Berufsmesse im Haseltal „Präsenz ist durch nichts zu ersetzen“

„Alles ist besser als Stillstand“, sagt Berufswelten-Begründer Wolfram König. Organisatorin Jana Endter sammelte Hinweise und Kritik. Foto: Stadtverwaltung

Die Besucherzahlen zu den Online-Kursen, die Klicks und positiven Feedbacks zeigen, die erste digitale „Entdeckungsreise Berufswelten“ hat sich gelohnt. Die Premiere zeigte aber auch Schwachstellen auf – ein Resümee.

Steinbach-Hallenberg - Als Anfang März die Arbeitsgruppe „Entdeckungsreise Berufswelten“ im Steinbach-Hallenberger Rathaus zusammenkam, hing die Veranstaltung noch in der Luft. Bustouren mit Hunderten Jugendlichen in die Betriebe der Region schienen undenkbar. „Wir wollten es aber auf gar keinen Fall schon wieder ausfallen lassen“, erinnert sich Jana Endter, zweite Beigeordnete und zudem Vorsitzende des Schulfördervereins. Die Idee für die digitale Version sei ihnen nach der digitalen Berufsmesse in Meiningen gekommen.

Zumal auch die Schülerinnen und Schüler im Haseltal durch Distanzunterricht mit den digitalen Formaten bereits vertraut waren. Mit dem HCS Medienwerk der Heimatzeitung sei ein Partner gefunden worden, der eine machbare und sofort verfügbare Plattform anbot und zudem bereit war, einen Teil der Akquise und Promotion zu leisten.

Auf Einladung des Gewerbevereins, der die Reise durch Berufswelten in Kooperation mit dem Schulförderverein und der Stadtverwaltung organisiert, kamen die Akteure des diesjährigen Formates nun noch einmal zusammen, um ein Resümee zu ziehen. Torsten Hoffmann vom Gewerbeverein freute sich über die vielen Teilnehmer und die konstruktiven Hinweise.

„Die größte Herausforderung war die interaktive Software“, sagt Dirk Bradtschetl vom HCS Medienwerk. Besonders die datenschutzrechtlichen Hürden bei der Nutzung im Rahmen des Schulunterrichts erwiesen sich als schier unüberwindbar. „Nur durch intensive Mühen und Gespräche mit dem Landratsamt und den zuständigen Trägern sei es letzten Endes doch noch geglückt, dass die digitalen Angebote im Unterricht genutzt werden konnten“, berichtet Jana Endter vom Schulförderverein.

Es sei in jedem Fall wichtig, neue Wege zu gehen und Ideen umzusetzen, sagt Wolfram König, der die Aktion vor acht Jahren aus der Taufe hob. „Alles ist besser als Stillstand“, betont er. Insgesamt überwiegt so das Lob für die Organisation und das Engagement der Akteure. „Vor allem die neunten Klassen haben so gut mitgemacht“, berichtet Anja Boller von der IHK Südthüringen. Auch bei den Lehrern der Regelschulen steht – trotz Kritik an der technischen Umsetzung – am Ende eine positive Bilanz. Torsten Hoffmann vom Gewerbeverein lobt unter anderem das Angebot der Agentur für Arbeit. Er könne sich vorstellen, dass dieses auch außerhalb der Reise durch die Berufswelten Anklang finde.

Kritik an den „Bambusleitungen in der Schule“ – so nannten die Schüler die improvisierte Verkabelung in den Räumen – kam in der Auswertungsrunde ebenso offen zur Sprache wie technische Probleme bei der Umsetzung sowie die Tatsache, dass viele Unternehmen den Mehrwert einer digitalen Präsenz noch nicht sehen. „Wenn wir zwischen Wirtschaft und Bildung kommunizieren wollen, dann muss das Bildungsministerium eine praktikable Lösung ermöglichen“, fordert etwa Hehnke-Chef Tommy Hehnke im Hinblick auf die aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht erlaubte Nutzung verschiedener virtueller Plattformen im Schulunterricht. Dies habe für große Probleme bei allen Beteiligten gesorgt.

Wolfram König warb dafür, die eigenen Erwartungen zu überprüfen: „Wer davon ausgeht, dass unmittelbar nach einer Messe selbst in Präsenz oder einer solchen digitalen Veranstaltung sofort unterschriebene Lehrverträge auf dem Tisch liegen, der wird immer enttäuscht sein.“ Wichtig sei es, dass die Jugendlichen Möglichkeiten haben, die Angebote der lokalen Wirtschaft kennenzulernen.

„Präsenz ist durch nichts zu ersetzen“, betonte Ellen Mangold von der Handwerkskammer Südthüringen. Sie berichtete von Skepsis und Desinteresse seitens der Handwerkerschaft im Hinblick auf das digitale Format der Veranstaltung. „Selbst Unternehmen, die ich persönlich kenne, waren nicht zu motivieren“, sagte sie. Trotz finanzieller und auch praktischer Unterstützung, welche die Handwerkskammer ihren Mitgliedsunternehmen angeboten habe, seien leider nur drei Aussteller dabei gewesen. Außerdem sei es nötig, die Eltern noch mehr anzusprechen. Nur über sie sei es möglich, die Kinder und Jugendlichen zu erreichen.

„Berufsorientierung geht nicht im Eilverfahren“, sagt Jens Meisner, stellvertretender Direktor der Regelschule Steinbach-Hallenberg. Er könne sich vorstellen, dass aus dem guten Kontakt zwischen Schule, Stadt und Wirtschaft noch viel mehr Angebote erwachsen könnten. Hierzu wurden bereits erste Ideen ausgetauscht, die nun konkretisiert werden müssten.

„Dazu möchten wir auf jeden Fall in der Arbeitsgruppe noch mal ins Gespräch kommen“, betont Jana Endter. Die seitens der Unternehmerschaft im Rahmen der digitalen Reise durch Berufswelten gespendeten Tablets für die Regelschule Steinbach-Hallenberg seien der beste Beweis dafür, dass gemeinsam viel erreicht werden könne.

Auch Bürgermeister Markus Böttcher richtet den Fokus in die Zukunft und auf die Chancen aus dem diesjährigen digitalen Format. „Wir haben zum Beispiel festgestellt, dass sich die Broschüre, die sonst gedruckt wurde, überholt hat. Riechen, Schmecken und Anfassen ist durch nichts zu ersetzen, aber wir müssen auch neue Wege gehen und dürfen uns da nicht verschließen“, so Böttcher.

Auch in diesem Jahr gab es für die Teilnehmer der Entdeckungsreise etwas zu gewinnen. „Wir verlosen unter allen Schülerinnen und Schülern zehn Amazon-Gutscheine zu je 50 Euro“, informierte Jana Endter. Die Auslosung nahm der Wirtschaftsexperte und Mit-Begründer der Entdeckungsreise Wolfram König vor. Alle Gewinner werden zeitnah benachrichtigt.

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