Beklaute Senioren Polizei geht ab Montag in Thüringer Supermärkte

Eine Seniorin hilft einem fremdem Mann im Supermarkt und verliert 2000 Euro. Diebe und Betrüger sind nicht nur in Schmalkalden, Suhl und Sonneberg unterwegs. Die Polizei geht nun direkt auf die Senioren zu.

Polizisten sind eine Woche in Thüringer Supermärkten unterwegs, um Senioren vor Taschen- und Trickdieben zu warnen (Archivfoto 2023). Foto: picture alliance/dpa/Martin Schutt

Der Einkaufszettel ist abgearbeitet, die Angebote sind im Wagen, an der Kasse wartet schon die nächste Kundin. Ein ganz normaler Einkauf. Doch genau diesen Moment nutzen Taschendiebe aus. Ein kurzer Blick ins Regal, eine scheinbar harmlose Frage oder ein freundliches Gespräch reichen aus, damit Geldbörse oder sogar die ganze Handtasche verschwinden.

Nach der Werbung weiterlesen

Weil gerade ältere Menschen immer wieder Opfer solcher Taten werden, beteiligt sich die Thüringer Polizei vom 5. bis 9. Oktober an einer bundesweiten Präventionswoche gegen Taschen- und Trickdiebstähle in Supermärkten. Polizeibeamte werden in ganz Thüringen vor und in Einkaufsmärkten unterwegs sein, um Kunden direkt anzusprechen und vor den Tricks der Täter zu warnen.

Dass die Gefahr keineswegs theoretisch ist, zeigen zahlreiche Fälle aus Südthüringen.

Tragischer Fall in Schmalkalden

Besonders bitter endete ein Fall Anfang des Jahres in Schmalkalden. Dort sprach ein unbekannter Mann eine Seniorin in einem Einkaufsmarkt an und bat um Hilfe bei einer Packungsangabe. Während die Frau abgelenkt war, verschwand ihre Geldbörse. Darin befanden sich Bargeld, Bankkarte und Ausweisdokumente.

Noch bevor die Seniorin die Karte sperren lassen konnte, hatten die Täter bereits 2000 Euro von ihrem Konto abgehoben. Die Polizei geht davon aus, dass der Mann nicht allein handelte, sondern Teil einer Gruppe war, die sich in unmittelbarer Nähe aufhielt.

Der Fall ist kein Einzelfall. Nach Angaben der Ermittler gab es ähnliche Taten auch in Meiningen, Bad Liebenstein und Suhl.

Immer wieder dieselbe Falle in Suhl

Besonders auffällig ist eine Serie von Diebstählen in Supermärkten entlang der Würzburger Straße in Suhl. Im Dezember vergangenen Jahres wurde einer 70-jährigen Kundin während ihres Einkaufs die Geldbörse gestohlen.

Doch damit nicht genug: Bereits wenige Monate zuvor verschwand das Portemonnaie einer 79-Jährigen. Im Juli traf es eine weitere Seniorin, deren Geldbeutel in einer Tasche am Einkaufswagen lag. Ein kurzer Moment der Unachtsamkeit genügte.

Noch gravierender war ein Fall aus dem Frühjahr 2024. Damals wurde eine 76-Jährige während eines Gesprächs gezielt abgelenkt. Ein Komplize griff unbemerkt in die Handtasche. Kurz darauf hoben die Täter mit der gestohlenen Bankkarte mehr als 3000 Euro vom Konto der Frau ab.

Die Masche ist fast immer gleich: Einer lenkt ab, ein zweiter greift zu.

Täter spähen inzwischen sogar die PIN aus

Nicht immer bleibt es beim Diebstahl der Geldbörse. Immer häufiger versuchen Täter, an wesentlich größere Beute zu kommen.

So wurde ein Seniorenpaar in Suhl auf dem Parkplatz eines Einkaufsmarktes von zwei Männern angesprochen. Während die Täter nach Wechselgeld fragten und Münzen auf den Boden fallen ließen, verschwand unbemerkt die EC-Karte der Frau.

Besonders perfide: Nach Einschätzung der Polizei hatten die Täter zuvor bereits die PIN an der Kasse ausgespäht. Noch bevor die Karte gesperrt werden konnte, hoben sie einen vierstelligen Betrag vom Konto ab. Später versuchten sie sogar noch an einem Geldautomaten in Ilmenau Geld zu ziehen.

Senioren besonders im Visier

Auffällig ist, dass die Täter häufig ältere Menschen ins Visier nehmen. Viele Senioren verstauen ihre Handtaschen im Einkaufswagen oder legen Geldbörsen in den Korb eines Rollators. Genau darauf spekulieren die Diebe.

Schon vor Jahren registrierte die Polizei ähnliche Fälle in Sonneberg. Dort wurden ältere Frauen auf offener Straße bestohlen, als Täter in die Körbe von Rollatoren griffen oder Handtaschen entrissen. Auch in Hildburghausen nutzten Diebe die Ablenkung einer älteren Kundin aus und stahlen während eines Gesprächs die Geldbörse aus ihrer Tasche.

Die Methoden ändern sich dabei kaum. Die Täter setzen auf Schnelligkeit, Routine und die Hilfsbereitschaft ihrer Opfer.

Polizei geht direkt in die Supermärkte

Genau deshalb wollen die Beamten in der Aktionswoche dort präsent sein, wo die Risiken besonders groß sind: vor Discountern, Supermärkten und Einkaufszentren.

In persönlichen Gesprächen erklären die Polizisten typische Vorgehensweisen der Täter. Viele Opfer bemerkten den Diebstahl erst an der Kasse oder sogar Stunden später. Deshalb sei es wichtig zu wissen: Niemand müsse sich schämen, Anzeige zu erstatten. Professionelle Täter nutzten gezielt Sekunden der Unaufmerksamkeit.

Die Polizei empfiehlt:

  • Geld, Karten und Ausweise möglichst körpernah in verschlossenen Innentaschen aufzubewahren.
  • Hand- und Umhängetaschen stets geschlossen vor dem Körper zu tragen.
  • Taschen mit Wertsachen niemals an den Einkaufswagen zu hängen.
  • Geldbörsen und Smartphones nicht offen im Einkaufswagen oder Rollator liegen zu lassen.
  • Beim Bezahlen die Eingabe der PIN konsequent abzuschirmen.
  • Misstrauisch zu werden, wenn Fremde plötzlich Hilfe benötigen, ungewöhnlich nahe kommen oder gezielt ein Gespräch beginnen.

Denn die Täter brauchen oft nur wenige Sekunden. Und wenn die Geldbörse erst einmal verschwunden ist, folgen nicht selten gesperrte Bankkarten, neue Ausweise und im schlimmsten Fall hohe Kontoabhebungen. Die Frage, die viele Opfer hinterher stellen, lautet daher oft dieselbe: „Hing meine Handtasche nicht eben noch am Einkaufswagen?“

Wer Opfer eines Diebstahls geworden ist, sollte sich nicht scheuen, die Polizei zu verständigen und Anzeige zu erstatten. Die Täter gehen häufig professionell vor und nutzen gezielt kurze Momente der Ablenkung. „Opfer einer solchen Straftat müssen sich deshalb nicht dafür schämen, dass ihnen der Diebstahl zunächst nicht aufgefallen ist“, heißt es in der Mitteilung der Landespolizeidirektion Thüringen.