Nicht von ungefähr schickte sich Thüringen an, mit der Gesamtheit seiner Residenzkultur Weltkulturerbe zu werden. Das war, natürlich, ein verwegenes Unterfangen – längst liegen die Hürden hoch in den Gremien der Unesco. Aber, es gibt da eben doch eine Einzigartigkeit, ein Alleinstellungsmerkmal: Einen unglaublich verdichteten Herrschafts-, Repräsentations- und Kulturraum, der sich in den Kleinstaaten und Territorien auch in Konkurrenz untereinander und im Wettbewerb miteinander herausbildete – und von dem Thüringen heute noch immer zehrt: Kaum ein Orchester, kaum ein Theater, kaum eine Universität, kaum ein Park, kaum ein geistiges Zentrum, das nicht fürstlichen Ursprungs ist. Diese Kultur- und Geistesgeschichte ist eingeschrieben in die Thüringer DNA – ein Tor, der glaubt, dies würde sich als bildungsbürgerliches Minderheitenprogramm überleben. Selbst das Bauhaus wäre wohl nie nach Weimar gekommen, hätte es dort zuvor nicht auch eine fürstliche Kunstschule gegeben.
Man muss – und das ist ja das Verrückte – oft gar nicht in Museen gehen, um die Aura all der Schlösser und Residenzen zu spüren. Es reicht, sie sehen zu können, um sie zu streifen, die Parks zu durchlaufen. Es ist das Gefühl: Hier ist etwas am rechten Platz, hier gehört es hin, hier kann ein jeder auch Identität festmachen. Schlösser sind behauptete Herkunft, sie sind sichtbare Zeichen der Geschichte, Zeugnisse des Vergangenen – und damit wichtig für die Zukunft. Wer nicht in den Rückspiegel schaut, dem fehlt das Koordinatensystem gerade in unserer schnelllebigen Zeit. Und was wären Städte wie Meiningen oder Schmalkalden ohne ihr Schloss? Nichts anderes als Orte, die ihrer Identität beraubt wären.
Man kann das sehen – noch heute. Überall dort, wo Schlösser im Krieg zerstört, in der DDR abgerissen oder durch ein Brandunglück beschädigt worden sind: In Hildburghausen zum Beispiel, auf der Veste Heldburg, bei Schloss Altenstein. In Hildburghausen war das im Krieg zerstörte Schlossareal lange Zeit ein nüchterner Parkplatz, heute steht dort ein Einkaufscenter – aber es ist ein Ort, auf dem kein Segen liegt. Der durch Brand zerstörte Französische Bau der Veste Heldburg wurde wiederaufgebaut, auch der durch Brand zerstörte Altenstein. Die ausgebrannten Hüllen ließen den Menschen einfach keine Ruhe. Da drängte in ihnen etwas nach Befriedung, nach Wiedergutmachung. Sie ertrugen solche Ruinen nicht. Und noch weniger, hätte man sie dem Erdboden gleichgemacht.
So gibt es vielleicht eine ganz besondere Beziehung der Thüringer zu ihren Schlössern. Nicht zuletzt, weil sie Orte des Schönen sind in der Architektur, in der Bau-Kunst. Sehnsuchtsorte voller Harmonie und Romantik. So schön, dass man sich fragt, warum heute eigentlich keine Schlösser mehr gebaut werden. Freilich, wir können sie uns wohl nicht leisten. Deshalb: Schauen wir sie uns doch einfach an, seien wir stolz auf sie – übrigens auch auf die kleinen, privaten, die so wunderbar restauriert worden sind.
Aber Achtung: Vor einem Versuch die Öffnungszeiten prüfen. Viele Museeen sind montags geschlossen, manche aber auch geöffnet.