legendär geworden sind Szenen von Angela Merkel während des Besuchs von Karnevalsgruppen im Kanzleramt. Man tritt der gebürtigen Hamburgerin und Ex-Kanzlerin nicht zu nahe, wenn man ihr Lächeln beim Anblick eines wirbelnden Funkenmariechens als ein wenig bemüht einstuft.
"Dass es Menschen in Deutschland gibt, die mit Karnevalssendungen gar nichts anfangen können, ist natürlich auch klar", sagt Karnevalsforscher Oelsner. "Auf diese muss die ganze Inszenierung sehr sonderbar wirken."
Humor
Büttenreden gelten - vorsichtig ausgedrückt - humormäßig nicht als Hort des Fortschritts. Veganer haben es schwer, Schwiegermütter ohnehin. Viele Themen kehren dabei immer wieder. Umso aufgeregter wird in der närrischen Szene diskutiert, wenn sich mal Widerspruch gegen einen Witz regt.
Als der Komiker und Karnevalsredner Bernd Stelter 2019 einen Witz über Doppelnamen machte, stürmte eine Frau die Bühne, die damit nicht einverstanden war. Der "Kölnischen Rundschau" sagte sie später: "Ich habe selbst einen Doppelnamen und muss das nicht über mich ergehen lassen."
Der Journalist Bernd Graff rief 2012 in der "Süddeutschen Zeitung" mal zum offenen Widerstand auf. "Liebe Närrinnen und Narrhallesen, tut euch endlich bitte etwas Gutes: Bildet Banden, verbrüdert euch gegen die leblose Satire, verbittet euch die pointenfreien Uralt-Schenkelklopfer, das verbogene Hochdeutsch, wenn es gesunden Dialekt gibt, die gekünstelten Witze, die man nur bemerkt, weil eine Kapelle tuscht", schrieb er. Wie bei einer Weihnachtsansprache merke man doch gar nicht mehr, ob eine gerade laufende Karnevalssendung nicht auch schon vor einem oder gar vor zehn Jahren ausgestrahlt worden sei.
Karnevalsforscher Oelsner hat für die Humorfarbe auch eine Erklärung. "Eliten-Diskurse schlagen sich immer zeitversetzt in der Volkskultur nieder. Und der Karneval ist Volkskultur", sagt er. "Es ist also nur logisch, dass auch Witze, über die manch einer schon vor ein paar Jahren gelacht hat, zeitverzögert im Karneval ankommen."
Verlust der Atmosphäre
Das echte Karnevalsgefühl – der Geruch von Schmalzgebäck, das gemeinsame Singen - lässt sich durch Kameras nur schwerlich übertragen. "Natürlich ist es schwierig, über den Bildschirm zu transportieren, was Karneval originär bedeutet", sagt Oelsner. "Dafür ist eine Karnevalssitzung für das Fernsehen nicht gemacht." Marc Michelske, Leiter des Kölner Rosenmontagszugs, betont indes, dass es zumindest für die Karnevalisten im Saal keinen so großen Unterschied mache, ob das Fernsehen dabei sei. "Wir halten die Wege für die Kameras frei, aber ansonsten unterscheidet sich so eine Sitzung nicht von der ganz normalen."