Biathlon-Weltcup: Vanessa Voigt im Interview „Peking hatte ich gar nicht auf dem Schirm“

Vanessa Voigt beim Weltcup in Hochfilzen. Foto:  

Als IBU-Cup-Gesamtsiegerin erkämpfte sich Vanessa Voigt (24/SV Rotterode) ein persönliches Startrecht für den ersten Weltcup in diesem Winter. Mittlerweile ist sie festes Mitglied der deutschen Frauen-Nationalmannschaft und hat die Olympia-Norm geschafft.

Oberhof - Über ihre Erfahrungen im ersten Trimester, ihr Training über die Feiertage sowie den ersten Heim-Weltcup in Oberhof und die mögliche Olympia-Teilnahme spricht sie im Interview mit unserer Zeitung.

Wie und wo haben Sie die Feiertage verbracht?

Weihnachten in Thüringen und Silvester in Südtirol in Livigno.

Warum in Livigno?

Über den Jahreswechsel stand mit Blick auf die Olympischen Spiele noch ein kurzer, individueller Höhenblock auf dem Trainingsplan. Die Olympiastrecken in China liegen auf 1700 Meter Höhe, ähnlich wie Livigno.

Mit wem waren Sie in Livigno?

Meine Mama und mein kleiner Bruder Tom waren noch dabei. Wir hatten eine schöne Ferienwohnung. Mein Papa musste leider arbeiten. Er ist beim Gesundheitsamt in Meiningen.

Sie haben ganz allein trainiert?

Ja, und das war auch gut so. So ein paar Einheiten nur für mich mag ich mal ganz gern.

Wie organisieren Sie die Trainingsabwicklung?

Ich bin das durchaus gewöhnt, denn in Oberhof trainiere ich manchmal auch allein. In Livigno hatte ich immer gute Gehilfen, einmal von den Männern am Schießstand und auch von meiner Mama.

Vermutlich hatten Sie über die Feiertage auch Zeit, um Ihre ersten richtigen Weltcup-Wochen zu reflektieren?

Ja, und nach diesen vier Weltcup-Wochenenden könnte ich glücklicher nicht sein. Ich bin mehr als zufrieden. Ich habe natürlich noch große Reserven, gerade im Laufen.

Sie sind aus dem IBU-Cup aufgestiegen und haben umgehend die Olympia-Qualifikation erfüllt. Sind Sie selbst überrascht?

Peking hatte ich anfangs überhaupt nicht auf dem Schirm. Ich wollte nur in der Mannschaft bleiben, wollte Erfahrungen im Weltcup sammeln. Ja, dass ich die Norm sofort geschafft habe, hat auch mich überrascht. Olympia war vor der Saison nur ein heimlicher Traum von mir. Ich bin ja noch nie eine Weltcupsaison durchgelaufen. 2026, so dachte ich, gibt es ja auch noch eine Olympia-Chance.

Und nun wollen Sie auch in Peking starten?

Ja, jetzt möchte ich auch dort am Start stehen. Aber das ist kein Selbstläufer. Bis zu den Spielen sind noch ein paar Tage und ein paar Weltcup-Rennen. Ich muss meine Leistungen immer wieder bestätigen. Bis zur Nominierung wird man sehen, wer die Norm noch erfüllt. Falls ich in Peking starten darf, will ich nicht nur dabei sein, sondern mich dort in Bestform präsentieren. Darauf arbeite ich jetzt hin.

Ist die körperliche Frische wieder da, nachdem die Formkurve beim letzten Weltcup in Frankreich nach unten zeigte?

Ja, die ruhigeren Tage vor Weihnachten und Livigno haben mir sehr gut getan. Der Kräfteverschleiß mit vier Wettkampf-Wochenenden am Stück und jeweils drei Rennen war am Ende spürbar.

Was war Ihr größter Lerneffekt bislang im Weltcup in diesem Winter?

Wenn ich null schieße und ein solides Rennen abliefere, ist eine Top-Ten-Platzierung möglich. Für die Top Sechs reicht es noch nicht. Ich habe mich im Laufen durchaus gesteigert, das merke ich. Aber es geht eben nur Schritt für Schritt. Riesensprünge sind da nicht möglich. Dass ich einen Teil meines Trainingsschwerpunktes nach Ruhpolding verlagert habe, hat mich weitergebracht.

Was ist der Unterschied zwischen Weltcup und IBU-Cup?

Im IBU-Cup habe ich in Verfolgung oder Massenstart mehr überholt, im Weltcup werde ich mehr überholt.

Mit dem ersten Heimweltcup in Oberhof steht für Sie gleich der nächste Höhepunkt an. Gibt es eigentlich einen Heimvorteil?

Es ist schon cool, dass ich nicht irgendwo acht Stunden lang hinfahren oder hinfliegen muss, sondern nur fünf Minuten vom Stadion bis in die Bundeswehr-Kaserne brauche, wo unsere Mannschaft schläft. Leider können wieder keine Zuschauer dabei sein.

Sind Sie auf den neuen Strecken mit dem noch längeren Birxsteig schon einmal gelaufen?

Wegen der Bauarbeiten konnten wir im Sommer 2020 und 2021 nicht im Stadion trainieren. Der Birx war schon immer knüppelhart. Ich weiß, was da auf mich zukommen wird. Im Training bin ich ihn im vergangenen Winter schon gelaufen.

Liebäugeln Sie mit einem Einsatz in der Mixed-Staffel oder im Single-Mixed am Samstag?

Das wäre natürlich schön. Wer läuft, wird sich erst nach dem Sprint am Freitag zeigen.

Mit über 90 Prozent Trefferquote zählen Sie zu den besten Schützinnen der Welt. Woher kommt das große Talent zum Schießen?

Gute Frage. Schießen ist viel Kopfsache. Ich akzeptiere nicht nur den Treffer, sondern will immer perfekt schießen. Deshalb ist meine Schießzeit auch so langsam.

Wird das neue Schießstandhaus rechts der Bahnen das Schießen beeinflussen?

Das wird man im Training sehen.

Einer der größten Gegner in diesem Winter ist wieder Corona: Wie gehen Sie damit um?

Man muss sich immer schützen und Abstand halten. Weihnachten war ich beispielsweise nicht zu Hause bei meiner Familie, sondern habe mich in Oberhof mit meinem Freund isoliert.

Wie oft werden Sie getestet?

Vom Skiverband aus müssen wir vor jedem Weltcup einen PCR-Test machen. Ansonsten teste ich mich selbst regelmäßig, praktisch jeden zweiten Tag.

Wie ist Ihr Impfstatus? Geboostert?

Ja, am Dienstag vor Weihnachten wurde ich geboostert. Die dritte Impfung wurde zu diesem Zeitpunkt allen Sportlern von unserem Mannschaftsarzt empfohlen.

Warum starten Sie als Seligenthalerin eigentlich für den SV Rotterrode?

Witzigerweise liegt Rotterode genau in der Mitte zwischen Seligenthal und Oberhof, meinem Wohnort. Das ist in meinen jungen Jahren so zustande gekommen, als ich noch Langläuferin war. Floh-Seligenthal hat nicht mehr so unterstützt und Rotterode hat mich aufgenommen. Das Vereinsleben ist dort top. Ich bekomme fast immer ein Feedback bei guten Leistungen. Unser Vereinsvorsitzender Andreas Bahner hat auch einen Fahrradladen in Steinbach-Hallenberg. Dort habe ich mein Rennrad gekauft.

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