Beispielhaftes Projekt Deutscher Lehrerpreis geht nach Vacha

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Für ihr Projekt „Erzähl doch mal...!“ sind Teresa Fruntke und Tanita Heindl vom Johann-Gottfried-Seume-Gymnasium in Vacha am Dienstag mit dem „Deutschen Lehrerpreis 2020“ ausgezeichnet worden.

Für beispielhaftes Projekt geehrt:Teresa Fruntke (links) und Tanita Heindl. Foto: Verena Hahnelt

Berlin/Vacha - „Wir sind überwältigt, fast sprachlos“, sagt Teresa Fruntke (31). Und ihre Kollegin Tanita Heindl (29) erklärt: „Wir fühlen uns ganz besonders geehrt.“ Die beiden Lehrerinnen vom Johann-Gottfried-Seume Gymnasium in Vacha sind im Wettbewerb um den „Deutschen Lehrerpreis 2020“ gestern in der Kategorie „Unterricht innovativ“ mit dem ZEIT-Sonderpreis für ihr Projekt „Erzähl doch mal...!“ ausgezeichnet worden. Insgesamt zehn einzelne Pädagogen, fünf Teams und vier Schulleitungen aus neun Bundesländern haben in dieser zwölften Wettbewerbsrunde für ihre herausragenden pädagogischen Leistungen Preise erhalten. Eingereicht worden waren Vorschläge von mehr als 6400 Schülern und Lehrern aus ganz Deutschland.

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Mauerfall, Wiedervereinigung, Deutsche Einheit – Worte, die bei Zeitzeugen Erinnerungen und Gefühle hervorrufen. Für Schüler hingegen sind es meist nur historische Begriffe. Das Gymnasium in Vacha hatte das Doppeljubiläum 2019/2020 – 30 Jahre Mauerfall /30 Jahre Deutsche Einheit – zum Anlass genommen, deutsch-deutsche Geschichte erlebbar zu machen. Mit dem Projekt „Erzähl doch mal...!“, das Teresa Fruntke und Tanita Heindl erarbeitet und als Bewerbung für den Lehrerpreis eingereicht haben, ist dies gelungen, wie die Jury befand.

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Die Ehre gebühre nicht ihnen alleine, befinden die beiden. „Ohne so tolle Schüler, die engagiert mitarbeiten und immer mit Interesse und Freude bei der Sache sind, wäre so eine Projektreihe nicht planbar“, sagt Tanita Heindl. Die Kollegen hätten ebenfalls großen Anteil, weil sie immer mitgezogen haben. Und ein Dankeschön wollten sie auch ihren Familien aussprechen, „dass sie so viel Verständnis zeigen, für das, was uns am Herzen liegt, wofür wir brennen“, sagt Teresa Fruntke – denn für das Erarbeiten solcher Projekte gehe viel Freizeit drauf.

In dem schuljahresübergreifenden Projekt am Seume-Gymnasium, das fortgeführt werden soll, lernen die Schüler die Hintergründe des Mauerfalls nicht nur aus dem Schulbuch kennen, sondern kommen aktiv mit ihren Familien darüber ins Gespräch: „Erzähl doch mal…, wie hast du eigentlich die Friedliche Revolution und den Mauerfall erlebt?“. Auf diese Weise erkennen sie, dass das Epochenjahr 1989/1990 auch die Geschichte ihrer Familie ist. Teamfähigkeit und Eigenverantwortung der Jugendlichen werden über den eigentlichen Unterricht hinaus gefordert, weil sie in Gruppen Zeitzeugen interviewen, Podcasts produzieren oder Theaterstücke planen und aufführen sollen.

Die Jury lobte, dass das Projekt die eigene Familien- und Regionalgeschichte erlebbar mache und in den großen historischen Kontext des Kalten Krieges und der Wiedervereinigung Deutschlands einordne. Das führe zu nachhaltigem Lernen. Gleichzeitig werde eine Brücke zwischen den Fächern Deutsch und Geschichte, aber auch Kunst und Sozialkunde geschlagen.

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Nach den Erfahrungen der beiden – Tanita Heindl ist Deutsch- und Geschichtslehrerin, Teresa Fruntke unterrichtet Geschichte und Biologie – wurde bei der Projektarbeit auch die Selbstständigkeit der Schüler gefördert. Sie mussten Verantwortung übernehmen und flexibel bleiben. Vor allem aber hätten sie Teamgeist entwickelt, denn als „Einzelkämpfer“ seien die Aufgaben kaum zu bewältigen.

Die Schüler nähmen Herausforderungen an und bemühten sich ehrgeizig, neue Wege zu finden, wenn etwas nicht auf Anhieb klappt. Und nicht zuletzt lernten die Jugendlichen den Umgang mit unterschiedlichen Computer-Programmen, um ihre Erkenntnisse digital aufzuarbeiten. Das alles seien positive Dinge, die „die Schüler aus diesem Projekt für die Zukunft mitnehmen können“.

Der größte Gewinn für die Schüler sei aber „die Erkenntnis, dass Freiheit und Demokratie keinesfalls selbstverständlich sind, dass jeder Einzelne immer wieder dafür eintreten sollte“, erklärten die beiden.

Anlass, Organisationsablauf und die Kooperationsmöglichkeiten des Projekts seien vorbildlich, befand die Jury. „Der Verlauf ist auf alle Schulen übertragbar“, heißt es in einem Gutachten zu dem Wettbewerb.

Thüringens Bildungsminister Helmut Holter (Linke) gratulierte den Lehrerinnen gestern zu ihrer „außerordentlichen“ Leistung. „Diese Auszeichnung zeigt, dass Sie Ihren Beruf als Berufung verstehen und neue Mittel und Wege suchen, Unterrichtsinhalte lebensnah, verständlich und nachhaltig an Ihre Schülerinnen und Schüler zu vermitteln“, sagt er. Das koste Zeit und Kraft und zeuge von Erfindergeist. „Gerade in Tagen wie diesen können wir das nicht hoch genug bewerten“, befand er. Als motivierte Lehrerinnen seien die beiden Vorbild und trügen ganz wesentlich zum Demokratielernen der Schüler bei. „Das erfolgreiche Lernen demokratischer Partizipation und die eigenständige Reflexion der Geschichte sind wesentliche, tragende Pfeiler unserer Gesellschaft“, stellte der Minister fest.

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Der Wettbewerb

Der Deutsche Lehrerpreis zeichnet besondere Unterrichtsmodelle und engagierte Lehrkräfte aus. Er wird vom Deutschen Philologenverband und der Heraeus Bildungsstiftung verliehen. DIE ZEIT, ZEIT für Schule und der Cornelsen Verlag unterstützen den Wettbewerb als Kooperationspartner.

Die Schirmherrschaft des Wettbewerbs 2020 hat Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Die Preisverleihung fand am Dienstag, 4. Mai, digital statt. Die Auszeichnungen für die Wettbewerbsrunde 2020 verteilen sich wie folgt: Je drei gehen nach Baden-Württemberg, Bayern, Berlin und Nordrhein-Westfalen; je zwei nach Hessen und Sachsen sowie je eine nach Rheinland-Pfalz, Schleswig-Holstein und Thüringen.

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