Beratungsstellen in Corona-Zeiten Wenn die Probleme einem selbst über den Kopf wachsen

Gespräche von Angesicht zu Angesicht in einem Raum, wie hier im Januar vorigen Jahres während der Beratung zu einer Mutter-Kind-Kur, sind im Diakonat des Evangelischen Kirchenkreises in der Coburger Allee nach Vereinbarung und unter Beachtung der Hygieneregeln möglich. Um möglichst auch jene zu erreichen, die nicht kommen können oder wollen weichen Mitarbeiterin Melanie Wagner-Köhler (Foto) und ihre Kollegin Tina Lenk auf telefonische und Online-Beratung aus. Foto: Carl-Heinz Zitzmann

Um auch während Kontaktbeschränkungen und Lockdown für die Sorgen aller Menschen zugänglich zu sein, hat das Diakonat eine zusätzliche Möglichkeit geschaffen, sich neben dem persönlichen Gespräch vor Ort oder im Telefonat ebenso Online an die Beratungsstelle wenden zu können. Auch die anderen Beratungsstellen im Landkreis sind mit offenen Ohren für die Belange der Bürger da.

Sonneberg - Einkommensverlust durch Kurzarbeit, Entlassung, Geschäftsaufgabe? Plötzliche Trennung vom Partner, die einen mittellos hinterlässt? Familiäre Eiszeiten oder Angst um nahe Angehörige? Gerade während der Corona-Krise sind die Menschen zusätzlich extrem verunsichert. Das haben Tina Lenk und Melanie Wagner-Köhler festgestellt. Die beiden teilen sich in die Beratungsstelle des Diakonats des Kirchenkreises Sonneberg hinein. Seelische Notlagen und soziale Isolation begegnen den beiden jungen Frauen jeden Tag. Und seit das gesellschaftliche Leben wegen Covid-19 heruntergefahren ist, gibt es mehr Bedarf als sonst.

Schließung von Sozialkaufhäusern

„Das fängt schon damit an, dass Sozialkaufhäuser, die Kleiderkammer des DRK oder von „Sonneberg hilft“ nicht mehr öffentlich zugänglich sind“, erklärt Melanie Wagner-Köhler. Sie erreichen Fragen zur günstigen Beschaffung von Bekleidung, ebenso wie zu Kinderzuschlag und Wohngeld oder zu Hartz IV-Anträgen. Viele Leute seien von der Krise getroffen, bräuchten etwa Hilfe beim Ausfüllen von Formularen oder Rat in Notsituationen. „Gerade in Familien gibt es ganz neue Konflikte, weil man daheim aufeinander hockt und da Vieles hochkocht, was vorher vielleicht gar keine Rolle spielte“, weiß Wagner-Köhler aus ihren Gesprächen. Trennungen seien zur Zeit keine Seltenheit. Die Probleme von Alleinerziehenden kommen automatisch hinterher.

Lebensberatung auch Online

Um nicht nur vor Ort und am Telefon da sein zu können und manche während des verordneten „social distancing“ nicht aus den „Augen zu verlieren“, gibt es ab sofort ein Beratungsangebot Online. Derzeit sei zwar auch das persönliche Gespräch nach telefonischer Voranmeldung unter Hygieneauflagen möglich, doch die Online-Variante richte sich zusätzlich an Personen, die etwa zur Risikogruppe gehören, für jene, die Angst vor dem Virus haben oder wieder andere, die nicht auf eine Kinderbetreuung zurückgreifen können. „Das ist einfach praktisch“, ergänzt Melanie Wagner-Köhler. Über einen auf der Kirchenkreis-Homepage hinterlegten Link, kann ein Termin vereinbart werden. Zu diesem sind dann am „Bildschirm“ gegenüber Tina Lenk oder Melanie Wagner-Köhler da. Das Ganze, so erklären die beiden, sei abhörsicher und biete keine Angriffsfläche für Computer-Hacker. „Die Leute können gerne auf uns zu kommen und beispielsweise neben der allgemeinen Lebens- und Sozialberatung auch die Tipps für Mutter-Kind-Kuren in Anspruch nehmen“, macht Wagner-Köhler aufmerksam. Und das ganz unabhängig von der Konfession. „Wir sind für jeden da. Viele trauen sich vielleicht nicht und denken, wir haben geschlossen. Aber wir können persönliche Gespräche vereinbaren oder Telefon- und Online-Termine. Wir tun unser Bestes, um zu helfen.“

Schuldnerberatung

Auch die Schuldner- und Verbraucherinsolvenzberatungsstelle der Volkssolidarität ist da. „Wir haben von Montag bis Freitag geöffnet“, sagt deren Leiterin Beate Ulbricht. Sie und ihre Kollegen helfen telefonisch weiter, beantworten Mailanfragen oder geben ausführliche Beratung mit Maske und Abstand direkt vor Ort. „Viele denken, wir haben zu, aber wenn jemand Rat oder eine Bescheinigung braucht, kriegt er die sofort.“ Die momentane Nachfrage unterscheide sich nicht wesentlich im Vergleich zu den Vorjahreszeiträumen. Das Telefon stehe so gut wie nie still. Trotzdem erwartet die Schuldnerberaterin, dass es erst nach dem Lockdown so richtig ernst wird. Schon jetzt werde verstärkt nach der Drei-Jahres-Insolvenz gefragt. Statt einer gerichtlichen Schuldenbefreiung nach sechs Jahren, geht dies jetzt schneller, weil der Zeitraum auf die Hälfte verkürzt wurde. „Wir rechnen schon damit, dass es aufgrund dieser Möglichkeit und wegen Corona verstärkt zu Privatinsolvenzen kommen wird.“

Pro Familia

Auch die Schwangeren- und Schwangerenkonfliktberatung ist weiterhin für Ratsuchende da. Wobei deren Leiterin Heike Schellhammer festgestellt hat, dass derzeit mehr die Telefon- und Videoberatung nachgefragt sind. „Es ist im Moment eher die Ausnahme, dass jemand nach einem persönlichen Gespräch in der Beratungsstelle verlangt. Und wir wollen ja auch die Schwangeren und Familien schützen“, sagt sie. Das Angebot einer Beratung über einen Videochat sei schon im ersten Lockdown eingerichtet worden. Und die Resonanz sei durchweg positiv. „Viele sind von vornherein froh, dass Sie sich nicht auf den Weg machen müssen, sondern bequem von zuhause aus eine Beratung bekommen können.“ Allerdings, so weist sie darauf hin, gilt für Ratsuchende, immer vorab per Telefon oder E-Mail einen Termin zu vereinbaren. Heike Schellhammer und ihr Team haben festgestellt, dass sie auch während des andauernden Lockdowns gefragte Ansprechpartner sind. Durch Corona, so haben sie gemerkt, hätten sich teils große, erdrückende Sorgen bei einigen Ratsuchenden aufgebaut. Finanzielle Nöte, Arbeitsplatzverlust, Elterngeld, Schwangerschaft – sind bei ihnen tagtäglich ankommende Themen.

Erziehungs-, Ehe-, Familien- und Lebensberatungsstelle der Awo

„Schön, dass Ihr da seid“, hören auch Jana Kirchner und Peggy Querner-Römhild von der Awo-Beratungsstelle in der Gleisdammstraße immer wieder während des Lockdowns. „Die Dankbarkeit spüren wir schon auch mehr, die Leute sind froh, in dieser Zeit kompetente Ansprechpartner zu haben“, sagt Jana Kirchner. Doch wirklich große Auswirkungen auf ihre Tätigkeit oder Veränderungen im Vergleich zu den anderen Jahren haben die beiden Frauen nicht feststellen können. „Wir haben ein Infektionsschutzkonzept und beraten auch nach wie vor Face-to-Face nach Vereinbarung oder telefonisch“, sagt Peggy Querner-Römhild. Anhand der internen Statistik sei ablesbar, dass sich an den Problemlagen von Eltern, Kindern und Jugendlichen grundsätzlich nicht viel geändert habe. Erziehungsfragen, Trennungssorgen, Verhaltensauffälligkeiten von Kindern, Redebedarf zu besonderen Konstellationen in Pflegefamilien etwa machen ein Gros der Fälle aus. „Corona ist schon Thema in den Familien, vor allem neben den ohnehin schon vorhandenen Problemlagen ist es ein zusätzlicher Stressfaktor“, so Jana Kirchner.

Kinder- und Jugendschutzdienst „Tauzeit“

Laut Eva Hering ist der Kinder- und Jugendschutzdienst „Tauzeit“ unter dem Dach der Trägerwerk Soziale Dienste in Thüringen GmbH „normal“ frequentiert, das heißt: „Wir erleben aktuell keine übermäßigen Mehranfragen, aber auch keine Zeiten, in denen sich niemand meldet. Die Dauer der Beratungen richtet sich je nach Bedarf des Anfragenden.“ Die Beratungsstelle für Kinder und Jugendliche, die von Gewalt bedroht oder betroffen sind, bietet der jungen Generation auch für alle anderen Themen und Sorgen einen Anlaufpunkt. Derzeit sind sowohl persönliche, telefonische oder E-Mail-Kontakte möglich.

Was Diplom-Sozialpädagogin Eva Hering aufgefallen ist: „Da Schule und Kitas geschlossen und Kontakte grundsätzlich sehr eingeschränkt sind, haben die Kinder derzeit oft kaum Ansprechpartner oder Hilfe außerhalb des persönlichen Umfeldes. Das ist dann ein großes Problem, wenn es innerhalb der Familie beispielsweise zu Gewalt, in welcher Form auch immer, kommt. Wir sind für Kinder und Jugendliche erreichbar und versuchen auch immer wieder über verschiedene Wege unsere Kontaktdaten öffentlich zugänglich zu machen. Aber ein Kind, das z.B. erst sieben oder acht Jahre alt ist und bedingt durch den Lockdown nicht zuhause raus kommt, wird auch kaum bei uns anrufen oder den Weg zu uns finden. So ist uns deshalb zusätzlich sehr wichtig, dass hier auch die Öffentlichkeit ein waches Auge hat – Freunde, Nachbarn… alle, die sich vielleicht um das ein oder andere Kind Sorgen machen, können auch gerne bei uns anrufen – wir versuchen Rat und Unterstützung anzubieten, beziehungsweise wissen, welche Hilfen notwendig werden“, ermuntert sie. Auch andere Kinder und Jugendliche, die die Beratungsstelle schon kennen, werden momentan in Zeiten des Lockdowns zu Vermittlern und schicken Freunde mit Problemen zu „Tauzeit“.

Wie die Beratungsstellen momentan erreichbar sind:

Diakonat des Kirchenkreises Sonneberg: Allgemeine Sozial- und Lebens- sowie Kurberatung

Persönliche, telefonische und Online-Beratung nach Vereinbarung. Zu erreichen täglich telefonisch zwischen 8.15 und 12 Uhr. Außerhalb dieser Zeiten wird auf E-Mail-Fragen reagiert. Kontaktmöglichkeiten telefonisch (0 36 75) 7 53 00-14/-16) oder per E-Mail diakonat@kirchenkreis-sonneberg.de

Schwangerschaftsberatungsstelle Sonneberg:

Termine sind zu den Öffnungszeiten, sowie nach Vereinbarung möglich. Beratungen erfolgen nur nach vorheriger Terminabsprache. Derzeit Montag und Dienstag von 8 bis 12 Uhr, Mittwoch von 8 bis 15 Uhr und Donnerstag von 9 bis 13 Uhr. Kontaktmöglichkeiten telefonisch (0 36 75) 70 28 94 oder per E-Mail sonneberg@profamilia.de

Schuldnerberatung der Volkssolidarität:

Beratungsgespräche nach vorheriger Vereinbarung persönlich oder telefonisch möglich. Erreichbar zu den Öffnungszeiten Montag bis Mittwoch 8 bis 15 Uhr und Donnerstag von 11 bis 18 Uhr. Telefonisch erreichbar unter (0 36 75) 42 62 37 (Anmeldung) oder per E-Mail: schuldnerberatung-lk-son@volkssolidaritaet.de

Pro Familia:

Gesprächstermine finden nur nach Vereinbarung statt. Voraussichtlich noch diese Woche gelten verkürzte Öffnungszeiten, Montag & Dienstag von 8 bis 12 Uhr, Mittwoch von 8 bis 15 Uhr und Donnerstag von 9 bis 13 Uhr. Die Schwangeren- und Schwangerenkonfliktberatungsstelle Pro Familia ist telefonisch erreichbar unter (0 36 75) 70 28 94, auf dem Anrufbeantworter sind die Sprechzeiten telefonisch hinterlegt, oder per E-Mail unter sonneberg@profamilia.de

Kinder- und Jugendschutzdienst Tauzeit:

Die Sprechzeiten vor Ort sind montags bis donnerstags 13 bis 16 Uhr, aber auch außerhalb der Sprechzeiten ist die Beratungsstelle für Kinder und Jugendliche telefonisch erreichbar unter E-Mail: (0 36 75) 42 64 96 oder über E-Mail: kjsdson@twsd-tt.de

Eine weitere Hilfsmöglichkeit für Kinder und Jugendliche ist das Thüringer Kinder-und Jugendsorgentelefon – kostenfrei erreichbar, rund um die Uhr 0800 008 008 0

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