Anschlag auf dem Acker Die Gefahr lauert im Maisfeld verborgen

So soll die Maisernte eigentlich laufen: Mit ihren runden Schneidwerken trennen die Maishäcksler die langen Pflanzen ab und ziehen sie direkt ins Innere der Maschine. Doch auch in dieser Erntesaison kam es in Südthüringen und Franken zu Anschlägen auf die Maschinen und ihre Fahrer. Foto: picture alliance/dpa/Thomas Warnack

Markus Saam erlebte neulich eine Schrecksekunde in der Fahrerkanzel seines Maishäckslers. Mitten in der Ernte eines Feldes flogen ihm plötzlich Metallteile um die Ohren. Offensichtlich hatte diese zuvor jemand im Feld versteckt. Saam spricht von Lebensgefahr. Und sein Beispiel ist längst kein Einzelfall mehr.

Schmalkalden/Meiningen - Einen solchen Schreck hat Markus Saam in der Fahrerkanzel seines Maishäckslers wohl noch nie bekommen. Ein paar Wochen ist es schon her. Saam, Inhaber eines Agrarservice-Unternehmens in Hofheim in Unterfranken, war mit seiner Maschine gerade auf einem Maisfeld zwischen Hümpfershausen und Rosa im Landkreis Schmalkalden-Meiningen unterwegs, als es plötzlich knallte und krachte. Metallteile flogen durch die Gegend. „Zum Glück war das Fangblech über dem Häckselwerk stabil genug, denn sonst hätten die Metallsplitter auch in meiner Fahrerkabine einschlagen können. Dann wäre es lebensgefährlich geworden“, sagt Saam.

Nachdem er angehalten hatte, ging er auf Spurensuche. Stellte fest, dass das Schneidwerk seines Häckslers völlig zerstört war. Die Ursache: Metallteile, die offenbar im Feld gelegen hatten. Achtlos liegen gelassen? Durch einen Zufall ins Feld gekommen? Eher nicht, sagt Daniel Kiesewetter von der Firma MWS Schneidwerkzeuge in Schmalkalden. Bei ihm ist Saam Kunde. MWS fertigt die Schneidwerkzeuge für Landmaschinen.

Kiesewetter berichtet, dass die Metallteile, die in den Häcksler geraten waren, offensichtlich mit Klebeband umwickelt worden waren. War das ganze also ein Anschlag? Saam geht davon aus. Der Metalldetektor seines Häckslers hatte nicht angeschlagen. Und es ist nicht das erste Mal, dass Saam so etwas erlebt. Vor drei Jahren, auf einem Feld bei Unterkatz, flogen ihm schon einmal Metallteile um die Ohren. „Damals war es aber nicht ganz so schlimm wie in diesem Jahr“, erzählt er.

Und die Anschläge mit Metallteilen sind mittlerweile in ganz Deutschland zu beobachten. Schon im September berichtete diese Zeitung von Fällen in Thüringen und Franken, in denen Erntemaschinen durch Metallteile beschädigt worden waren. Mal hatten die Attentäter Maiskolben mit Nägeln gespickt, mal hatten sie Eisenstangen zwischen den hohen Maisgewächsen versteckt.

Die Polizei Bamberg-Land berichtete im September von einem Fall, in dem Unbekannte eine Metallstange in ein Maisfeld nordöstlich von Burggrub gelegt hatten. Auch in diesem Fall hatte der Metalldetektor sie nicht erkannt. Zum Glück sah der Fahrer der Erntemaschine sie gerade noch rechtzeitig. Sie hätte einen großen Schaden am Häcksler verursachen können. Und auch in den Hassbergen gab es in dieser Erntesaison einen Sabotageakt im Maisfeld.

Eigentlich sind Maishäcksler genau für solche Fälle heutzutage mit Metalldetektoren ausgestattet. Schließlich kosten die Maschinen schnell eine halbe Million Euro. Entdeckt der Detektor Metall im Feld, stoppt er die Erntemaschine. Um das teure Schneidwerk, aber auch Leib und Leben des Fahrers zu schützen. Doch in manchen Fälle schlägt die Technik nicht an. Eine Anfrage beim Polizeipräsidium Unterfranken ergab, dass solche Fälle nicht explizit in der Polizeilichen Kriminalstatistik erfasst werden.

Allerdings teilt die Pressestelle des unterfränkischen Polizeipräsidiums mit, dass 2019 keine Fälle derart verzeichnet wurden. Im Jahr 2020 lagen die Fälle im mittleren einstelligen Bereich. Hier verwies Pressesprecher Michael Zimmer darauf, dass im Jahr 2018 im Bereich der Polizeiinspektion Gerolzhofen mehrere Fälle verzeichnet wurden, wo es zu bedeutenden Schäden an den Erntemaschinen kam. In Mittelfranken gab es 2017 insgesamt 24 Fälle mit einem Gesamtschaden im mittleren fünfstelligen Bereich. Dass es nicht noch zu mehr Schäden kommt, ist dem mittlerweile umsichtigen Verhalten der Landwirte und der Lohnunternehmer zuzuschreiben. In Südthüringen waren im Jahr 2017 Fälle bekannt geworden, in denen Metallteile in Maishäcksler gerieten. Damals hatten sie die Ernte der Agrargenossenschaft Herpf bei Meiningen zwischenzeitlich lahm gelegt.

Vor zwei Jahren gab es in Mittelfranken eine ganze Serie an Sabotageakten, bei denen hoher Sachschaden entstand. Meist waren Nägel oder Metallstangen an den Maispflanzen angebracht. Mit Hilfe von DNA-Spuren konnten schließlich zwei Brüder in Wilhermsdorf (Landkreis Fürth) ermittelt werden, die für einen Teil der Sabotagen verantwortlich sein sollen. Es kam zum Prozess. Doch über die genauen Motive für ihre Taten schwiegen sich die Täter aus.

Auch in Schleswig-Holstein gab es schon ganz ähnliche Fälle. So berichtete der Sender RTL Anfang Oktober, dass es dort während der diesjährigen Maisernte schon einen Verletzten durch im Feld versteckte Metallteile gab. Die im Mais versteckten Metallteile sind alles andere als harmlos: Denn während der Erntezeit sind sie für die Fahrer kaum zu erkennen, können in die riesigen Häcksel-Maschinen geraten und mit Geschwindigkeiten von bis zu 300 Kilometer pro Stunde geradezu herausgeschossen werden. „Diese Dinger, die fliegen dann, ich behaupte mal, bis zu 100 Meter durch die Gegend und das ist natürlich brandgefährlich“, erzählte Hans-Jürgen Kock damals dem Sender. Der Lohnunternehmer ist sehr um die Sicherheit seiner Mitarbeiter besorgt. Gleich zwei Mal innerhalb einer Woche ist einem seiner Fahrer ein Metallteil in den Häcksler geraten.

Auch aus Baden-Württemberg wurden schon Fälle von Angriffen mit Metallteilen auf Erntemaschinen und ihre Fahrer gemeldet. Die Schäden an den Maschinen gehen schnell in die Zehntausende Euro. Im Fall von Markus Saam waren es bei beiden Vorfällen zusammen 140 000 Euro. „Aber der Schaden an der Maschine ist das eine“, sagt Saam. Viel wichtiger sei, das bisher keine Menschen zu Schaden gekommen seien. „Die Maschine lässt sich reparieren, bei einem Menschenleben ist das etwas anderes.“

Der Inhaber des Agrarservice-Unternehmens überlegt nun, ob er dem Beispiel anderer Landwirte und Lohnunternehmer folgen soll: Eine Belohnung auszuloben, um Hinweise zu erhalten, die zur Ergreifung der Täter führen.

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