Backhausfest Der Duft von frischem Zwiebelkuchen

Wolfgang Swietek
Stolz präsentieren Corinna Stellmacher, André Stellmacher, Volkmar Müller, Jens Bretschke und Kristin Stellmacher (von links) einen großen Zwiebelkuchen. Doch zur der fleißigen Crew vom Backhausteam von Eichenberg gehören noch weit mehr Helfer. Foto: Wolfgang Swietek

Das ganze Dorf war auf den Beinen, und viele Gäste aus der Region dazu – nach zwei Jahren Pause gab es in Eichenberg endlich wieder ein Backhausfest.

Als es am Samstagabend ans große Aufräumen ging, gab es eigentlich nur zufriedene Gesichter. Hatte der Freitagabend mit Blitz und Donner und kurzen Regenschauern noch Schlimmes befürchten lassen, so strahlte am Samstag von früh bis spät abends die Sonne vom blauen Himmel über Eichenberg. Zudem lagen die Temperaturen etwas niedriger als viele Tage zuvor, die Gluthitze war vorbei. Beste Bedingungen also, um im Freien zu feiern.

Doch es sei nicht so einfach, nach einer zweijährigen Pause die vielen Helfer, die ein solches Backhausfest braucht, wieder zu motivieren, sagt der Bürgermeister der 164-Seelen-Gemeinde Lutz Röhrig. „Viele haben sich inzwischen anders orientiert, oder sie wollen sich aus Altersgründen all den Stress nicht mehr antun. Denn jünger ist von uns niemand geworden. Und es bedarf schon einer enormen Anstrengung, ein solches Fest durchzuführen. Nicht nur bei den Stunden, die wir gemeinsam beisammen sind, sondern bereits bei den umfangreichen Vorbereitungen, die schon Tage zuvor beginnen“, so der Bürgermeister.

Mario Stellmacher, der Vorsitzende des Feuerwehrvereins Eichenberg, stimmt dem ohne Umschweife zu. Auch er ist glücklich, dass die 32 Mitglieder seines Vereins wieder voll mitgezogen haben. Und so die Voraussetzungen zum Gelingen des Festes schufen. Dank gelte vor allem den Frauen, wurde mehrfach betont, ohne deren Hilfe sich kein Rad drehen würde. Alles in allem gebe es im Ort eine gute Zusammenarbeit zwischen der Gemeinde, die Veranstalter des Backhausfestes ist, und dem Feuerwehrverein und weiteren Helfern.

Kaum ein Stück der vierzehn großen süßen Kuchen und elf Zwiebelkuchen ist übrig geblieben. Mehr als einhundert Brote haben die fleißigen Helfer noch gebacken. Doch weil Brot allein nicht schmeckt – so lecker ein richtiges Steinofenbrot auch ist – gab es dazu nach Wahl noch Erbsen- oder Gulaschsuppe. Zweimal mussten sie zwischendurch noch einmal nach Jüchsen fahren und Brotteig holen, um alle hungrigen Mäuler stopfen zu können. Was sie gern gemacht haben, denn: weil sie keinen Eintritt für ihr Fest verlangen wollten – alle Unkosten mussten durch den Verkauf ihrer angebotenen Leckereien gedeckt werden.

Also insgesamt nur zufriedene Gesichter? Die Rechnung voll aufgegangen? Das wollte Freies Wort von den Organisatoren wissen. Doch ein paar Sorgenfalten gab es bei Bürgermeister Lutz Röhrig doch. Denn eine Wiederholung eines so gelungenen Festes hängt wohl davon ab, wie lange der Backofen noch „mitspielt“. Auch er ist in die Jahre gekommen, ist weit älter als einige der nicht mehr ganz so jungen Helfer. Weit über einhundert Jahre dürfte er alt sein, vermutet der Bürgermeister.

In den 1960er oder 70er Jahren sei noch einmal etwas daran gemacht worden, weiß er zu erzählen. Damals hatte das einen aus heutiger Sicht kurios wirkenden Grund. „Die politische Lage war ziemlich ernst. Die Dörfer waren angehalten, sich für ‚den Notfall’ vorzubereiten, sich auf eine möglicherweise notwendige Eigenversorgung einzustellen. Deshalb sollten die Frauen wieder lernen, in einem Dorfbackhaus Brot zu backen. In den 50er Jahren gehörte das Betreiben des Backhauses ja noch zum ganz normalen Dorfalltag. Da wurde nicht nur bei einem Backhausfest der Ofen in Betrieb genommen. Bei jeder größeren Familienfeier wurde der Bedarf an Kuchen nicht vom Bäcker geholt, sondern im eigenen Dorfbackhaus gebacken. Auch die Stollen zur Weihnachtszeit hat jeder selbst im Dorfbackhaus zubereitet.“

Dass ein solcher Notfall wieder eintreten werde – etwa durch den Krieg in der Ukraine und das Backhaus wieder für die eigene Versorgung dringend gebraucht werde – das wünscht sich derzeit niemand, auch in Eichenberg nicht. Doch erhalten wollen sie ihr Backhaus auf jeden Fall, und dazu ist inzwischen weit mehr nötig als eine Schönheitskur. „Der Ofen muss von Grund auf neu gemauert werden“, sagt Bürgermeister Lutz Röhrig. „Doch das ist mit Kosten von rund 50 000 oder 60 000 Euro verbunden. Eine solche Summe ist von einer Gemeinde mit 164 Einwohnern aus eigener Kraft nicht aufzubringen. Deshalb hoffen wir auf die Bereitstellung von Fördermitteln.“ Das Backhaus zu erhalten, sei die Grundvoraussetzung zu solchen gemeinsamen Festen, wie es am Samstag gefeiert werden konnte.

 

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