Bahn-Nostalgie Es dampft kein Zug nach nirgendwo

Das Thüringer Infrastruktur-Ministerium hat das „Nostalgieprogramm“, die seit vielen Jahren hierzulande und bei einem internationalen Publikum beliebten Dampflokfahrten wie den „Rodelblitz“, eingestellt. Aus finanziellen Gründen.

Was für ein Moment, wenn auf der Steilrampe im Wilden Geratal der „Rodelblitz“ von Arnstadt aus hoch zur Brandleite schnauft! Und erst bei richtigem Winterwetter, wenn der Dampf aus der Lok in weißen Wolken im Tal hängen bleibt und der stampfende Sound der stählernen Maschine von den Berghängen hallt. Für die kleinen und großen Mitreisenden im Zug und hunderte Eisenbahnfans an der Strecke ist das echtes Gänsehaut-Feeling. Ein letzter Pfiff – rein geht’s in den Brandleitetunnel. Und drüben, auf der anderen Seite des Rennsteigs, hinunter nach Zella-Mehlis und weiter ins Schmalkaldische. Nostalgie pur, Technik zum Anfassen, Eisenbahnromantik, Begeisterung bei allem im Zug und an der Strecke. Die Fahrten des „Rodelblitz“ locken in jedem Jahr tausende Eisenbahnfans in den Thüringer Wald – und bei weitem nicht nur aus Deutschland.

Doch damit ist jetzt Schluss. Das Thüringer Infrastruktur-Ministerium stellt ab kommenden Jahr sein viele Jahre lang erfolgreiches „Nostalgieprogramm“ ein – mehr als zwei dutzend Fahrten mit historischen Lokomotiven und Wagen auf verschiedenen Strecken Thüringens, darunter eben auch den „Rodelblitz“. Otto Mayer würde sich wohl im Grabe umdrehen. Davon ist Udo Pfotenhauer, der Vereinsvorsitzende der „IGE Werrabahn“ in Eisenach überzeugt. Mayer, einst Bahnhof-Vorsteher in Eisenach, managte schon zu Reichsbahnzeiten große Verkehrsprojekte, war erster Chef der Thüringer Nahverkehrs-Servicegesellschaft – und Erfinder des „Nostalgieprogramms“, erzählt Pfotenhauer. Regelmäßig, so Mayers Idee, sollten Dampfzüge durch den Freistaat rollen – zur Freude von Klein und Groß und als touristische Magnete weit über die Landesgrenzen hinaus.

Dieser Plan sei aufgegangen, sagt Udo Pfotenhauer. Sein Verein stellt die Dampflok „41 1144-9“ für die meisten Nostalgiefahrten. Die historischen Wagen kommen von DB Regio. Bezahlt werden die Fahrten aus den Ticket-Erlösen und sogenannten Regionalisierungsmitteln für den Eisenbahn-Nahverkehr. Der Eisenacher Vereinschef ist gerade stinksauer auf das Ministerium. Dass seinem Verein nun Einnahmen wegbrechen, darunter auch eine Instandhaltungspauschale für die Lok, sei das eine. Ihn ärgert mehr, wie man in Thüringen mit Touristen umgeht: „Wir haben sogar Eisenbahnfans aus Spanien und England hier, wir werden überall beneidet für dieses Programm, die Leute schlafen, essen, trinken und tanken hier.“ Am schlimmsten aber sei, dass nicht miteinander geredet, sondern einfach am Schreibtisch entschieden werde. „Warum gab es keinen runden Tisch, an dem wir mal miteinander über Bahnnostalgie sprechen?“, fragt Pfotenhauer.

Er kann sich bis heute nicht erklären, warum das Ministerium ausgerechnet ein derart erfolgreiches Projekt, das zudem Alleinstellungsmerkmale aufweist, einfach aufgibt: „Es lief doch jahrelang reibungsfrei!“ Auch, weil Profis am Werk waren – in seinem Verein, bei DB Regio und auch der mittlerweile aufgelösten Nahverkehrsgesellschaft. Nostalgiefahrten sind aufwendig: Wagen und Loks müssen regelmäßig gewartet und inspiziert werden, eine ziemlich teuer Angelegenheit. Lokführer und Zugpersonal müssen geschult, die Lok für die elektronische Signal- und Sicherungstechnik der Bahn angepasst, die Fahrten als Personenbeförderung genehmigt, in den DB-Fahrplan eingestellt, die Trassen bei DB Netz bestellt sein. „Ich denke, wir haben da eine solide Betriebsführung bewiesen“, sagt Udo Pfotenhauer.

Nun, nach Ende des Programms, sieht er noch andere Probleme: Die Infrastruktur, die man sich aufgebaut habe, gehe verloren: Feuerwehren sorgen an der Strecke für Wasser, im Arnstädter Bahnbetriebswerk, heute Museum, kann die Lok für die Rückfahrt des „Rodelblitz“, der von Eisenach über Schmalkalden und Zella-Mehlis nach Arnstadt dampft, gedreht werden. Was mit den historischen Wagen passiere, sei unklar. Die regelmäßig nötige Revision der Lok muss der Verein nun anderweitig finanzieren.

Im Thüringer Infrastrukturministerium, das die Entscheidung zur Einstellung des Programms bereits im Juli getroffen hat, weist man die Verantwortung von sich: „Die Finanzierung eines neuen Verkehrsvertrages mit einer Laufzeit über mehrere Jahre ist mit Mitteln für den Schienenpersonennahverkehr nicht mehr darstellbar“, heißt es auf Nachfrage. Der Nahverkehr diene der Daseinsfürsorge und schlage ohnehin mit stetig steigenden Kosten zu Buche. Dampflokfahrten hätten für die Daseinsvorsorge, also die Mobilitätsgarantie im Alltagsverkehr, „praktisch keine Bedeutung“, sondern seien „ein vorrangig touristisch genutztes Angebot“. Dementsprechend habe man das für Tourismusförderung zuständige Wirtschaftsministerium gebeten, „eine zumindest anteilige finanzielle Beteiligung an den zukünftigen Kosten des Nostalgieprogramms zu prüfen.“ Ergebnis: Das Haus von Minister Wolfgang Tiefensee habe „kurz- und mittelfristig keine Kostenbeteiligung am Nostalgieprogramm ermöglichen“ können. Damit ist die Sache für das Haus von Ministerin Susanna Karawanskij erledigt. Zuständig für diese Entscheidung war im Juli ohnehin noch Staatskanzleichef Benjamin-Immanuel Hoff, die neue Ministerin ist erst seit wenigen Wochen im Amt.

Der Zuschussbedarf für ein Jahr Thüringer Bahnnostalgie ist mit rund 500 000 Euro – gemessen an anderen touristischen Projekten hierzulande, die schnell mal Millionensummen verschlingen – vergleichsweise klein. Im Infrastrukturministerium hatte man trotzdem die so ehrgeizige wie unrealistische Vorstellung, das Programm könne sich perspektivisch eigenwirtschaftlich tragen. Tatsächlich sind die Fahrgastzahlen, auch in Abhängigkeit von der Zahl der von Jahr zu Jahr angebotenen Züge, zuletzt leicht gesunken: Von rund 6 300 Personen im Jahr 2015 auf 5 800 im Jahr 2019. Der „Rodelblitz“ startete einmal mit zehn Fahrten an fünf Wochenenden. Zuletzt war er noch an drei Wochenenden unterwegs.

Dennoch verweist das Ministerium ausdrücklich auf nicht vorhandenes Geld als Grundlage der Entscheidung: „Das Nostalgieprogramm wird nicht wegen zu geringer Nachfrage beendet.“ Auswirkungen auf den Tourismus zum Beispiel im Thüringer Wald werden sogar eingeräumt, wenn auch als „überschaubar“ eingeschätzt: „Von Fans historischer bzw. nostalgischer Bahnfahrten und von den Tourismuspartnern wird die Einstellung wahrscheinlich und nachvollziehbar mit Bedauern betrachtet werden.“ Das gelte auch angesichts der „sehr guten Auslastung“ des „Rodelblitzes“.

Eine einsame Entscheidung also? Wohl kaum. Man habe, verlautbart das Infrastrukturministerium, „im engen Austausch mit dem für Tourismus zuständigen Wirtschaftsministerium“ gestanden. Das Ergebnis dieses interministeriellen Gedankenaustauschs formuliert Udo Pfotenhauer so: „Thüringen war mal der Leuchtturm beim Nostalgieverkehr auf der Schiene.“

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