Bad Salzungen Mutter will Gewissheit: War der Tod ihres Babys vorgetäuscht?

In der Weihnachtszeit denkt Christine Schülke aus Struth-Helmershof noch öfter als sonst an Grit. Eines ihrer beiden Zwillingsmädchen, das eine Woche nach der Geburt gestorben sein soll. Doch die Mutter vermutet, dass Grit lebt. Dass sie in einer fremden Familie aufgewachsen ist.

Floh-Seligenthal/Bad Salzungen - Vor zwei Jahren begab sich Christine Schülke auf die Suche. Endlich war sie dazu bereit, intensiv nachzuforschen, was vor 46 Jahren passiert ist. Ist eines ihrer beiden Zwillingsmädchen wirklich gestorben oder hat man den Tod nur vorgetäuscht, um ihr das Kind wegnehmen zu können? Auf diese Frage will sie eine Antwort haben. Die 66-Jährige, die im Floh-Seligenthaler Ortsteil Struth-Helmershof lebt, lässt der Gedanke nicht los, dass ihr Kind in einer anderen Familie aufgewachsen sein könnte. Und auch Zwillingsschwester Vicki ist überzeugt, dass Grit lebt. "Sie spürt das hier", sagt die Mutter und fasst sich ans Herz. Vicki hilft ihrer Mutter bei der Suche, hat im Internet einen Aufruf gestartet.

IG "Gestohlene Kinder"

Verein "Interessengemeinschaft gestohlene Kinder der DDR", Zusammenschluss von Betroffenen von Zwangsadoptionen und Säuglingstod/Kindestod der ehemaligen DDR

Erst seit etwa fünf Jahren ist das Thema vorgetäuschter Kindestod im Brennpunkt.

Der Verein hat 2400 Mitglieder, etwa 70 Prozent sind vom Säuglingstod betroffen.

In den Statistiken der BRD und DDR gibt es etwa 72 000 Fälle von Inkognito-Adoptionen, also solchen, bei denen die Adoptionseltern nicht wussten, woher die Kinder kamen und den leiblichen Eltern nichts über den Verbleib ihrer Kinder gesagt wurde.

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www.iggkddr.de


Damals, am späten Abend des 18. Juni 1974, vier Tage vor ihrem 20. Geburtstag, gebar Christine Frank, wie sie zu dem Zeitpunkt hieß, auf normalem Wege Zwillinge im Krankenhaus Schmalkalden. Eineiige, wie ihr die Hebamme sagte. "Sie sagte mir auch, dass alles in Ordnung ist und die Kinder gesund sind", erinnert sich Christine Schülke, die ihre Mädchen schreien hörte, aber nicht zu Gesicht bekam, obwohl sie danach fragte. Wie damals üblich, wurden die Mädchen versorgt und ins Säuglingszimmer gebracht.

Das Baby nie gesehen

Am nächsten Tag hieß es, die Kinder müssten nach Suhl in die Kinderklinik des Bezirkskrankenhauses. Sie waren in der 36. Schwangerschaftswoche mit je 2000 Gramm geboren, Grit war 45, Vicki 42 Zentimeter groß. In der Zeit wurden früh geborene Kinder meist nach Suhl gebracht, wo sie bis zur 40. Schwangerschaftswoche blieben. Auf Nachfrage bei der Hebamme habe diese zu ihr gesagt: "Reg’ dich nicht auf, Christine, gegen die kommst du nicht an." Was genau sie damit meinte, sei ihr bis heute nicht klar. Nachfragen kann Christine Schülke nicht mehr. Hebamme Kirsch und auch der Arzt, der bei der Entbindung dabei war, Dr. Wlasak, sind bereits gestorben. Aus dem Geburtsbuch geht hervor, dass außer ihnen noch eine Schwester Jutta bei der Geburt dabei war.

"Ich bin dann nach Hause gefahren und habe meine abgepumpte Milch ein paar Mal nach Suhl gebracht. Auch dort hat man mir die Mädchen nie gezeigt. Es hieß immer, sie würden schlafen. An dem Tag, an dem ich sie abholen wollte, sagte man mir, dass eines der beiden Mädchen gestorben ist", berichtet Christine Schülke. Die Mitteilung traf sie wie ein Schlag. Bis dahin war sie davon ausgegangen, beide Kinder mit nach Hause nehmen zu können. Sie habe sofort gefragt, wo das Kind sei. Das bekomme in Zella-Mehlis auf dem Friedhof ein Grab, sagte man ihr. Die junge Frau, die damals schon einen zweijährigen Sohn hatte, fuhr wie betäubt mit Zwillingsbaby Vicki nach Hause.

In Zella-Mehlis erfuhr sie, dass Grit Frank in einer Sammelurne beerdigt worden sei. Ihr Mann, mit dem sie 1983 eine weitere Tochter bekam, hielt nichts von dem Ansinnen, zum Friedhof zu fahren. Sie werde sowieso nichts finden, meinte er. Christine ließ sich 1986 scheiden. 2014 starb ihr Ex-Mann.

In all den Jahren hat Christine Schülke, die ihre Tochter Grit weder lebend noch tot zu Gesicht bekommen hat, nie das Gefühl verlassen, dass damals etwas nicht stimmte. Ihre Schwiegermutter, in deren Haus sie lebte, spielte dabei eine undurchsichtige Rolle. "Sie hat mir schon meinen Sohn entfremdet. Und als ich mit den Zwillingen schwanger war, gesagt, dass sie ‚die Bälger nicht anfassen‘ würde", schildert die 66-Jährige das schwierige Verhältnis. Einer ihrer Brüder habe in Berlin gelebt, dem DDR-Staatsapparat sehr nahe gestanden und soll den Rang eines Generalmajors gehabt haben. Auch dessen Ehefrau soll einen höheren Posten bekleidet haben. Ein anderer Bruder war Bürgermeister in Struth-Helmershof. Diese Umstände bestärken Christine Schülke darin, dass es kein Problem für die Familie ihres damaligen Mannes gewesen wäre, ihr Kind mit anderen Dokumenten auszustatten bzw. welche zu fälschen, etwa Totenschein, Sektionskarte, Säuglingssterbefallzählkarte (ausgestellt am Sterbetag mit Todesursache Herzstillstand), Anzeige über den Tod eines Säuglings sowie Sterbeurkunde. Einige dieser Dokumente hat sie sich ab 2018 über einen Anwalt besorgt. Darin steht, dass Grit am 25. Juni 1974 um 8 Uhr in der Kinderklinik Suhl gestorben sei. Die Sektionskarte ist auf den 16. Juli 1974 datiert. Danach ist Grit am 27. Juni in Erfurt obduziert worden und an einem Lungenriss gestorben.

Einträge passen nicht

Laut Schmalkalder Geburtsbuch war aber nur ein Säugling am 19. Juni nach Suhl verlegt worden, was ihr das Elisabeth Klinikum im November 2018 bestätigte. Patientenakten gibt es nicht mehr, sie werden nach 30 Jahren vernichtet. Aber dieser Eintrag ist es, der Christine Schülke an der Geschichte zweifeln lässt, die man ihr damals erzählte: "Wenn nur ein Kind verlegt wurde, was ist dann mit dem anderen?" Im Geburtsbuch steht bei Kind I, es sei vom 19.6. bis 22. 7. in der Kinderklinik Suhl gewesen. Kind II wurde demnach "gesund entlassen". Es gibt keinen Nachtrag über ein verstorbenes Kind.

Christine Schülke wacht mitten in der Nacht auf und grübelt, was damals wirklich passiert ist. Sie schaut jeder Frau in Grits Alter genau ins Gesicht, wenn sie über den Altmarkt in Schmalkalden läuft.

Sie will Gewissheit. Und bittet deshalb jeden, der einen Hinweis geben kann, was mit ihrer Tochter Grit geschehen ist, sich bei ihr zu melden. Helfen könnten ehemalige Krankenschwestern, Ärzte, Krankenwagenfahrer, Mitarbeiter der Ämter und Behörden sowie des Friedhofs in Zella-Mehlis. "Wer sich an meinen Fall erinnert und etwas weiß, kann eine Mail an mich schreiben, auch anonym. Ich möchte niemanden für irgendetwas beschuldigen, sondern nur wissen, ob ich weiter nach meinem Kind suchen sollte oder ob und wo ich um Grit trauern kann."

Andreas Laake, Vorsitzender des Vereins "Interessengemeinschaft gestohlene Kinder der DDR", kennt solche Hilferufe: "Für viele unserer Mitglieder ist es der letzte Wunsch im Leben, zu wissen, was mit ihren Kindern geschehen ist. Manche nehmen nicht mehr am normalen Leben teil, so leiden sie. Wann und wo soll man trauern, wenn man sein Kind nicht tot gesehen hat und keine Beerdigung stattfand?" Er kennt Christine Schülkes Fall. Dass der Eintrag im Geburtsbuch ein Fehler sein könne, hält Laake für unwahrscheinlich. Zu DDR-Zeiten habe man auf den Geburtsstationen stressfrei arbeiten können und nicht so unter Zeitdruck gestanden wie heute. Besucher kamen nur zwei Mal in der Woche. Fest stehe, es gebe bei Kindestod-Fällen Fragezeichen. Gerade dann, wenn es keine Beerdigung gab. Die hätte stattfinden und das Kind in den Eingangsbüchern der Friedhöfe vermerkt werden müssen. Der Ablauf bei den ungeklärten Fällen ähnelt sich, weise zeitliche Unklarheiten auf. Und es seien oft junge Mütter sowie Zwillingsgeburten betroffen gewesen.

Christine Schülke ist per E-Mail unter

christineschuelke@gmx.net erreichbar. Hinweise an die Redaktion: (0 36 83) 6 97 60 oder per Mail silke.wolf@insuedthueringen.de

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