Bahnbau von Köppelsdorf nach Stockheim Aufschwung für Föritz und Schwärzdorf

Vor 120 Jahren fuhren die ersten Züge zwischen Köppelsdorf und Stockheim. Vom Bahnbau profitierten auch die kleinen Orte Föritz und Schwärzdorf. Rainer Stöhr aus Föritz hat sich auf Spurensuche begeben.

Föritztal - Wir schreiben das Jahr 1900. Föritz und Schwärzdorf sind zwei kleine Bauerndörfer. Schwärzdorf zählt 315 Einwohner, Föritz 450. Die Bewohner ernähren sich hauptsächlich von Landwirtschaft, arbeiten in den aufstrebenden Porzellanwerken, die Schwärzdorfer verdingen sich im Stockheimer Bergbau. Der Weg zur Arbeit bedeutet Fußmarsch. Der Wohlstand hat um die Dörfer bislang einen Bogen gemacht. Wie hat der Bahnbau ihr Leben verändert? Rainer Stöhr, ein Föritzer Heimatfreund, hat viele Fotos und Kopien von Schriftstücken gesammelt, die Antwort darauf geben können. In zwei Fotobüchern hat er die Belege festgehalten. Stöhr kann auch berichten, dass um die Streckenführung einige Debatten gab. So wollte der Kohlegrubenbesitzer Swaine erreichen, dass die Bahn über Buch fuhr, damit seine Bergwerke angeschlossen werden können. Eine andere Idee führte über Rottmar.

Bahn braucht Land

Zunächst floss durch den Ankauf der für den Bahnbau erforderlichen Flächen Geld in etliche Familienkassen in Schwärzdorf und Föritz. Schriftstücke, die das belegen, stellte Gunter Kaiser zur Verfügung, der Enkel des in Föritz verehrten Lehrers Johannes Kaiser. Ob diese Verkäufe ganz freiwillig abliefen, ist nicht überliefert. Jedoch findet man in den Schreiben häufig die Formulierungen „Enteignung“ und „Entschädigung“. Wie den Dokumenten weiter zu entnehmen ist, wurden bei dieser Gelegenheit Erbengemeinschaften aufgelöst. Rainer Stöhr las, dass auch seine Vorfahren etwas erhielten: 47 Mark.

Dampfziegelei

In Schwärzdorf entstand extra für den Bahnbau eine Dampfziegelei. Dafür verkaufte der Schultheiß Georg Oettler seine Wiesen an der Kreisstraße. Die Ziegelei lieferte die Steine für die Brückenbauwerke der Strecke. Der Ton, welcher hier zu finden ist, ergibt leuchtend rote Ziegel. Die Steine fanden auch für neue Wohnhäuser an der Kreisstraße Verwendung. Das Wort Dampf verweist auf den Einsatz von Dampfmaschinen. Der Schwärzdorfer Lehrer Edmund Back bezifferte in einem Aufsatz die Beschäftigtenzahl mit 20 bis 30. Die Ziegelei bestand bis Ende der 20er, Anfang der 1930er Jahre. Dann wurde sie abgerissen. Auf dem Gelände steht heute ein Wohnhaus, am Ortsausgang das vorletzte rechts in Richtung Neuhaus-Schierschnitz. Gegenüber, das vorletzte, war einst das Verwaltungsgebäude der Ziegelei.

Aus der Zeit nach Fertigstellung der Bahnlinie hat sich ein Foto in Privatbesitz bei der Eichitzer Ruth erhalten, auf dem die Familie Schindhelm zu sehen ist. Robert Schindhelm, geboren 1855, wurde der Ziegler genannt. Sein Sohn hieß Karl und war 1877 geboren. So, wie Robert ausschaut, war er in leitender Position tätig. Rainer Stöhr hat das Foto in sein Fotobuch aufgenommen und damit der Nachwelt zugänglich gemacht. Eine weitere Ziegelei, die schon vor dem Bahnbau bestand, befand sich an der Stelle, an welcher die Föritz die Kreisstraße quert. Das Gelände ist den alten Föritzern und Schwärzdorfern noch als der Gloleshof bekannt. Die Ziegelei erlag dann aber der Konkurrenz der moderneren Anlage in Schwärzdorf.

Steinbrüche in Föritz

Steine für den Bahnbau kamen aus den Oberender-Steinbrüchen in der Föritzer und Eichitzer Flur. Es handelte sich um Grauwacke, welche heute noch im Hartsteinwerk Hüttengrund gebrochen wird. Die Föritzer Steinbrüche sind heute weitgehend zugewachsen. Man kann die Bruchkanten noch sehen, wenn man am nördlichen Ortsende von Föritz die Ortsstraße weiter hinauf geht und am ehemaligen Trafohäuschen nach rechts in Richtung Eichitz geht. Zum Transport der Steine vom Bruch bis zur Bahnlinie wurde eine Rollbahn angelegt. „Ich wusste zunächst nicht, ob es sich lediglich um Pläne gehandelt hat oder ob das Projekt umgesetzt wurde. Schließlich bin ich aber auf Dokumente gestoßen, die die Rollbahn bestätigen“, erzählt Rainer Stöhr. Viele Bauern leisteten Dienste für den Bahnbau und erzielten ein Zusatzeinkommen.

Fesche Mannsbilder

Der Bahnbau brachte auch viele neue Arbeiter in die Region. Überliefert ist die Geschichte von Ludwig Linsmeier aus der Region Passau. Er verdingte sich mit seinem Bruder Alois beim Bahnbau und verliebte sich in Schwärzdorf. Die junge Frau wurde schwanger. Die Hochzeit war angesetzt. Da verunglückte der Bräutigam wenige Tage vorher tödlich in einem Steinbruch. Seinen Sohn sah er nicht mehr. Max Möhring wurde von seiner Mutter und deren Schwester aufgezogen.

Föritzer Bahnhof

Der Bahnhof Föritz befand sich dort, wo heute der Radweg die Ortsstraße kreuzt und vor einigen Jahren ein Spielplatz errichtet wurde. Er hatte ein richtiges Gebäude, unterteilt nach Klassen. Schwärzdorf hingegen hatte keinen Haltepunkt. Rainer Stöhr hat etliche Aufnahmen an diesem Bahnhof aus dem 20. Jahrhundert gesammelt. Er wohnt hier und kannte einige der Bahnwärter noch persönlich. Als Schrankenwärter hat er Bernhard Wicklein (den Fuhrwerksbernhard), Karl Schulz, Johanna Stretzke und Ilse Schmidt aufgelistet. Manfred Meusel aus der Schulstraße in Föritz, Jahrgang 1934, ist als Lehrling zu seinem Ausbildungsbetrieb Hartwig in der heutigen Robertstraße mit dem Zug gefahren. „Wir liefen über die Wiesen und wenn wir spät dran waren und hatten mit dem Eisenbahner Glück, da wartete er auch eine halbe Minute“, erinnert er sich. Rainer Stöhr hingegen weiß eine Anekdote aus der Föritzer Geschichte zu berichten, wonach beim Brand der Scheune Faber in Schwärzdorf der Bahnwärter trotzdem die Schanke nicht vorzeitig öffnete und die Feuerwehr warten musste.

Neues Gewerbe

Nach dem Bahnbau nahm auch das Gewerbe in den Orten Aufschwung, denn die Familienbetriebe hatten nun eine bessere Möglichkeit, ihre Waren und Rohstoffe hin und her zu transportieren. Die Bevölkerung war in den Orten stark gewachsen. Im Jahr 1925 werden in Föritz 545 Einwohner und in Schwärzdorf 438 Einwohner verzeichnet. Lehrer Edmund Back berichtet in einem Aufsatz aus dem frühen 20. Jahrhundert über Schwärzdorf, dass der landwirtschaftliche Erwerb zurück ging und nun fast drei Viertel der Familien durch Industrie- und Handwerksarbeit ihren Unterhalt verdienen. Die Arbeiter waren nach seinen Angaben vorrangig in den Porzellanfabriken in Köppelsdorf; Hüttensteinach, Burggrub und den Spielzeugfarbiken in Sonneberg beschäftigt.

Kleine Gewerbebetriebe entstanden. So betrieb Max Steiner zwischen 1925 und 1934 mit fünf Beschäftigten eine Stoffbärenproduktion in seinem 1928 erbauten Haus in der Schwärzdorfer Wiesenstraße. Das haben die Jonas Heublein, Johannes Tacke, Leon Wirsching in einer Schülerarbeit dokumentiert. Julius Wicklein aus Schwärzdorf stellte an der Kreisstraße Babypuppen her, Emil Fischer Holzspielzeug. Die Gärtnerei Diller transportierte Pflanzen mit der Bahn.

Spurensuche

Das alles ist Geschichte. Der letzte Personenzug fuhr auf der Strecke 1967, der letzte Güterzug 1970. Die Spuren der Bahn sind fast verschwunden. Nur noch die Schwärzdorfer Brücke kündet deutlich von einstiger Infrastruktur. Auf der Bahntrasse verläuft heute ein Radweg. Im Zuge seines Baus wurde auch die Schwärzdorfer Brücke saniert. Im Einschnitt zwischen Föritz und Schwärzdorf kann man noch eine Hangbefestigung aus Bruchsteinen erkennen. Der Einschnitt zwischen Schwärzdorf und Neuhaus ist nach 1990 mit Bauschutt gefüllt worden und so mancher dachte dabei an jene Leute, die das hundert Jahre vorher mit der Hand ausgegraben hatten.

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