40 Nationen Klinikum ist ein multikulturelles Haus

40 Flaggen symbolisieren die Vielfalt am Klinikum Bad Salzungen. Foto: Heiko Matz

Mitarbeiter aus 40 Ländern sorgen im Klinikum Bad Salzungen und den angegliederten Unternehmen mit dafür, dass Patienten und Senioren gut versorgt und betreut werden. Ohne sie könnte der Betrieb in dieser Form nicht aufrechterhalten werden.

Als Harald Muhs vor 17 Jahren den Geschäftsführerposten am Klinikum Bad Salzungen übernahm, zählten zur Belegschaft überwiegend deutsche Kollegen. Da galt Dr. Kurt Bauer, damaliger Chefarzt der Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie als Österreicher schon als Ausländer. Ärzte und Pfleger anderer Nationalitäten waren eher die Ausnahme. „Wir hatten noch keinen Fachkräftemangel“, erinnert sich Harald Muhs. Da gab es noch genügend Ärzte und Pflegekräfte auf dem Arbeitskräftemarkt.

Ärzte sind rar auf dem Arbeitskräftemark

Inzwischen hat sich das Bild gewandelt. Zum einen, weil die Einführung des Arbeitszeitgesetzes für Ärzte einen 72-Stunden-Wochenenddienst nicht mehr zulässt. „Das ist auch gut so.“ Führt aber dazu, dass mehr Personal gebraucht wird. Zum anderen, weil parallel die Ausbildung von Medizinern in Deutschland rückläufig gewesen ist. „An vielen Universitäten hat man die Anzahl der Medizinstudienplätze reduziert“, erklärt Harald Muhs. Ein nicht gerade vorausschauendes Handeln. Ärzte wurden rar auf dem deutschen Arbeitskräftemarkt, weshalb man sich im europäischen Ausland umgeschaut hat. Hier musste man sich nur um die sprachliche Qualifikation und um die Anerkennung der Fachausbildung kümmern. Was relativ reibungslos lief. Inzwischen ist der Bedarf stetig gestiegen, „ältere Kollegen gingen in den Ruhestand und an jungen kamen nicht viele nach.“ Der europäische Arbeitskräftemarkt war irgendwann auch abgegrast. Die Suche nach weiteren Medizinern breitete sich weltweit aus, vor allem im arabischen Raum. Mittlerweile gehören 40 Nationalitäten zum Haus. Im medizinischen Bereich, glaubt Muhs, könnte man das Fachkräfteproblem lösen, „wenn nur genügend Studienplätze vorhanden wären“. Scheinbar will man es aber nicht lösen.

Im Bereich der Pflege ist der demografische Wandel Ursache für den Fachkräftemangel. Immer mehr Menschen gehen in den Ruhestand, aber immer weniger Leute rücken nach – obwohl am Klinikum selbst ausgebildet wird. „Thüringen wird in den nächsten Jahren ein Viertel seiner Arbeitskräfte verlieren – nicht nur in der Pflege, sondern überall.“ Das heißt: „Wir werden uns um die wenigen arbeitsfähigen Menschen schlagen.“ Mit den eigenen Pflegekraft-Azubis kann man den Bedarf kaum decken. „Deshalb versuchen wir seit über zehn Jahren, ausländische Kräfte zu qualifizieren, ihnen die deutsche Sprache zu vermitteln und sie zu integrieren.“ Für die Ausbildung der Pflegekräfte hat das Klinikum eine eigene Berufsfachschule. Hier erlernen auch junge Ausländer den Pflegeberuf. Zuvor müssen sie an der hauseigenen Sprachschule fit in Deutschkenntnissen gemacht werden. „Wir freuen uns natürlich über jeden Muttersprachler, den wir ausbilden können.“ Aber um die Ausbildungsplätze belegen zu können, „müssen wir im Ausland auf die Suche gehen“. Im neuen Ausbildungsjahr gibt es allerdings nur 30 Azubis, weil man wegen einer Gesetzesänderung nicht genügend Lehrkräfte hat. Im nächsten Jahr soll das Problem gelöst sein, dann werden die Ausbildungsplätze wieder auf 60 aufgestockt. Etwa die Hälfte davon wird man sicher wieder mit ausländischen Interessierten besetzen müssen. Vor 17 Jahren konnte man pro Jahr aus rund 800 Bewerbern wählen. „Heute haben wir nicht mal mehr 100.“

Die meisten ausländischen Azubis kommen derzeit aus Vietnam, wo das Klinikum mit einem Kooperationspartner zusammenarbeitet. Aber auch aus den Balkanstaaten finden junge Leute nach Bad Salzungen. Sie alle durchlaufen meist zunächst eine achtmonatige Sprachausbildung. Kurzfristig dazugestoßen sind zwei junge Menschen aus Marokko sowie einer aus Kamerun. „Alle drei sprechen schon sehr gut deutsch.“

Nicht allen Fremdsprachlern fällt es leicht, die Sprache zu lernen. Bei wem es nicht ausreicht, „den vermitteln wir in andere Branchen wie zum Beispiel die Gastronomie“. Wer sich aber extrem Mühe gibt und dennoch die Sprachprüfung nicht schafft, dem wird eine verlängerte Ausbildung mit Extra-Sprachanteil angeboten. „So können wir eine maßgeschneiderte Ausbildung anbieten, die am Ende zum Erfolg führt.“

Auch wenn die Sprache manchmal eine kleine Barriere ist, „so haben wir festgestellt, dass gerade die Mitarbeiter – vor allem aus Asien – eine enorme Empathie haben“. Das kommt bei Patienten und bei Bewohnern in den Pflegeheimen gut an. „Sie sind sehr zugewandt, allein von ihrer Mentalität her.“

Unter den gegenwärtig schon am Klinikum eingesetzten Pflegefachkräften sind viele aus Thailand. Aber auch von den Philippinen. „Das sind hervorragend ausgebildete Pflegekräfte, die auch sprachlich sehr versiert sind.“ Aber auch hier ist man weiter auf der Suche. „Der Bedarf ist groß und wird jeden Tag größer“, so Muhs, Während in der EU erworbene Ausbildungen oft unproblematisch anerkannt werden, müssen die Menschen aus Drittstaaten für ihre Ausbildungsanerkennung beim Landesverwaltungsamt einen Antrag stellen. Dann bekommt man entweder eine Direktzulassung oder einen Bescheid über abzuarbeitende Defizite. „Wir sind mit unserer Schule und den Praxisanleitern im Klinikum in der Lage, einen Anpassungslehrgang anzubieten.“ So können die Defizite innerhalb von sechs Monaten kompensiert und mit einer Prüfung behoben werden.

Es ist ein tägliches Lernen

Das Klinikum ist in den letzten Jahren multikulturell geworden. Damit die Belegschaft als solche funktioniert, „ist es wichtig, dass die Kollegen auf den Stationen zusammenfinden, kommunizieren und zusammenarbeiten.“ Es gibt Stationen, da läuft es gut. Es gibt aber auch Bereiche, „da kann es noch besser werden“. Das zwischenmenschliche Verständnis ist oft personenabhängig. „Wir schauen darauf, um dann auch zu reagieren.“ Ansonsten ist es – was die Kulturen anbelangt – ein tägliches Lernen. „Jede Nationalität hat ihre Eigenheiten. Das ist auch für uns immer wieder ein Anpassungsprozess.“ Man bemüht sich, auch nach der Arbeit Angebote zu unterbreiten, berichtet in der Klinikzeitung über neue Kollegen und deren Land.

Neben der sprachlichen Integration hilft das Klinikum den neuen Kollegen beim Anreisen und bietet auch Unterstützung bei der Wohnungssuche und Ämtergängen an. Um das zu optimieren, denkt man über einen Sozialarbeiter nach, der sich um alle Dinge rund um das Thema Integration kümmern soll. Denn das gezielte Miteinander soll noch mehr forciert werden. Das ist wichtig. „Wir müssen allesamt verstehen, dass wir ohne diese Hilfe aus dem Ausland – und das betrifft alle Branchen – nicht mehr auskommen.“ Zudem bereichern andere Kulturen das Leben. „Ich finde das gut. Man kann nur voneinander lernen.“ Ängste um weggenommene Arbeitsplätze sind oft nicht berechtigt. Zu Beginn seiner Geschäftsführertätigkeit in Bad Salzungen lag die Arbeitslosenquote bei etwa 15 Prozent, blickt Muhs zurück. Heute sind es um die vier Prozent. „Das liegt aber nicht daran, dass wir so viele Arbeitsplätze dazugewonnen haben. Sondern daran, dass immer weniger Menschen im Arbeitsprozess stehen.“ Wenn der Trend weiter anhält, „dann müssen wohl Leistungen wegfallen und dann muss auch Wohlstand wegfallen.“ Aus Sicht von Harald Muhs ist es deshalb wichtig, „ sich zu öffnen, damit die Infrastruktur erhalten bleibt.“

Interkulturelle Woche

Klinikum Bad Salzungen:
 Im Rahmen der interkulturellen Woche vom 25. September bis 2. Oktober stellt die Lokalredaktion in Zusammenarbeit mit dem Klinikum einige ausländische Mitarbeiter vor. Den Auftakt vollzieht am Montag Risto Miserliovski, Facharzt für Allgemeinchirurgie, der aus Mazedonien nach Deutschland kam.

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