Arbeitsmarkt Notsignale aus dem Gastgewerbe

Gastgewerbe ist nach Corona-Ausfällen in Not. Vor allem fehlt es an Personal. Foto: Tobias Hase

Die Zahl der Arbeitslosen ist im Juli in Südthüringen überraschend gesunken und hat schon fast wieder das Vor-Corona-Niveau erreicht. Trotzdem hinterlässt die Pandemie weiter tiefe Spuren.

Suhl - Die nackten Zahlen erwecken den Eindruck, dass der Südthüringer Arbeitsmarkt die Corona-Pandemie schon hinter sich gelassen hat. Die Zahl der Arbeitslosen sank im Juli auf 10 877. Das waren fast 400 weniger als noch im Juni und fast 2000 weniger als vor einem Jahr, wie Wolfgang Gold, Vorsitzender der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Suhl am Donnerstag berichtet. „Die Auswirkungen der Pandemie werden erst sichtbar, wenn wir zwei Jahre zurückblicken“, so Gold. Im Juli 2019 lag die Zahl der Arbeitslosen in Südthüringen bei rund 9800. Damals waren also gut 1000 Menschen weniger auf Jobsuche als jetzt. Damals lag die Arbeitslosenquote bei 4,1 Prozent, aktuell beträgt sie 4,6 Prozent.

Mit Blick auf die vergangenen Monate nannte Gold die aktuelle Entwicklung dennoch erfreulich. Wenn der Rückgang der Arbeitslosigkeit im Herbst weiter anhalte, dann könne bald das Vor-Krisen-Niveau erreicht werden, so Gold. Noch immer aber stecken viele Arbeitnehmer in Kurzarbeit. Und die vergleichsweise niedrige Arbeitslosenzahl geht zu einem guten Teil aufs Konto des Alters: Viele Arbeitnehmer und auch Arbeitslose verabschieden sich in die Rente, fallen dadurch aus der Statistik.

Spürbar wird die Pandemie aktuell vor allem noch in einzelnen Branchen. „Aus dem Gastgewerbe erhalten wir viele Hilferufe. Die Unternehmen könnten jetzt, wo sie wieder öffnen dürfen, eigentlich viel mehr machen, doch viele können nicht, weil ihnen das Personal fehlt“, berichtet Gold.

In den Monaten der Lockdowns und der Kurzarbeit haben sich viele Beschäftigte des Gastgewerbes umorientiert. Arbeiten jetzt in den Küchen von Pflegeeinrichtungen, an Supermarktkassen oder in ganz anderen Branchen, die aktuell krisenfester erscheinen.

Gold sieht dadurch die Gefahr eine Abwärtsspirale durchaus gegeben. Wenn Angebot und Service in der Gastronomie aufgrund der Personalmangels nicht mehr stimmen, könnte sich das negativ auf die Konsumlaune der Verbraucher auswirken. Die Kunden würden also wieder seltener Essen gehen, zum Beispiel.

Durch die wieder sinkende Zahl der Arbeitslosen rückt ein altes Problem wieder in den Mittelpunkt der Arbeit der Arbeitsagentur: Der Fachkräftemangel. Wie schon vor der Pandemie falle es den Unternehmen nun wieder schwer, geeignetes Personal zu finden. Durch Corona war die Mitarbeiter-Suche in vielen Unternehmen durch die Unsicherheiten eingeschlafen. Doch nun gehe es wieder los, berichtet Eckhard Lochner, der zweite Geschäftsführer der Suhler Agentur für Arbeit. In manchen Fällen bremse das fehlende Personal das mögliche Wachstum der Unternehmen.

Ein Problem, dass sich in den kommenden Jahren noch zuspitzen könnte, warnt Lochner. Denn auch auf dem Ausbildungsmarkt wirkt die Pandemie noch nach. Die Zahl der gemeldeten Ausbildungsstellen liege um 2,2 Prozent unter der des Vorjahres. „Viele Unternehmen hatten in den vergangenen Monaten wahrscheinlich andere Sorgen, als sich um die Meldung von Ausbildungsplätzen zu kümmern“, so Lochner. Die kommenden Wochen müssten daher zeigen, wie belastbar die Zahlen seien.

Doch es gibt aktuell nicht nur weniger Ausbildungsstellen, auch die Zahl der Bewerber sank noch einmal. Deutlich. Um 4,7 Prozent. In machen Ausbildungsberufen wie etwa in denen in der Kunststoffverarbeitung kämen gerade einmal sechs Bewerbungen auf 100 freie Stellen, berichtet Lochner.

Als weiteres Problem könnte in diesem Jahr noch die fehlende Berufsberatung hinzukommen. „Wir konnten ja nicht in die Schulen gehen und auch unser Berufsinformationszentrum war geschlossen. Wir können also nicht abschätzen, ob die Jugendlichen mit einem realistischen Bild von ihrem Beruf in die Ausbildung gehen“, sagt Gold. Im schlimmsten Fall sei zu befürchten, dass es in diesem Jahr zu noch mehr vorzeitigen Abbrüchen von Ausbildungen komme als ohnehin schon in regulären Jahren. Ziel bleibe es aber, alle Jugendlichen bis zum Beginn des Ausbildungsjahres mit einem Angebot zu versorgen.

Die sinkende Zahl der Bewerber führt Lochner auf die Unsicherheit der Pandemie zurück. Viele Schulabgänger würden sich aktuell dafür entscheiden, doch noch einen höheren Abschluss zu erwerben. Also nach dem Erwerb des Hauptschulabschlusses doch noch ein Jahr Schule dranzuhängen. Zudem locke die Wirtschaft viele junge Menschen aktuell mit Helfertätigkeiten, die auf den ersten Blick attraktiv bezahlt würden, so Lochner. Hier müsse es das Ziel sein, dieses jungen Menschen in den ersten ein bis drei Jahren doch noch für eine Berufsausbildung zu gewinnen. Denn diese sei langfristig der beste Schutz vor Arbeitslosigkeit.

Das hatten Anfang der Woche auch bereits Zahlen der Regionaldirektion für Arbeit in halle bestätigt. Demnach liegt das mittlere Einkommen von Menschen mit abgeschlossener Berufsausbildung über das gesamte Berufsleben betrachtet über dem Einkommen von Arbeitnehmern ohne Abschluss.

Kunden der Arbeitsagentur müssen sich laut Lochner in den kommenden Wochen auf eine Rückkehr zur Normalität einstellen. Das bedeute, dass die Agentur Kunden auch wieder zu persönlichen Gesprächen einlade. Bisher würden diese Einladungen in vielen Fällen allerdings nicht wahrgenommen.

Ende des Monats läuft zudem eine Sonderregelung aus. In der Pandemie war die Pflicht zum persönlichen Erscheinen für die Arbeitslosmeldung entfallen. Ende August laufe diese Ausnahme aus. Ab 1. September müssten sich Betroffene also wieder persönlich bei der Agentur melden.

Allerdings sei nicht ausgeschlossenen, dass die Ausnahme-Regelung im Herbst wieder aktiviert werde, so Lochner. Wenn die Infektionszahlen wieder steigen sollten. Corona bleibt nach wie vor eine Unsicherheit auf dem Arbeitsmarkt.

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