Biosphärenreservat Rhön 150 neue Quellen entdeckt

red
Quellbach am Kammberg bei Walkes. Foto:  

Auch die Rhönquellschnecke ließ sich blicken: 150 neue Quellen wurden im vergangenen Jahr im Biosphärenreservat Rhön erfasst und untersucht.

Zella - „In wohl keinem anderen Mittelgebirge in Europa werden Quellen so detailliert erforscht wie im Unesco-Biosphärenreservat Rhön“, sagt Anna-Lena Bieneck, Sprecherin der Reservatsverwaltung. Die geschützten Biotope können ihren Angaben zufolge nicht nur Aufschluss über die Wasserqualität geben, sondern sind wichtige Lebensräume für kleine Lebewesen, die mit dem bloßen Auge kaum zu entdecken sind.

Auch 2021 wurden wieder neue Quellen in Thüringen, Bayern und Hessen erfasst und untersucht. Dabei konnten zahlreiche Tierarten nachgewiesen werden. Allerdings wurde auch deutlich: Die wertvollen Quellbiotope sind gefährdet und müssen zum Erhalt dieser Arten besser geschützt werden.

Als Grenzlebensraum zwischen Grundwasser und Oberflächengewässer haben Quellen eine große Bedeutung für spezialisierte Tier- und Pflanzenarten, die an diese besonderen Umweltbedingungen angepasst sind.

Prominente Bewohnerin

Aus dem Grundwasser werden Organismen wie Höhlenflohkrebse, Muschelkrebse und Ruderfußkrebse eingespült, oder sie wandern aktiv ein. Fliegen- und Mückenlarven nutzen die Quellen bis zur Flugfähigkeit als Kinderstube, und in strömungsarmen Bereichen kommen Wasser- und Schwimmkäfer vor. Tiere aus feuchten Landlebensräumen kommen in die Quellbereiche, um zu jagen oder ihre Brut zu legen: der Feuersalamander, verschiedene Insekten, Spinnentiere, Tausendfüßer, Asseln und Schnecken.

Die wohl prominenteste Bewohnerin ist die Rhönquellschnecke (Bythinella compressa): Die nur etwa zwei Millimeter große Schnecke kommt als endemische Art weltweit nur in einem kleinen Areal im Dreiländereck Hessen, Bayern und Thüringen vor. Wie alle Arten, die in den Quellbiotopen existieren können, reagiert sie sehr empfindlich auf Störungen und auf menschliche Beeinflussungen.

Einzigartig

Um solche Störungen und Umweltbelastungen zu ermitteln und Maßnahmen zur Verbesserung und zum Erhalt der einzigartigen Quellstandorte entwickeln zu können, läuft im Biosphärenreservat Rhön bereits seit 1996 ein länderübergreifendes Projekt zur Kartierung der Quellstandorte. Die Quellen werden vom Landesverband für Höhlen- und Karstforschung Hessen im Auftrag der Biosphärenreservatsverwaltungen untersucht.

Bezüglich der Erfassung gilt die Rhön als eine der führenden Regionen Europas: Bis heute wurden 3841 Quellen erfasst – 2547 in Hessen, 718 in Thüringen und 576 in Bayern. Im Jahr 2021 waren 152 neue Standorte hinzugekommen.

Die Kartierung umfasste im vergangenen Jahr die Gebiete Kammberg und Tannenberg bei Walkes (Thüringen), den Giebelrain bei Dietershausen (Hessen) und Teile des Naturschutzgebiets Schwarze Berge (Bayern). Der Fuldaer Stefan Zaenker und sein Team maßen Temperatur, pHWert und Leitfähigkeit des Wassers und erfassten das Pflanzenvorkommen. Der Fokus aber lag auf der Tierwelt, über die Aussagen zum Zustand des Quellbiotops getroffen werden können.

Arten aus der Eiszeit

Die beiden Eiszeitreliktarten Rhönquellschnecke und Alpenstrudelwurm (Crenobia alpina) konnten in 30 beziehungsweise 31 Quellen festgestellt werden.

„Der Alpenstrudelwurm ist ein Indikator für absolut sauberes Wasser“, erklärt Zaenker. Auffällig war allerdings die Verteilung der beiden besonderen Quellarten: Mit Ausnahme von zwei Funden des Alpenstrudelwurms in Thüringen wurden beide Arten ausschließlich bei den Kartierungen in Bayern entdeckt. „Das unterstreicht die hohe Schutzwürdigkeit des Naturschutzgebiets Schwarze Berge.“ Die Larven der Köcherfliege (Crunoecia irrorata) konnten in 22 der kartierten Quellen nachgewiesen werden.

Die Quellen, die von menschlichen Störungen weitestgehend geschützt sind, wiesen eine gute Qualität auf – das zeigten nicht nur die gemessenen physikalischen Werte, sondern zum Beispiel auch der Nachweis von Krebsarten, die ursprünglich Grundwasser besiedeln. „Viele der Quellen sind allerdings durch landwirtschaftliche Nutzung, durch Fassungen, Drainagen und Müllablagerungen gefährdet“, erklärt der Experte. Das Ziel der drei Biosphärenreservatsverwaltungen ist daher, diese Standorte zu verbessern und als Lebensraum zu erhalten.

Tierische Überraschungen

„Vor allem mit Blick auf weitere Beeinträchtigungen durch die Klimaveränderungen ist es enorm wichtig, die Kartierungsarbeiten auch in Zukunft fortzusetzen“, sagt Stefan Zaenker. Trotz der jahrzehntelangen Arbeit sind etliche Quellstandorte noch nicht erfasst. „Hinsichtlich des Artenspektrums erwarten wir noch einige zoologische Überraschungen.“

 

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