Bermbacher Urgestein Musik im Blut und zwei Tausendstel im Gefühl

Als wäre er eben erst vom Schlagzeughocker der „Thomas Combo“ aufgestanden: Alfred Thomas kam in Lederweste und mit buntem Schlips zu seinem 100. Geburtstag. Foto: Sascha Willms

Kriegsgefangener, Sanitäter auf einer TBC-Station, Kirmesmusiker und DDR-Dissident – zwischen zwei Buchdeckeln wird es eng für das Leben des Alfred Thomas. Seit Dienstag währt es 100 Jahre.

Was Alfred Thomas zu erzählen hat, dafür reicht eine Geburtstagsfeier nicht aus. Hat er einmal angefangen, dann fällt ihm Geschichte um Geschichte aus einem Leben ein, dass so einige Mal auf der Kippe stand. Bernhard Büchel, Filmemacher aus Steinbach-Hallenberg und über Ecken mit dem Jubilar verbandelt, hat es sich in Stunden währenden Gesprächen angehört. Zur gutbesuchten Feier, am Dienstag im Bermbacher Dorfgemeinschaftshaus, gab er einige der Anekdoten preis.

Wie jene aus einer Nacht des Jahres 1942, als Alfred in einem ausgetrockneten Flussbett irgendwo in Afrika, zwischen Tunis und Tripolis, so bitterlich friert, dass ein englischer Wachsoldat ein Erbarmen mit dem jungen, deutschen Kriegsgefangenen hat und ihm einen Wollpullover schenkt. Ins Gedächtnis des damals 20-Jährigen brennt sich eine Mahnung des Engländers ein: Die Deutschen mögen mit seinen beiden Söhnen genauso umgehen, falls sie sie einmal gefangen nehmen sollten.

Einstecken kann er da schon, der Bursche von der Bermbacher Mühle, dem Mini-Ortsteil des Steinbach-Hallenberger Ortsteils. Schon mit 13 verliert er den Vater. Doch er beißt sich durch, geht mit 14 in die Lehre als Werkzeugmacher nach Zella-Mehlis und beweist Fingerfertigkeit und ein Gefühl für das Tausendstel. Im Weg steht ihm nur noch das Tausendjährige Reich.

Angekommen im ägyptischen Port Said wird er in den Sanitätsdienst ins britische Generalhospital gesteckt. Der Vorteil: Als Sanitäter muss er nicht zurück an die Front. Der Nachteil: Auf der Tuberkulosestation sieht er die ganze Grausamkeit der Krankheit. Männer sterben in seinen Armen, jede Wochen wird zur Ewigkeit. Nach einer Schiffsodyssee über Algier, England und Schweden kehrt er schließlich noch 1944 zurück in die Heimat und arbeitet in einem Kriegslazarett in Oberhof.

Ein Jahr später heiratet er seine Melanie, die beiden bekommen zwei Kinder, Hannelore und Wilhelm. In der KG Wagner in seinem Heimatort blitzt sein altes Talent wieder auf und er schleift Zahnräder bis auf zwei Tausendstel genau. „Das musst du im Gefühl haben“, sagt er und beweist es rund 45 Jahre lang, bis zur Wende.

Seine andere Leidenschaft gilt der Musik. Gemeinsam mit Freunden gründet er die später legendäre „Thomas Combo“, eine gut besetzte Formation, mit Trompete, Klarinette, Saxofon, Posaune und Akkordeon. 27 Jahre lang gelten sie auf der Bermbacher Kirmes als gesetzt, spielen zehn Jahre in Asbach, 13 in Albrechts, acht in Springstille und sind zehn Jahre lang die Hausband im Oberen Hof, in Oberhof. Am Schlagzeug und am Bass ist Alfred immer dabei.

Doch auch die DDR-Zeit hält eine verzichtbare Erfahrung bereit: 1961, im Jahr des Mauerbaus, wandert er wegen angeblicher Staatsverleumdung hinter Gitter. In Arbeitsklamotten holen in die Schergen aus dem Betrieb, in Arbeitsklamotten steht er auch im Knast an der Maschine und in denselben Klamotten kann er seine Lannie, zehn Monate später am Erfurter Bahnhof, wieder in Freiheit in die Arme nehmen. Erst kurz nach der Diamantenen Hochzeit sollen sich ihre Wege für immer trennen.

Seinen 100. feierte er nun mit den zwei Kindern, drei Enkeln und drei Urenkeln sowie einer stattlichen Anzahl an Verwandten, Freunden und nicht zuletzt – den wenigen, verbliebenen Nachbarn der Bermbacher Mühle. „Wir müssen doch zusammenhalten, wir Kinder von der Mühle“, beschreibt Tochter Hannelore das Lebensgefühl. Und Alfred hält immer noch kräftig mit.

Autor

 

Bilder