Arnstadt "Für die Kultur ist es Fünf nach Zwölf"

Das Landratsamt solidarisiert sich mit der notleidenden Veranstaltungsbranche und lässt sein Gebäude in Rot erstrahlen. Künstler fordern derweil bessere Hilfen.

Arnstadt - "Ich arbeite mit Feuer", erzählt Anja Jahnel von der Initiative "AlarmstufeRot". "Aber eigentlich kann ich seit März nicht mehr arbeiten." So wie der Ilmenauerin geht es vielen Kunst- und Kulturschaffenden in Deutschland. Die Aufträge sind weggebrochen, die Ausgaben laufen weiter, die staatlichen Hilfen nützen nichts ... "Die erstatten mir ja nur Betriebskosten", erklärt Jahnel. "Aber wenn ich keine Auftritte habe, habe ich auch keine Betriebskosten." Doch wovon leben, wovon Krankenversicherung und Altersvorsorge bezahlen?

"Vielen bleibt nur Hartz IV und erst einmal das Aufbrauchen der Rücklagen", weiß Enrico Röthling von der Initiative "AlarmstufeRot". Er selbst vermietet Technik für Veranstaltungen, "also praktisch seit März nichts mehr. Meien Mitarbeiter sind alle in Kurzarbeit." Dass Landrätin Petra Enders am Samstagabend den Tag der Deutschen Einheit nutzt, um auf die Sorgen der Veranstatungsbranche aufmerksam zu machen, finden beide gut. "Unseres Wissens nach ist das die erste Landrätin, die uns unterstützt", sagt Enrico Röthling und übergibt einen Forderungskatalog.

Überbrückungshilfen, die für den eigenen Lebensunterhalt verwendet werden können, stehen da zum Beispiel drin, die Forderung nach Übernahme der Kranken- und Rentenversicherung ebenso. Aber auch konkrete Anschubfinanzierungen, um überhaupt erstmal wieder loslegen zu können, werden gefordert. Anja Jahnel zum Beispiel leitet die Arbeitsgruppe "Lichtscheu" beim Verein für kulturelle Koordinierung (KuKo) in Ilmenau. "Wir machen Jonglage und Artistik, treten mit Schwarzlicht und LED auf", erzählt sie. Die Corona-Auflagen fordern nun, dass jedes der zwölf Mitglieder seine eigenen Gerätschaften mitbringt. Das kostet viel Geld. "Und wenn wir bei unserer Feuershow etwas weitergeben, müssen wir es vorher desinfizieren. Normale Desinfektionsmittel brennen aber, also brauche ich spezielle, die natürlich teurer sind", macht sie auf ein weitere Problem bei ihrer Arbeit aufmerksam. Wünschen würde sich die junge Frau auch eine leichtere Zusammenarbeit mit den Ämtern. "Ich habe mittlerweile neun Hygienekonzepte erarbeitet. Zwei sind genehmigt worden, aber eines davon musste ich auch schon wieder umschreiben."

"Es ist schon längst Fünf nach Zwölf", fürchtet Enrico Röthling. Eine ganze Branche gehe aktuell unter und mit ihr und ihrem Umfeld, wie der Hotellerie, deutschlandweit bis zu 3,5 Millionen Arbeitsplätze. "Mit Aktionen wie heute können wir dafür sensibilisieren", hofft Röthling. In Thüringen haben die "AlarmstufeRot"-Initiatoren mittlerweile den Verein "Aktiv für die Thüringer Veranstaltungsbranche" gegründet, um sich noch besser zu vernetzen und hoffentlich mehr Gehör zu verschaffen.

"Kunst und Kultur sind für uns so wichtig wie die Luft zum Atmen. Die Veranstaltungswirtschaft macht sie für uns sichtbar. Doch in der Pandemie ist ihr Geschäft und damit die Kultur und Kunst so gut wie weggebrochen", sagt Petra Enders. Der Kreis helfe, wo er könne. So habe man die Kulturförderung an jene Vereine, die sie beantragten ausgereicht, könne auch konkrete Projekte wie im Theater unterstützen.

Wie Kultur wieder machbar ist, hat die IG Jazz Arnstadt mit ihrem Kultursommer gezeigt. Dieser habe sehr gut funktioniert, sagt Vorsitzender Jörg Baumann, auch weil Sponsoren nicht absprangen, die Stadt bereist für das ausgefallene Jazzweekend getätigte Ausgaben ersetzte. Aber Kultur gehe kaum ohne Zuschüsse, so Baumann. "Und wenn wir jetzt wieder in den Prinzenhofkeller gehen, dort statt 120 aber nur noch 40 Zuschauer haben dürfen, weiß ich auch nicht, wie das gehen soll. Wir können und werden den Eintrittspreis nicht verdreifachen."

 
 

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