Auch in Thüringen Alte Obstsorten immer seltener

"Geflammter Kardinal", eine sehr alte Apfelsorte, steht auf einem Schild am Baum im Obstpark Gierstädt. Hier gibt es eine Streuobstwiese mit 20 alten Apfelsorten und regionalen Sorten anderer Obstarten. Allein beim Apfel gibt es rund 2000 verschiedene Sorten in Deutschland. Darunter sind auch sehr alte, die in Thüringen vor allem in Kleingärten und auf Streuobststwiesen wachsen. Foto: Martin Schutt/dpa-Zentralbild/dpa

Allein beim Apfel gibt es rund 2000 verschiedene Sorten in Deutschland. Darunter sind auch sehr alte, die in Thüringen vor allem in Kleingärten und auf Streuobststwiesen wachsen.

Jena/Gierstädt/Erfurt - Während jedes Jahr neue Züchtungen auf den Markt kommen, werden alte Obstsorten auch in Thüringen immer seltener. Angebaut würden seltene oder alte Sorten allenfalls von Biogärtnereien, Vereinen, Direktvermarktern oder in Kleingärten, sagte der Obstbau-Forscher Werner Schuricht aus Jena. Klimawandel, Verbraucherwünsche und ökonomische Anforderungen ließen immer weniger Platz für eine große Sortenvielfalt. «Beim Apfel gibt es in Deutschland schätzungsweise 2000 Sorten», sagte Schuricht, der Fachbücher zum Obstbau veröffentlicht hat und Experte für das Deutsche Gartenbaumuseum in Erfurt ist.

Im Einzelhandel sei das Angebot in der Regel auf etwa ein Dutzend Sorten beschränkt, weiß Hendrik Kraft, Geschäftsführer der Fahner Obstbau eG. Der Anbau seltenerer Exemplare lohnten sich bei Fahner mit 1,5 Millionen Bäumen auf einer Fläche von 500 Hektar nur noch für die Direktvermarktung und zum Selbstpflücken. Dieses Standbein will das Unternehmen in den kommenden Jahren beibehalten und stärken.

Dem Landwirtschaftsministerium zufolge macht der Apfel in Thüringen über die Hälfte der alljährlichen kommerziellen Obsternte aus. Vom Rückgang der Vielfalt seien grundsätzlich auch andere Obstsorten wie Kirschen oder Pflaumen betroffen, erklärt Schuricht. Diese Entwicklung sei nichts Neues: Im kommerziellen Anbau hätten zunächst die großen Obstplantagen in den Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG) der DDR für eine Sorten-Reduzierung gesorgt, weil Flächen zusammengefasst und die Produktion vereinheitlicht wurde. «Die Kleingärten waren in dieser Zeit der Ort, wo sich viele unterschiedliche Sorten erhalten haben», sagt Werner Schuricht.

Nach der Wiedervereinigung habe sich im Erwerbsanbau der Trend zu Niederstamm-Sorten mit leicht erreichbaren Ästen weiter verstärkt. Seit Jahren steige zudem die Nachfrage nach immer größeren und immer farbintensiveren Äpfeln, bestätigt Kraft. Aktuell gehe der Trend zu sehr knackigen, säuerlich-saftigen Äpfeln. Eigenschaften, die von traditionellen Äpfeln eher nicht erfüllt würden. «Früher zählten in erster Linie Faktoren wie gute Lagerfähigkeit», so Scheuricht.

Doch auch der Kampf gegen Schädlinge verändert den Obstanbau. So spiele - unter anderem wegen der Kirschfruchtfliege - der Sauerkirschenanbau auf den Fahner Höhen eine immer geringere Rolle. Eine besonders hartnäckige Fruchtfliegenart mache auch den Holunderanbau zunehmend unrentabel, zumal die Nachfrage nach den vor allem als Farbstoff genutzten Beeren ebenfalls rückläufig sei, so Kraft. In den vergangenen heißen Sommern sorgte dem Ministerium zufolge Sonnenbrand besonders bei Äpfeln für Probleme.

Die Bastionen der selten gewordenen traditionellen Sorten sind nach Einschätzung des Ministeriums und des Apfelexperten weiterhin die Klein- und Hausgärten sowie Streuobstwiesen. 19 Thüringer Baumschulen führen laut Ministerium ein Sortiment traditioneller Obstsorten, Streuobstwiesen würden staatlich gefördert. An einigen Orten im Freistaat werden von Vereinen gezielt alte Sorten angebaut und alte Sorten in einer «Gendatenbank Obst» gesammelt, so Scheuricht.

Langfristig ist dem Ministerium zufolge der verstärkte Anbau von Obstsorten denkbar, das mit veränderten klimatischen Voraussetzungen besser zurecht kommt. Denn deutlich klimaresistenter als die Neuzüchtungen seien traditionelle Sorten in der Regel nicht, hieß es.

Nach den aktuell verfügbaren Zahlen des Agrarministeriums wurde in Thüringen 2019 auf über 2000 Hektar Fläche erwerbsmäßig Obst angebaut. Die bedeutendsten Anbaugebiete sind die Fahner Höhen, Kindelbrück, Lumpzig und Schöngleina in Ostthüringen, Mühlhausen und Mönchpfiffel. Neben Äpfeln werden kommerziell vor allem Süßkirschen, Erdbeeren, Pflaumen und Sauerkirschen angebaut. 2019 waren in Thüringen 10 000 Hektar Streuobstwiesen erfasst.

Für Probleme in vielen Unternehmen habe der Spätfrost Anfang 2020 gesorgt. Die Ertragseinbußen lagen demnach bei bis zu 51 Prozent im Obstbau und bis zu 42 Prozent im Weinbau. Betroffene Obst- und Weinbaubetriebe können seit 31. März 2021 Anträge auf finanzielle Hilfen stellen.

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