Arbeitsmarkt-Prognose Zahl der neuen Jobs in Thüringen wird langsamer wachsen

Jolf Schneider

Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung kommt in einer Prognose für Thüringen zu dem Ergebnis, dass die Arbeitslosigkeit im Freistaat im kommenden Jahr deutlich abnehmen wird. Allerdings werde es immer schwerer, freie Stellen oder neue Arbeitsplätze zu besetzen.

Wird es künftig noch genug Menschen geben, die Brötchen backen? Die Regionaldirektion für Arbeit warnt, dass sich der Fachkräftemangel im kommenden Jahr weiter verschärfen wird. Foto: Klaus-Dietmar Gabbert/dpa

Halle/Suhl - Die Zahl der Arbeitslosen könnte in Thüringen im kommenden Jahr nach dem Corona-Anstieg wieder deutlich sinken. Allerdings wird sich das Fachkräfteproblem im Freistaat weiter verschärfen, warnen Arbeitsmarktexperten. Es gehen schlicht mehr Menschen in Rente als die Schule verlassen. Der Chef der Regionaldirektion für Arbeit, Markus Behrens, forderte daher am Mittwoch noch stärkere Bemühungen bei der Zuwanderung von Fachkräften.

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Wissenschaftler des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) haben am Mittwoch ihre regionalen Arbeitsmarktprognosen für das Jahr 2022 mit verschiedenen Rechenmodellen vorgelegt. In ihrem Mittelwertszenario gehen die Arbeitsmarktexperten davon aus, dass die Arbeitslosigkeit in Thüringen im Jahresschnitt 2022 sinkt und gleichzeitig neue Jobs entstehen. Allerdings wird die Zahl der neuen Arbeitsplätze deutlich langsamer steigen als im Bundesdurchschnitt, warnen sie in ihrer Untersuchung.

„Wie alle ostdeutschen Flächenländer ist auch Thüringen besonders stark von der Alterung der Bevölkerung betroffen. Die Zahl der jährlichen Renteneintritte ist deutlich größer als die Zahl der Schulabsolventen. Perspektivisch wird es daher zu einem Rückgang der Beschäftigtenzahlen kommen. Gleichzeitig führt die demografische Entwicklung zu einem deutlich stärkeren Rückgang der Arbeitslosigkeit als etwa in westdeutschen Ländern“, erklärte IAB-Wissenschaftler Per Kropp.

Im Jahr 2022 rechnen die Forscher des IAB in ihrem Mittelwertszenario mit durchschnittlich 800 700 sozialversicherungspflichtigen Jobs in Thüringen. Das wären 3100 Beschäftigte mehr als im hochgerechneten Jahresdurchschnitt 2021 von 797 600 Beschäftigten und entspräche einem Job-Wachstum von 0,4 Prozent. Thüringen hätte damit das geringste prognostizierte Beschäftigungswachstum aller Bundesländer.

Für den Bundesschnitt prognostizieren die Wissenschaftler ein Wachstum von 1,6 Prozent und für Ostdeutschland ein Job-Plus von 1,2 Prozent. Das schlechteste Szenario der Wissenschaftler geht in Thüringen sogar von einem Rückgang der Beschäftigung in Höhe von minus 1,2 Prozent aus. Konkret würde das für das kommende Jahr 9200 Jobs weniger als 2021 bedeuten. Im besten Fall rechnen die Arbeitsmarktexperten mit einem Jobwachstum von 1,9 Prozent. Das wären 15 400 neue Jobs mehr im Jahr 2022 als 2021.

Wie beim Thema „Beschäftigung“ zeigen die Rechenmodelle des IAB auch beim Thema „Arbeitslosigkeit“ eine sehr weite Bandbreite: In ihrem Mittelwertszenario rechnen die Forscher für das Jahr 2022 mit durchschnittlich 54 100 Arbeitslosen. Das entspräche einem Rückgang der Arbeitslosigkeit um 12,9 Prozent im Vergleich zum Jahresdurchschnitt 2021 mit 62 100 Arbeitslosen. Deutschlandweit prognostizieren die Experten in der Mittelwertprognose einen Rückgang der Arbeitslosigkeit um 11,1 Prozent. Allerdings wird dieser Abbau der Arbeitslosigkeit in Thüringen vor allem durch den Eintritt vieler Arbeitsloser in die Rente getrieben.

„Der Arbeitsmarkt in Thüringen erholt sich von der Krise. Die demografische Entwicklung, die Digitalisierung und der Strukturwandel bleiben die größten Herausforderungen. Gerade die Demografie erweist sie sich immer mehr als bremsender Faktor für die Wirtschaft, weil es immer schwieriger wird Ersatz für Rentenabgänge zu finden Vom Arzt über die Pflegekraft bis hin zum Bus- oder Lkw-Fahrer, es wird in vielen Branchen an Fachkräfte fehlen“, warnte Markus Behrens, Geschäftsführer der Regionaldirektion für Arbeit Sachsen-Anhalt-Thüringen in Halle. Diese Herausforderungen ließen sich nur lösen, wenn die Zuwanderung von Fachkräften forciert werde und auch Menschen mit unfreiwilliger Teilzeit länger arbeiten könnten. Weil auch das Potenzial der Arbeitslosen immer weiter zurückgehe, werde das Thema Weiterbildung und Qualifizierung von Ungelernten oder Geringqualifizierten in Unternehmen in dem Zusammenhang immer wichtiger, so Behrens. Denn durch die Digitalisierung könnten viele Tätigkeiten durch technische Prozesse ersetzt werden. Gleichzeitig entstünden in den Unternehmen aber neue Tätigkeiten mit höheren Anforderungsniveaus. „Dafür fehlt es aber wiederum an Personal“, sagte der Geschäftsführer.