Bamberg Dubioses Techtelmechtel endet vor Gericht

Udo Güldner

Der nun Angeklagte vor dem Landgericht Bamberg ist kein Unbekannter vor Gericht. Wegen Diebstahl, Hehlerei,Betrug und Drogen fiel er schon auf. Sein aktuelles Opfer will zunächst nicht aussagen.

Kreis Haßberge/Bamberg - Am Landgericht Bamberg muss sich derzeit ein 38-jähriger Mann aus dem Landkreis Bamberg wegen eines versuchten Totschlags und gefährlicher Körperverletzung verantworten. Es geht um einen Gewaltausbruch am Vatertag in Bamberg. Nicht nur seine von ihm getrennt lebende Ehefrau will den Täter nicht belasten. Sogar das Opfer der Schläge und Tritte lügt, um "dem zweifachen Vater einen Gefallen zu tun". Mit fatalen Folgen für alle ...

Nach der Werbung weiterlesen

"Das hier ist doch kein Kasperltheater. Die Folgen haben Sie sich selbst zuzuschreiben". Es ist kurz vor Mittag, als die Handschellen klicken. Gerade noch saß Volker P. (Name geändert) auf dem Zeugenstuhl. Minuten später sitzt er schon in der Arrestzelle der Polizeiinspektion Bamberg-Stadt ein. Oberstaatsanwalt Michael Hoffmann hat den 36-jährigen Mann aus dem Landkreis Haßberge durch zwei Wachtmeister vorläufig festnehmen lassen. Eine Blutprobe soll klären, ob er unter Drogeneinfluss steht. Sein Smartphone soll ausgewertet werden, um festzustellen, warum das Opfer einer brutalen Attacke ausgerechnet den Angreifer verschonen will. Am Geld kann es nicht liegen, denn beim Angeklagten ist nichts zu holen. Vielleicht spielen aber auch die Reize der Noch-Ehefrau des Angeklagten eine Rolle. Immerhin machte sich Volker P. Hoffnungen, dass mehr möglich sein könnte als nur Küsse.

Der Verdacht steht im Raum, dass Volker P. die zweite Strafkammer am Landgericht Bamberg belogen hat. Er könne sich im Grunde an gar nichts mehr erinnern, gibt er an. Weder an die Gewalttaten am vergangenen Vatertag, noch an die Befragungen durch die Polizeibeamten und schon gar nicht an eine Rekonstruktion der Tritte gegen Kopf und Oberkörper. Diese sind es, mit denen sich der Angeklagte die Anklage wegen versuchten Totschlags und gefährlicher Körperverletzung eingebrockt hat. Der Polizei gegenüber hatte Volker P. sogar einen Mofa-Unfall ins Spiel gebracht, um seine Verletzungen zu erklären. Dabei hatte der Vorsitzende Richter Manfred Schmidt dem Zeugen eine goldene Brücke nach der anderen gebaut, um die uneidliche Falschaussage zu vermeiden - vergebens. "Wir haben auf Sie eingeredet wie auf ein krankes Pferd". Nach einiger Bedenkzeit hinter Gittern hat Volker P. sich dann aber doch besonnen. Am Nachmittag will er noch einmal aussagen.

Am Abend des Vatertags hatten sich der Angeklagte, seine Ehefrau und Volker P. an einer Tankstelle in Bamberg getroffen. Die beiden Männer kennen sich schon seit ihrer Jugend. Nach etlichen Bieren und diversen Rum-Misch-Getränken, die zu zwei Promille Blutalkohol führen, hatte das Pärchen sich auf den Weg gemacht. Nicht ohne zuvor noch ausführlich über das Fremdgehen zu philosophieren. Immerhin hatte der Angeklagte eine kurzzeitige Affäre mit Volker P.s Ehefrau, "eine rein sexuelle Geschichte". Im Gegenzug hatte sich Volker P. in die Noch-Ehefrau des Angeklagten verguckt. "Er hat mir erlaubt, mit seiner Frau Spaß zu haben". Doch mehr als eine Übernachtung, bei der ihr "nicht gerade kleiner Hund" zwischen ihnen gelegen hatte, war nicht dabei herausgesprungen. Vielmehr scheint die attraktive 33-Jährige die Lage finanziell ausgenutzt zu haben. Ein Mobilfunk-Vertrag, Gratis-Getränke und Bargeld, aber auch seine EC-Karte mit Geheimzahl kann sie an diesem Abend erbeuten. "Das war wohl eher ein Schuss in den Ofen", so Volker P.

Also folgt Volker P. dem Pärchen. "Er stichelte und stänkerte", so der Angeklagte. Es kommt auf beiden Seiten zu lauten und unschönen Worten, dann zu einem Gerangel. Als sich Volker P. auf Höhe einer Bushaltestelle abwendet, tritt ihn der Angeklagte von hinten ins Kreuz. Als Volker P. am Boden liegt, folgen weitere Fußtritte. Freilich nicht die "mindestens elf", die eine Zeugin gesehen haben will. Später wird das Opfer im Klinikum Bamberg wegen einer stark blutenden Kopfplatzwunde, diverser Prellungen und Schürfwunden an Kopf, Oberkörper, Händen und Beinen behandelt. Allerdings unter Polizeischutz für Ärzte und Pfleger, denn Volker P. hatte ihnen Gewalt angedroht.

Für den Angeklagten ist der Prozess freilich nicht der erste Kontakt mit Polizei und Justiz. Seit zwei Jahrzehnten beschäftigt er Juristen in Bamberg und Würzburg mit Kleinkriminalität wie Schwarzfahren, Fahren ohne Fahrerlaubnis und Trunkenheit im Verkehr, aber auch mit Beschaffungskriminalität. Diebstahl und Hehlerei, mehrfacher Betrug und gemeinschaftliche schwere räuberische Erpressung sollten die Mittel bereitstellen, um an Rauschgift wie Speed, LSD, Crystal Meth oder Cannabis zu kommen. Als Folge des Drogenkonsums verletzte er vor sechs Jahren schon einmal einen anderen Betrunkenen, den er am Bahnhofsplatz in Würzburg von dessen Bierkiste schubste. Eine Platzwunde war das Ergebnis. Wie lange der Angeklagte hinter Gittern muss, wird sich am 1. Oktober entscheiden.