Ambulanter Hospiz- und Palliativdienst Meiningen Als ob sie eine Freundin getroffen hätte

Sabine Grunwald (l.) und ihre Schwester Andrea mussten an einem Tag den Verlust beider schwerkranker Eltern beklagen. Vor allem der Mutter Regina Hertwig hatte Christine Franz (re.) vom Palliativ- und Hospizdienst des Sozialwerkes Meiningen beigestanden. Heute hält sie zu den Töchtern in der Trauerphase weiter engen Kontakt. Foto: /Erik Hande

Beide Eltern an einem Tag verstorben

Meiningen - Ihre Mutter sei eine Frau gewesen, die immer alles selbst im Griff gehabt hätte, schildert Sabine Grunwald. Doch als sich bei Regina Hertwig neben dem Schwarzen Hautkrebs im Herbst 2019 auch noch ein Hirntumor entwickelt, schwinden ihre Kräfte, berichtet die Tochter. Über eine Bekannte habe die unheilbar kranke Mutter voriges Jahr Kontakt zum Ambulanten Hospiz- und Palliativ-Beratungsdienst gesucht und sich informiert, um den letzten Lebensabschnitt begleitet gehen zu können. Eine von den etwa 100 ehrenamtlichen, ausgebildeten Helfern des ambulanten Dienstes im Sozialwerk Meiningen ist Christine Franz. Sie setzte sich mit Regina Hertwig in Verbindung und verabredete coronabedingt zum ersten Kennenlernen einen Spaziergang.

„Wir versuchen am Anfang immer ein Netzwerk für die Familien zu schaffen“, schildert Koordinatorin Ingeborg Wöhner vom Ambulanten Hospiz- und Beratungsdienst. Von der Pflege der Schwerkranken und Sterbenden bis zur Begleitung und Entlastung der Angehörigen und dem Reden über den Sinn von Leben und Sterben - alle Facetten gehören für die Hospizhelfer dazu. Ihre Hilfe ist freiwillig und kostenlos zugleich. Zu Beginn ihrer Tätigkeit absolvieren sie alle eine Ausbildung: 80 Stunden Theorie und 20 Stunden Praxis rund um das Leben und Sterben, das Festhalten daran und das Loslassen.

„Wir waren uns von Anfang an sympathisch und entdeckten viele gemeinsame Interessen“, erinnert sich Christine Franz an die ersten Begegnungen mit Regina Hertwig. Regelmäßig gab es von da an viele gemeinsame Spaziergänge in der näheren Umgebung und zum Garten des Ehepaares in der Landsberger Straße. Hier lernte Christine Franz auch den Ehemann Roland Hertwig kennen. Der Garten war für ihn und seine Frau viele Jahre Rückzugsort von manchem Alltagstrubel und er wurde von Roland Hertwig liebevoll gepflegt.

Ab dem Spätherbst wurden die Besuche wetterbedingt in die Wohnung der Eheleute verlegt. Bei Kaffee und Kuchen gab es viele wertvolle Gespräche, auch über Tod und Sterben. Genauso kamen Gesellschaftsspiele zur Ablenkung von trüben Gedanken auf den Tisch. Beiseite geschoben wurden diese allerdings nicht.

Ein gemeinsamer Besuch im Hospiz bestärkte Regina Hertwig in ihrer Entscheidung, einmal selbstbestimmt ihren Lebensweg in diesem Haus zu Ende gehen zu wollen. Ein Aufnahmeantrag wurde gestellt.

„Man muss nicht gleich in das Haus einziehen“, erläuterte Koordinatorin Ingeborg Wöhner in dem Gespräch am Montag. Aber es seien dann alle Formalien geklärt, wenn sich jemand dazu kurzfristig entscheiden will, weil eine Krankheit sehr weit fortgeschritten ist.

„Ich hatte immer den Eindruck, als ob Mutti gerade eine Freundin getroffen hätte“, schildert Sabine Grunwald ihren Eindruck. Oft habe sie mit der Mutter nach den Begegnungen der beiden gesprochen und erfahren, dass sie ihr gut getan haben. Vertraut und ohne Vorbehalte seien die beiden miteinander umgegangen. Die Begleitung führte soweit, dass Christine Franz sogar ins Krankenhaus Hildburghausen fuhr, um Regina Hertwig zu besuchen. Unter Einhaltung aller Corona-Vorsichtsmaßnahmen machte sie der Schwerkranken Mut. Für die Töchter und den Ehemann war dies eine Entlastung. Auch Sabine Grunwald und Andrea Herda, die 300 Kilometer von Meiningen entfernt wohnt, konnten in einer schwierigen, intensiv gelebten Zeit selbst einmal Luft holen. Ehemann Roland Hertwig, der sich lange Zeit aufopferungsvoll um seine Frau kümmert, musste im Spätherbst der eigenen Leukämie ebenfalls Tribut zollen und sich einer Behandlung unterziehen.

Es ging auf Weihnachten zu, das Fest der Familie, das sie als solches zusammen begehen wollten. „Es wurden Plätzchen gebacken, mein Vater hatte schon den Weihnachtsbraten gekauft“, erinnerte sich Sabine Grunwald an die Zeit der Vorfreude auf das Fest. Das Leben aber hatte für alle einen anderen Ablauf vorgesehen. Am 15. Dezember wurde Roland Hertwig mit Verdacht auf Corona in das Klinikum eingeliefert. Einen Tag später auch Ehefrau Regina Hertwig, die sich ebenfalls mit Corona angesteckt hatte.

Der Vater kam sofort auf die Intensivstation, die Mutter drei Tage später. „Das war auch für das Klinikpersonal eine besondere Situation“, wusste Sabine Grunwald. Die Töchter sind immer noch sehr berührt, wie viel im Krankenhaus versucht wurde, mittels künstlichem Koma beide Patienten am Leben zu halten. Sabine Grunwald hatte sich selbst mit Corona infiziert, musste sich in Quarantäne begeben und durfte die Eltern erst kurz vor dem Jahreswechsel besuchen. Am 4. Januar starben Regina und Roland Hertwig im Zusammenhang mit Corona.

Die Trauerfeier mit begrenzter Teilnehmerzahl war auch für Christine Franz eine außergewöhnliche Situation. Sie war gebeten worden, ein paar Worte an die Familie und die Trauergäste zu richten. Das ist keineswegs selbstverständlich, denn die Hospizhelfer stehen den Schwerkranken und Sterbenden bei, gehen auf ihre Wünsche und Bedürfnisse ein, aber sie stehen nicht öffentlich im Blickpunkt.

Doch die Hinterbliebenen hatten die ausgebildete Trauerbegleiterin darum gebeten, die Trauerzeit gemeinsam zu bewältigen. So stehen Christine Franz und die beiden Töchter des Ehepaares noch heute in regelmäßigem Kontakt.

„Für mich war und ist das keine Belastung“, sagt Christine Franz über ihr Engagement. Sie habe viele Gespräche führen und helfen können. Mit Sorge schaut sie in der Pandemiezeit auf die Menschen, vor allem die älteren Alleinstehenden, die schwer krank oder in der letzten Lebensphase stehend, niemanden an ihrer Seite haben. Sorge macht sie sich auch über das Unverständnis und die Leichtfertigkeit mancher Mitbürger im Zusammenhang mit den Corona-Schutzmaßnahmen.

Den Eheleuten Hertwig habe man ein Netzwerk an Hilfen, eine Begleitung geben können, die letztlich mit sehr großer Nähe und Vertrautheit half, dem Lebensende entgegen gehen zu können.

Diese Unterstützung kann jeder Betroffene und jede Familie in Anspruch nehmen oder sich dazu kundig machen, erklärt Koordinatorin Ingeborg Wöhner. Das Sozialwerk Meiningen biete mit der spezialisierten ambulanten Palliativversorgung, dem ambulanten Hospiz- und Palliativberatungsdienst und dem stationären Hospiz für jede Phase über eine breite Palette an Hilfsangeboten. Ergänzt wird dieses durch einen ambulanten Kinder- und Jugendhospizdienst.

In Corona-Zeiten hätten viele ältere Menschen wohl Scheu, Dritte in das Haus zu lassen, weil sie Kontakte vermeiden wollen. Bei der Inanspruchnahme der Hilfsangebote müssten sie sich nicht sorgen, betont die Koordinatorin, denn die Hospizhelfer halten sich streng an alle Auflagen. Bei Fragen stehen die Mitarbeiter unter Telefon 0 36 93 - 45 64 69 für Auskünfte bereit.

Wer den Förderkreis Hospizarbeit Meiningen und Umgebung unterstützen möchte, der kann das finanziell mit einer Spende tun. Für den geplanten Wintergarten am Hospiz-Haus werden Gelder benötigt. Das Spendenkonto dafür lautet DE65 8405 0000 1706 1968 45 bei der Rhön-Rennsteig-Sparkasse.

Jene Menschen, die sich zum Helfen und Begleiten angesprochen fühlen, können sich bei Ingeborg Wöhner informieren, wann und wo wieder eine Ausbildung zum Hospizhelfer erfolgt. Denn Fachdienste und Ämter allein können keine individuelle und ganzheitliche Betreuung auf dem letzten Lebensabschnitt geben. Mit liebevoller Zuwendung in vertrauter Umgebung begleiten die ehrenamtlichen Hospizhelfer.

„Es war eine bewusste Entscheidung meiner Mutter“, blickt Sabine Grunwald auf die vergangenen Monate mit der Begleitung durch den Ambulanten Hospiz- und Palliativberatungsdienst Meiningen zurück. Es sei eine Entscheidung gewesen, die ihr im Nachhinein betrachtet ebenfalls geholfen hat, mit einer schwierigen Situation umzugehen, die viel Kraft und Zeit kostet, aber auch viel Miteinander geben kann.

 

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