Biathlon-Fans in Oberhof Verrückt bleibt verrückt

Seit 1992 gehört Norbert Starke zum Biathlon in Oberhof. Doch auch der Super-Fan ist schon im zweiten Jahr an den Fernsehsessel gebannt. Foto: frankphoto.de

Zweieinhalb Kilogramm sind es, die Norbert Starke auf seinem Kopf trägt, wenn er als Biathlon-Fan unterwegs ist. Dann nie ohne seinen Hut, an dem bis zu 350 Pins stecken. Seit zwei Jahren liegt er aber schon im Schrank.

Oberhof/Köln - Dass die Frage „Wollen wir uns das nicht auch einmal live ansehen?“, die Norbert Starke 1992 seiner Kollegin stellte, einmal seinem Leben einen völlig neuen Drall geben würde, damit hat er damals nicht rechnen können. Nach der Wende war der Kölner von 1991 bis 1993 beim Zollamt in Erfurt im Einsatz. Ein Katzensprung bis nach Oberhof ins Wintersport-Mekka, das damals schon Wintersportfans aus der ganzen Welt anlockte. Es dauerte nur eine einzige Teilnahme als Zuschauer direkt vor Ort und Norbert Starke war einer von ihnen. Und was für einer.

Flugs war der Kölner mittendrin im Biathlon-Weltcup-Zirkus. Wo immer Wettkämpfe ausgetragen worden sind, sah man auch ihn. Zuerst nur in Oberhof. Ein Jahr später auch in Ruhpolding, darauf auch noch in Antholz. Mit jedem Jahr wurden es mehr Orte. Mit seiner Pensionierung 2002 gab es dann überhaupt keinen Grund mehr, auch nur einen Weltcup persönlich ausfallen zu lassen: ob Chanty-Mansijsk, Vancouver, Pokljuka. Schnell wurde der Mann mit weißem Rauschebart überall nicht nur Liebling der Zuschauer, sondern auch bei den Sportlern bekannt. Bis heute verbindet ihn zum Beispiel eine Freundschaft mit dem einstigen Aktiven, dann DDR-Auswahl- und späteren Bundestrainer der deutschen Herren-Nationalmannschaft, Frank Ullrich. Er war es, der ihm so manche Tür geöffnet hat. Ins VIP-Zelt zum Beispiel oder in die Oberhofer Kaserne, wodurch der auch älter werdende Super-Fan Erleichterungen durch den Wegfall der immer beschwerlicher werdenden Anreise genießen konnte. Vorgestellt worden ist er dem Ministerpräsidenten des Freistaates, der ihn mit „ich bin der Bodo“ begrüßte. Als Antwort bekam er: „und ich bin der Norbert“. Auch das ist einer der vielen Momente, an die sich Norbert Starke neben den hautnah erlebten sportlichen Höhepunkten immer wieder sehr gern erinnert. Oder an die Begegnungen in Russland, wo er mit anderen Fans gemeinsam untergebracht war, die als Arbeiter auf dem Weltraumbahnhof Baikonur in Kasachstan tätig waren. „Das sind alles besondere Eindrücke, die man nicht vergisst.“ Die Sportler-Begegnungen hat er schnell lieben gelernt. „Man kennst sich, begrüßt sich herzlich. Das ist, als ob man immer wieder nach Hause kommt“, empfindet er, der über Jahre selbst längst Autogrammkarten verteilt.

Echter Hingucker

All das erleben zu können, dazu hat neben seiner Biathlon-Begeisterung und Aufgeschlossenheit mit Sicherheit sein Hut, der ihn zum Hingucker machte, beigetragen. Eigentlich ein Faschingsmodell, dem links und rechts zwei Hörner entwachsen. Und dazwischen stecken Pins. „Sie haben mir gut gefallen. Wo immer ich war, habe ich einen gekauft“, so der heute 81-Jährige. Manche hat er auch einfach so in die Hand gedrückt bekommen, mitunter von wildfremden Leuten. Inzwischen sind es so viele Pins, dass sie gar nicht mehr alle an den Hut passen, egal wie oft er sie umgesteckt und ihre Lage optimiert hat. Den Hut musste er sich mit einem Zylinder darunter versteifen, damit er unter der Last nicht zusammen knautscht. Zweieinhalb Kilogramm kommen auf Norbert Starkes Kopf zusammen. Ein stattliches Gewicht, das er augenzwinkernd als schönes Nackentraining bezeichnet. Ist er mit seinem auffälligen Kopfschmuck unterwegs, muss er ihn ab und an zur Entspannung anheben. Inzwischen ist es auch eine stattliche Investition, die er da spazieren trägt. Ganz obendrauf thront ein Ski fahrender Plüsch-Teddy.

Während derzeit in Oberhof die Wettkämpfe ausgetragen werden, gehört auch Norbert Starke zu denen, die nun schon im zweiten Jahr das Spektakel nicht live erleben dürfen. Sein letzter Besuch in Oberhof war 2020. Doch nicht nur die Einschränkungen wegen der Pandemie sind bei dem Kölner Fan Ursache allein.

Ein-Mann-Fanclub

Auch krankheitsbedingt muss er inzwischen kürzer treten und sich schonen. Auch deshalb findet Biathlon in Oberhof für den Ein-Mann-Fanclub Starke bereits im zweiten Jahr in seinem Fan-Keller statt. Ob er je wieder dabei sein kann, wenn die Einschränkungen aufgehoben werden, weiß der Super-Fan nicht. „Allein werde ich das nicht mehr meistern können“, schätzt er und hofft auf seinen Sohn.

„Mir bleibt wohl nichts anderes, als damit zu leben, Biathlon am Fernseher zu schauen“, vermutet er. „Auch wenn so die Atmosphäre fehlt. Denn wo keine Zuschauer sind, ist kein Leben. Selbst den Oberhofern geht es ja nicht anders, die ebenfalls nicht vor Ort sein dürfen oder den Helfern, die in der Größenordnung wie in den Jahren zuvor nicht gebraucht werden. Dabeisein ist eben alles, da kann man die Läufe am Bildschirm noch so gut präsentiert bekommen.“ Es ist das Drumherum, das Norbert Starke vermisst, der Trubel, das Hüttendorf, das Zelt, die Zuschauer, andere Fanclubs und die Sportler ebenso wie die vielen Thüringer, die ihm längst Freunde geworden sind. „Live ist eben live und verrückt bleibt verrückt.“

Autor

 

Bilder