Ausflugstipps Thüringen – Land der Residenzen

Sich ein Schloss bauen – diesen Traum kann sich heute kaum jemand erfüllen. Und doch ist Thüringen voller Jagd-, Lust- und Residenzschlösser. Ein selbstverständliches Kulturerbe in den Augen der Einheimischen. Na klar sind sie neidisch, aber stolz sind sie auch.

Das Schloss – ein Sehnsuchtsort der Deutschen? Es muss wohl so sein: Kein anderer Ort im Land ist gelegentlich eines illustren und vergnüglichen Freizeit-Ausflugs am Wochenende so oft und so gerne besucht wie das Schloss – das bauliche Manifest verblichener Herrschaft. Nicht einmal das Innenleben mit möglicherweise entzückend zur Schau gestelltem Prunk oder informativer Ausstellung über dieses und jenes ist dabei das Ziel. Nein, es ist die bauliche Hülle in ihrer Pracht, ist der Park oder Garten, ist das Gefühl erhabener Schönheit, Glanz, Monumentalität – und nicht zuletzt die kleine Spur der Ewigkeit, die von solchen Orten immer ausgeht. Weil ihr Anfang so weit entfernt liegt in den Jahrhunderten und weil das die Zeiten überdauernde Mauerwerk samt seiner Aura irgendwie auch guttut in Zeiten des immer schneller werdenden Wandels.

Weit über 100 Schlösser gibt es in Thüringen: Große Kästen wie den Friedenstein in Gotha oder die Elisabethenburg in Meiningen. Kleine Refugien wie die Fasanerie in Hermannsfeld, noch halb kaputte Häuser wie Schloss Schwarzburg im Schwarzatal oder Reinhardsbrunn bei Gotha, und auch bald wieder in neuem Glanz erstrahlende wie der Altenstein in Bad Liebenstein. Eine kleine Auswahl dieser beeindruckenden Vielfalt ist auf dieser Doppelseite getroffen – vielleicht als Anregung für eine Visite alsbald, wenn es wieder möglich ist in Zeiten wie diesen.

Und natürlich ist da die Frage, warum gerade Thüringen ein derart reiches Land der Schlösser wurde – obwohl wir es hinsichtlich Größe und Glanz dann doch nicht aufnehmen können mit Fridericus dem Großen in Potsdam oder Augustus dem Starken in Dresden. Nein, es ist nicht die Größe, die diese Thüringer Schlösserlandschaft so einzigartig macht, es ist deren Potenz, deren Vielfalt. Denn all diese Residenzen – die vornehmsten darunter freilich errichtet und ausgebaut von den Ernestinischen Fürstenfamilien, den Schwarzburgern, Hessen und Hennebergern – sind in Stein gemauertes Selbstbewusstsein, sind Orte der Aufklärung, der Kunst, und eines modernen Staatswesens. Hier kulminierte fürstliche Macht, fürstlicher Gestaltungswille und fürstliches Repräsentationsbedürfnis mit der Einsicht in die bescheidenen Möglichkeiten der kleinen Fürstentümer, die eben kein anderes lohnendes Betätigungsfeld fanden als das Schöne, als die Kultur in all ihren wunderbaren Facetten.

Nicht von ungefähr schickt sich Thüringen nun an, mit der Gesamtheit seiner Residenzkultur Weltkulturerbe zu werden. Das ist, natürlich, ein verwegenes Unterfangen – längst liegen die Hürden hoch in den Gremien der Unesco. Aber, es gibt da eben doch eine Einzigartigkeit, ein Alleinstellungsmerkmal: Einen unglaublich verdichteten Herrschafts-, Repräsentations- und Kulturraum, der sich in den Kleinstaaten und Territorien auch in Konkurrenz untereinander und im Wettbewerb miteinander herausbildete – und von dem Thüringen heute noch immer zehrt: Kaum ein Orchester, kaum ein Theater, kaum eine Universität, kaum ein Park, kaum ein geistiges Zentrum, das nicht fürstlichen Ursprungs ist. Diese Kultur- und Geistesgeschichte ist eingeschrieben in die Thüringer DNA – ein Tor, der glaubt, dies würde sich als bildungsbürgerliches Minderheitenprogramm überleben. Selbst das Bauhaus wäre wohl nie nach Weimar gekommen, hätte es dort zuvor nicht auch eine fürstliche Kunstschule gegeben.

Man muss – und das ist ja das Verrückte – oft gar nicht in Museen gehen, um die Aura all der Schlösser und Residenzen zu spüren. Es reicht, sie sehen zu können, um sie zu streifen, die Parks zu durchlaufen. Es ist das Gefühl: Hier ist etwas am rechten Platz, hier gehört es hin, hier kann ein jeder auch Identität festmachen. Schlösser sind behauptete Herkunft, sie sind sichtbare Zeichen der Geschichte, Zeugnisse des Vergangenen – und damit wichtig für die Zukunft. Wer nicht in den Rückspiegel schaut, dem fehlt das Koordinatensystem gerade in unserer schnelllebigen Zeit. Und was wären Städte wie Meiningen oder Schmalkalden ohne ihr Schloss? Nichts anderes als Orte, die ihrer Identität beraubt wären.

Man kann das sehen – noch heute. Überall dort, wo Schlösser im Krieg zerstört, in der DDR abgerissen oder durch ein Brandunglück beschädigt worden sind: In Hildburghausen zum Beispiel, auf der Veste Heldburg, bei Schloss Altenstein. In Hildburghausen war das im Krieg zerstörte Schlossareal lange Zeit ein nüchterner Parkplatz, heute steht dort ein Einkaufscenter – aber es ist ein Ort, auf dem kein Segen liegt. Der durch Brand zerstörte Französische Bau der Veste Heldburg wurde wiederaufgebaut, auch der durch Brand zerstörte Altenstein. Die ausgebrannten Hüllen ließen den Menschen einfach keine Ruhe. Da drängte in ihnen etwas nach Befriedung, nach Wiedergutmachung. Sie ertrugen solche Ruinen nicht. Und noch weniger, hätte man sie dem Erdboden gleichgemacht.

So gibt es vielleicht eine ganz besondere Beziehung der Thüringer zu ihren Schlössern. Nicht zuletzt, weil sie Orte des Schönen sind in der Architektur, in der Bau-Kunst. Sehnsuchtsorte voller Harmonie und Romantik. So schön, dass man sich fragt, warum heute eigentlich keine Schlösser mehr gebaut werden. Freilich, wir können sie uns wohl nicht leisten. Deshalb: Schauen wir sie uns doch einfach an, seien wir stolz auf sie – übrigens auch auf die kleinen, privaten, die so wunderbar restauriert worden sind.

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