Ähnliches wäre bald vermutlich mit der Kneipe unten und der Pension oben passiert – auch ohne Brand. Gäste konnte Christel Blaufuß nämlich kaum noch in Westenfeld begrüßen. Sie veranschaulicht den Niedergang anhand von Bierfässern: In der Hochzeit verzapfte sie in ihrer Kneipe täglich einen Hektoliter Fassbier, also 100 Liter. Irgendwann langte dafür ein 50-Liter-Fass, noch später reichten 15 Liter. Zuletzt hatte Christel Blaufuß nur Flaschenbier vorrätig. Das verkaufte sie zum Beispiel noch zum Dämmerschoppen jeden Sonntagabend. Mindestens fünf bis 15 Leute kamen dann doch, einfach „um sich zu treffen und sich was zu erzählen“. Vermutlich war der Dämmerschoppen zwei Tage bevor die Flammen kamen der letzte.
Lange wollte die 69-Jährige ihre Gaststätte und Pension nicht mehr betreiben, die „Frische Quelle“ wäre eines natürlichen Kneipentodes gestorben. Sie hatte schon Pläne für danach. Das Schlafzimmer zum Beispiel sollte runter in die Gaststätte. Für Blaufuß wäre das folgerichtig gewesen. Ihr Wohnzimmer sei die Kneipe immer schon gewesen. Aber dann kommen ihr im Gespräch Tränen in die Augen. Was bringt es noch, über die Zukunft des Hauses zu sprechen, wenn mir nichts, dir nichts die Gegenwart ausgelöscht wurde? Und mit ihr fast komplett die über 120-jährige Vergangenheit.
Immerhin kann Christel Blaufuß mittlerweile wieder die Brandruine betreten, nervlich hält sie das durch. Vorher zieht sie sich aber noch eine Plastiktüte über die Schuhe bis hoch zu den Knien. Das, was innen vom Haus übrig ist, bedeckt mittlerweile nämlich eine dicke Schicht aus Lehm, der aus der Decke gespült wurde. „Was das Löschwasser nicht geschafft hat, hat jetzt der Regen geschafft“, sagt sie.
Langsam watet sie mit den Plastiktüten die Treppe hoch in die erste Etage. Dort angekommen, schaut sie nach links. Früher waren dort die Gästezimmer. Nun sind da nur noch Trümmer und ein Loch, das Dach ist an dieser Stelle des Hauses bis zum Gerippe abgebrannt und eingestürzt. Christel Blaufuß ist froh, dass am Unglückstag keine Gäste im Haus waren. Auch nicht auszudenken gewesen wäre, wenn es nachts angefangen hätte zu brennen, während sie und ihr Mann im Bett schliefen. „Dann wären wir wahrscheinlich verbrannt.“
Zukunft ungeklärt
Aus dem Schlamm fischt sie jetzt drei kleine Kästchen. Ihre Tochter vermisse noch Schmuck. Vielleicht ist er darin, das kann Christel Blaufuß aber noch nicht sagen. Erst einmal abwaschen später, in die Asservatenkammer legen und dann mal schauen.
Fürs Erste wohnen Christel Blaufuß und ihr Mann jetzt weiter im Haus des Bruders. Dort haben sie eine Zweizimmerwohnung, direkt neben der Asservatenkammer. Der Versicherung haben sie eine Auflistung an Dingen geschickt, die bei dem Brand kaputtgegangen sind. Was daraus wird, ist noch nicht klar. Eindeutig aber ist das alte Haus als Totalschaden dem Abriss geweiht. Christel Blaufuß möchte sich bei den Leuten bedanken, die ihnen gleich am ersten Tag nach dem Brand ein Spendenkonto eingerichtet haben und bei denen, die bis heute fragen, ob sie etwas brauchen, Anziehsachen zum Beispiel. Nachmittags dreht sie jetzt immer große Runden mit Lotte. In der Natur zu laufen, tue ihr gut.
Eigentlich ist es nicht vorstellbar, dass sie noch einmal wegzieht aus Westenfeld. Ihr ganzes Leben hat sie hier gewohnt. Allerdings in einem Haus, in dem sie so nun nie wieder wohnen kann. Weihnachten verbrachten sie und ihr Mann beim Sohn in Jüchsen. Zum Essen habe es Ente gegeben, alles sei schön gewesen. „Auch wenn“, sagt Christel Blaufuß, „ich die Ente eigentlich bei uns in der Gaststätte zubereiten wollte“.
Spenden für die Familie Blaufuß sind möglich an:
Freies Wort hilft
IBAN: DE39 8405 0000 1705 0170 17
BIC: HELADEF1RRS (Rhön-Rennsteig-Sparkasse)
Stichwort: Westenfeld