Bamberg Dealer zeigt sich kooperativ

Udo Güldner

Ein junger Mann hatte zahlreiche Kunden aus dem Landkreis Bamberg mit Drogen versorgt. Um eine glimpfliche Strafe zu bekommen, verriet er viele von ihnen an die Polizei.

Dealer zeigt sich kooperativ Quelle: Unbekannt

Bamberg - Eineinhalb Jahre lang versorgte ein unscheinbarer Schüler aus Bamberg den gesamten Landkreis mit Drogen aller Art. Nun wurde dem jungen Mann am Amtsgericht Bamberg der Prozess gemacht. Für den Erwerb, den Handel und die Einfuhr von Betäubungsmitteln in nicht geringer Menge, den tätlichen Angriff auf Vollstreckungsbeamte und versuchte Körperverletzung gab es 21 Monate Jugendstrafe zur Bewährung. Er kam nur deshalb so glimpflich davon, weil er rund ein Dutzend seiner Großkunden ans Messer geliefert hatte.

Nach der Werbung weiterlesen

8,6 Kilogramm Marihuana, 1,6 Kilogramm Haschisch, 2,3 Kilogramm Speed, 450 Ecstasy-Tabletten, 130 Gramm Ecstasy-Kristalle, 600 LSD-Trips, drei Gramm Kokain, sechs Gramm Crystal Meth. Es sind "unglaubliche Mengen", die Staatsanwalt Alexander Baum auf seiner Liste stehen hat. All das soll der Musterschüler Gino (Name geändert), der inzwischen auswärts studiert, zwischen April 2018 und Dezember 2019 an seine Großkunden im Raum Bamberg verkauft haben. Die wiederum verkauften die Ware weiter. Der Stoff war, das belegen Wirkstoff-Gutachten des LKA Bayern, von guter bis sehr guter Qualität. Weil auch der Preis stimmte, wurde aus dem anfänglichen Experiment Ginos im Laufe der Monate ein Riesengeschäft. "Ich wollte es nur einen Monat machen und dann möglichst schnell wieder heraus". Dabei hatte es der junge Mann gar nicht wegen des Geldes getan. Ihm sei es um die Anerkennung seiner Mitschüler und gleichaltrigen Bekannten gegangen. "Er war wer. Zu ihm kam man. War er zuvor ein Außenseiter, so bekam er dadurch die erhoffte Anerkennung", so Sven Hartmann von der Jugendgerichtshilfe.

Dafür spricht, dass man rund 49 000 Euro Bargeld in seinem Zimmer gefunden hat. Sorgfältig eingeschweißt und mit dem Aufdruck "Drogen" versehen. Gino selbst hatte nur anfangs etwas aus Neugierde probiert, eine Sucht hatte sich nicht entwickelt. "Er ist kein klassischer Drogenhändler", so sein Pflichtverteidiger Thomas Drehsen. Auch vorbestraft war Gino nicht.

Dass Gino vom Vorsitzenden Richter Martin Waschner und seinen beiden Schöffen überhaupt die Chance einer Bewährungsstrafe erhielt, lag an seiner Aufklärungshilfe, die selbst eine erfahrene Kriminalbeamtin aus Bamberg so noch nicht erlebt hatte. Vieles hatte man überhaupt nicht gewusst. In der dreimonatigen Untersuchungshaft erzählte Gino freimütig, wie er an das Rauschgift gekommen war, und vor allem, an wen er es weitergereicht hatte. Dadurch konnten die Ermittlungsbehörden inzwischen fast ein Dutzend Personen aus dem Landkreis Bamberg dingfest machen.

Einer von ihnen hatte am selben Tag das zweifelhafte Vergnügen, vom selben Jugendschöffengericht zu einer einjährigen Bewährungsstrafe und 800 Euro Geldauflage verurteilt zu werden. Die anderen warten noch auf ihren Prozess. Auch sie können mit einer geringeren Strafe rechnen, sobald sie "auspacken". Die Bezugsquellen waren zum einen das Darknet, zum anderen die Niederlande. Über die dunkle Seite des Internets orderte Gino immer wieder bei Händlern, die von den Cybercrime-Spezialisten des LKA Nordrhein-Westfalen in Dortmund ausfindig gemacht werden konnten. So kam man im Dezember 2019 auch auf Gino. Gezahlt wurde mit der virtuellen Währung Bitcoin. Geliefert per Post in das Postfach seiner Mutter, die davon nichts ahnte.

Einmal engagierte er einen "Taxifahrer" aus dem Landkreis Schweinfurt, der ihn nach Enschede bringen sollte. Denn Gino hatte da noch keinen Führerschein. Dort fragte er in den Coffe Shops einfach, wo man größere Mengen kaufen könnte. Mit dem Chaffeur an seiner Seite brachte er 1,8 Kilogramm, für die er rund 8.700 Euro von seinem Sparbuch investiert hatte, über die Grenze. Nur wenn diese beiden Wege versperrt waren, etwa weil die Haschisch-Päckchen auf dem Postweg "verloren" gingen, griff Gino auf einige lokale Anbieter zurück, die er über einen Mitschüler kennen gelernt hatte.

Als man seine Wohnung durchsuchen wollte, glaubte Gino, es handle sich bei den Zivilbeamten um falsche Polizisten. Zumal die Dienstausweise wenig vertrauenerweckend aussahen und wegen Gefahr in Verzug keine Durchsuchungsanordnung vorlag. Hintergrund war, dass er kurz zuvor in Holland von vier vermummten Gestalten überfallen worden war. So packte er einen der Beamten von hinten, nahm ihn in den Schwitzkasten und brachte ihn zu Boden. Auch danach widersetzte er sich der Fesselung.

Wie Gino später erfuhr, hatte seine Großmutter die Polizei angerufen. Dieselbe Oma war es auch, die seinem Rechtsanwalt kurz darauf eine Weihnachtskarte schickte, in der sie drohte, "ihm die Bude abzufackeln".