100.000 Besucher Zeppelin landet in Südthüringen

Zeppelin-Luftschiffe sind die größten Fluggeräte der Menschheit. Vor 90 Jahren landete LZ 127 bei Meiningen – es war die Initiative eines Suhler Geschäftsmanns. So ein Ereignis hat die Region weder davor noch danach wieder erlebt.

Suhl/Meiningen - 100.000 Menschen aus Thüringen und Bayern sind zum Rohrer Berg geströmt. An Bord waren nicht nur Reiche, sondern auch ein Arbeitsloser und ein Junge aus Suhl – sie hatten Tickets in der Lottere gewonnen. Spektakulär sind die Innenansichten des Zeppelins in unserer Bildergalerie.

Der Erfinder des Kardanantriebes, Max Krieger aus Suhl, war ein Flugenthusiast. Eine Freundschaft verband ihn mit Luftschiffkapitän Max Pruß von der Luftschifffahrtsgesellschaft Friedrichshafen. Dazu kam eine eine alte Verbindung mit einem Fliegerkameraden aus dem Weltkrieg, der inzwischen Flugkapitän bei der Luftschifffahrtsgesellschaft war.

Ein Lichtbildervortrag 1930, durch Max Pruß über die Zeppelinfahrten vor dem „Verein ehemaliger Schüler der Kaiser-Wilhelm-Oberrealschule“ in Suhl gab dem Vorhaben zur Zeppelinlandung in Suhl Vorschub. Noch im gleichen Jahr, am 15. Juni und 31. August 1930, überfuhr das Luftschiff „Graf Zeppelin“ die Stadt Suhl. Dies förderte zugleich den Wunsch einer Landung in Suhl. Von diesem Ereignis des Überfluges am 15. Juni erzählte mir Fritz Wendel die Geschichte des Abwurfes eines Päckchens am Gipfel des Hoheloh: „Das silbrig glänzende Luftschiff kam gegen 12 Uhr über den Hoheloh und senkte seine Flughöhe etwas ab. Man konnte die Personen an den Fenstern erkennen.“

Die Überfahrt am Hoheloh war ein Gruß des Flugkapitäns Max Pruß an seinen Freund Max Krieger. „Plötzlich öffnete sich ein Fenster und ein Päckchen mit bunten Bändern segelte an einem kleinen Fallschirm herab. Als der Zeppelin sich schon in Richtung Domberg entfernte, rannten wir suchend nach dem Päckchen. Zum Erstaunen aller Freunde waren gute Zigarren im Päckchen, bestimmt für den Stammtisch im Kurhaus.“ Bei Max Krieger waren nun die Emotionen erneut angewachsen für das Abenteuer Zeppelinlandung.

Nun wand er sich direkt an die Friedrichshafener Luftschifffahrtsgesellschaft wegen einer möglichen Landung in Suhl. Er bekam umgehend Bescheid über eine mögliche Zeppelinlandung. Hierbei wurden ihm auch die Kostenforderungen und die notwendigen sicherheitstechnischen Anforderungen mitgeteilt. Bei der Suche nach einem geeigneten Landeplatz stellte sich heraus, dass das Gelände am Hoheloh nicht geeignet sei. Als Landeplatz musste eine unbebaute ebene Fläche von 600 Metern in Landerichtung und 500 Meter Breite gefunden werden.

Da der Hoheloh seit 1928 mit dem Kriegerdenkmal bebaut und eine hängige Fläche war, kam er nicht als Landefläche in Frage. Auch das Aue-Gelände war nicht geeignet, da hier Feuchtwiesen und Teiche waren. Leider hatten wir damals noch nicht unseren Flugplatz Suhl-Goldlauter! Nach eingehendem Suchen erschien der Rohrer Berg mit seinem Flugplatz der mögliche geeignete Ort.

Meiningen hilft den Suhlern

Damit waren noch nicht alle Probleme gelöst. Woher die Garantiesumme von 35.000 Mark nehmen? Die Suhler Stadtkasse war damals, wie auch heute, leer. Der Suhler Schülerverein mit den Geschäftsleuten zog auch die finanzielle Unterstützung zurück. Der Überzeugungsarbeit von Max Krieger , diese einmalige Chance der Zeppelinlandung zu gewährleisten, war es zu verdanken, daß der Handelsrat Emil Christ und der Oberbürgermeister Keßler von Meiningen, sich dazu erklärten, die Summe aufzubringen. Damit stand der Vertragsunterzeichnung am 24. August 1931 bei der Luftfahrtgesellschaft nichts mehr im Weg.

Nun konnte Max Krieger seinen Traum Wirklichkeit werden lassen. Der Flugtermin wurde auf den 4. Oktober 1931 festgelegt. Es sollte nun die zweite Landung eines Zeppelin in Mitteldeutschland, nach dem Flug von Gotha nach Leipzig 1912, werden. Neben der Vorbereitung des Landeplatzes und entsprechender Absperrungen gab es viel zu tun. Es musste eine Landemannschaft zur Sicherung des Flugkörper benannt werden. Der Leiter war Max Krieger und von der Meininger Reichswehr wurde das Personal gestellt. Hinzu kamen Polizisten zur Absperrung des Geländes aus dem Umland von ganz Thüringen. Man musste mit einer Vielzahl von Zuschauern rechnen. Das hieß An- und Abfahrten sowie Parkplätze abzusichern.

Mit einer Wohlfahrtslotterie wollte man auch Bürgern, die nicht die finanziellen Mittel von 160 Mark pro Person für einen Flug aufbringen konnten, das Abenteuer ermöglichen. So wurden in dem Kreis Meiningen 7200 Lose und im Kreis Schleusingen 6000 Lose zu 50 Pfennigen verkauft. Mit der endgültigen Festlegung des Landungstermins auf dem Rohrer Berg am 11. Oktober 1931 stand der großen Attraktion nichts mehr im Weg.

Durch ein Glückslos zur Zeppelinfahrt

Der Gewinn einer Freifahrt mit dem Luftschiff „Graf Zeppelin“, am 11. Oktober 1931, bestand aus einer Fahrt von Meiningen - Rohrer Berg – nach Friedrichshafen, sowie einem zweitägigen kostenfreien Aufenthalt mit einer Übernachtung. Die Rückfahrt war mit der Reichsbahn 2. Klasse gewährleistet. Nach dem Losverkauf erfolgte die Ziehung der Gewinner am 8. Oktober 1931 im Kasino des Kreishauses. In Gegenwart des Lotteriekomitees fand unter notarieller Aufsicht des Rechtsanwaltes Emmrich die Ziehung statt. Von den 6000 Losen wurden 4609 Lose im Kreis Schleusingen verkauft, wodurch ein Überschuss von 1000 Mark erzielt wurden.

Von der Tochter des Landrates Gaertig wurden die fünf Gewinnlose gezogen. Da das fünfte Gewinnlos nicht verkauft war, wurde es zur Versteigerung freigegeben. Dieses Los ersteigere für 90 Mark der Landrat Gaertig. Außerdem standen noch 35 Plätze zur freien Buchung für den Rückflug nach Friedrichshafen zur Verfügung. Zu den weiteren Fluggästen gehörten vom Organisationskomitee Max Krieger mit Ehefrau, der Oberbürgermeister Keßler von Meiningen und der Handelsrat Christ. Weitere Fluggäste, die für einen Flugpreis von 160 Mark gebucht hatten, waren Alfred Jung (Burgbrauerei Jung), Fritz Gering (Gießereibesitzer), Richard Hopf (Baugeschäft), Karl Lutz (Gemüsehändler) und Robert Walter (Bäckerei und Kohlenhandlung in Goldlauter).

Ein blinder Passagier

Die Reichspost hatte vor Ort eine Poststelle eingerichtet, wo die Postsendungen mit den entsprechenden Sonderstempeln versehen wurden. Von der Burgbrauerei Suhl kam auch ein Lastkraftwagen mit Freibier für die Zeppelinfahrt. In Absprache mit seinem Freund Max Krieger war einer der Transporteure der Bierkästen Paul Greifzu, der bekannte Rennfahrer. Nach dem Einladen der letzten Bierkästen hatte er nicht schnell genug das Luftschiff verlassen, so dass man schon abgehoben hatte. Plötzlich war Paul Greifzu unfreiwillig ein „blinden Passagier“! Ob das Zufall war, kann man heute nicht mehr nachvollziehen. Jedenfalls war nun der Freund Max Krieger gefragt. Er löste das Problem des „Schwarzfahrers“ mit seinem Freund und Flugkapitän Hugo Eckener.

Aber wie kamen eigentlich die anderen Suhler zu ihrer Freiflugkarte? Hier ist von Max Schlegelmilch und Alfred Albrecht noch ein persönlicher Bericht überliefert bzw. von ihren Söhnen Peter Schlegelmilch bzw. Heinz Albrecht erhalten. Insbesonders möchte ich beiden danken, dass sie mir persönliche Unterlagen und Fotos zur Verfügung stellten. Aber auch der Philatelist Horst Reinhardt stellte mir Dokumente aus seiner Spezialsammlung „Zeppelinfahrt“ zur Verfügung.

Ein Arbeitsloser hat kein Geld, aber Glück

Der Polierer Max Schlegelmilch war zu dieser Zeit arbeitslos. Wie es der Zufall wollte war er im Konsum-Kaufhaus, wo dieser Wohlfahrtslose verkauft wurden. Er konnte sich aber nicht ein mal ein Los von 50 Pfennigen leisten. Der Gießereibesitzer Gering kaufte gerade die restlichen 20 Lose. Davon behielt er zehn Lose für sich und verteilte die anderen Lose an die Arbeitslosen. Wie es das Losglück wollte, stand nach der Auslosung am Aushang des Konsum, die Gewinnummer 4156. Das war die Losnummer von Max Schlegelmilch –Schmiedefelderstraße 5.

Der Gießereibesitzer Fritz Gering ging leer aus, und mußte sich für 160 Mark sein Ticket für den Zeppelin kaufen. Auch zum Losglück von Alfred Albrecht, den noch 14 jährigen Oberschüler, gibt es eine besondere Geschichte, die er selbst niedergeschrieben hat: „Als Sohn des Bäckermeisters Adolf Albrecht - Reuetal 1 – gehörte es zu meiner Aufgabe, mehrmals in der Woche mit dem Fahrrad Brot und Brötchen auszufahren. . . . Am 3. Oktober Nachmittags kam ich von der Tour zurück, stellte mein Fahrrad ab, da kam meine Schwester strahlend und rufend: „Alfred, wir fahren mit dem Zeppelin!“ Vorerst wußte ich nicht was das bedeuten sollte, . . . Mein Vater hatte 10 Lose gekauft. An mich wurde dabei nicht gedacht, da ich minderjährig war. . . . Weil mich der Zeppelin auch interessierte, bin ich deshalb zu meiner Großmutter gegangen und habe ihr die Lage erklärt. Sie hatte mich sehr gern, ... zu jedem Geburtstag schenkte sie mir immer 2,00 Mark. So erhielt ich vorab 50 Pfennige, wenn auch mein Geburtstag erst am 29. Oktober war. Am Montag, den 5. Oktober ging ich in die Buchhandlung Voigt (vorm. Kaufmann) in der Poststraße und kaufte mir ein Los, ohne jemanden, außer meiner Großmutter, etwas davon zu sagen. Die Losnummer 3936 hatte ich mir fest eingeprägt. . . . Die 4 Nummern der Gewinner waren in der Buchhandlung ausgehängt, auch meine 3936. Ich war derart perplex, daß ich mir selbst nicht traute. Zu Hause angekommen, wurde gleich das Los gesucht, . . . als ich von meinem Zimmer zurückkam und sagte : Ich fahre mit dem Zeppelin“, war völliges Unverständnis, da niemand wußte, daß ich mitgespielt hatte. Nun war guter Rat teuer, denn mein Vater wäre gerne selbst mitgefahren, und ich war noch minderjährig. Wie nun die Zeppelinfahrt ausging erfahren sie nächste Woche.

Volksfeststimmung zur Zeppelinlandung am Rohrer Berg bei Meiningen.

Die fünf Suhler Gewinner der Freifahrt mit dem Luftschiff „Graf Zeppelin“ und die weiteren Mitfahrer waren mit einem Mannschaftswagen der Polizei nach Meiningen gebracht worden. Auch ihre Familienangehörigen durften mitfahren. Weiträumig war der Landeplatz abgesperrt und man konnte auch als Begleiter nur mit einem Passierschein den Innenraum betreten. Alle warteten auf die Ankunft des um 7 Uhr in Friedrichshafen gestarteten Luftschiffs.

An Bord waren 29 Passagiere, und darunter sogar der ehemaliger Leibarzt des Königs von Spanien. Einige Zahlen verdeutlichen uns, welcher Massenandrang für die Zeppelinlandung herrschte. Auf den Parkplätzen um den Rohrer Berg wurden rund 1000 Motorräder, ca. 800 Autos und 350 Fahrräder abgestellt. Dreizehn Sonderzüge der Reichsbahn brachten die Schaulustigen nach Meiningen. Mit 60 Postautos wurde die Anfahrt zum Rohrer Berg gewährleistet. Allein schon am Suhler Bahnhof wurden 2000 Fahrkarten für den Sonderzug verkauft. Ein weiterer Sonderzug kam aus Apolda – Erfurt und war überfüllt mit Fahrgästen.

Die Meininger Schutzpolizei, verstärkt durch 300 Beamte aus anderen Thüringer Städten, und die gesamte Suhler Schutzpolizei, sicherten den Landeplatz ab. Eine schwierige Aufgabe, denn es strömte eine unübersehbare Menschenmenge von rund 100.000 Besuchern auf den Rohrer Berg. Das Wetter meinte es gut, so dass die Besucher im Sonnenschein die Ankunft des Luftschiffes erlebten. Um die Zeit der Wartenden zu verkürzen, die schon seit 8 Uhr früh am Landeplatz waren, zeigten Reklameflieger ihre Flugkünste und die Kapelle der Meininger Reichswehr spielte auf.

Glückliche Landung bei Meiningen

Die Suhler Zeitung berichtete von der Landung: „Dann plötzlich - es war 5 Minuten vor 11 Uhr - erklang das bekannte tiefe Brummen der Zeppelin-Motoren. Und schon war er da, . . . Aus den Kabinen des Luftschiffes winkte man zum ersten Gruß herunter. Tausende von Armen reckten sich in die Höhe zum Gruß. In langsamer Fahrt fuhr der „Graf Zeppelin“ über den Platz hinweg, . . . und kam nach einer Schleife ziehend wieder zurück, allmählich tiefer herabsteigend. Da fielen von der Spitze die Taue, die Meininger Reichswehrsoldaten sprangen hinzu und zogen das Schiff unter dem Kommando von Max Krieger (Suhl) langsam mit seiner Spitz herab. Ballast wurde abgeworfen, dann senkte sich der riesenhafte Körper zur Erde. . . . – die Landung war geglückt, und unter den begeisterten Zurufen der Menge mischten sich die Klänge des Deutschlandliedes. Genau eine Stunde war das Luftschiff auf dem Landeplatz. Die Passagiere wurden gewechselt und die Post wurde aufgenommen.“ Die abgebildete Postkarte hat diese Fahrt einstmals mitgemacht. . .

„Zu den Ehrengästen, welche von Friedrichshafen mitgefahren waren, zählte der Thüringer Staatsminister Dr. Kästner, der Meininger Oberbürgermeister Keßler sowie die Gattin Dr. Eckeners. In der Führungsgondel sah man Kapitän Lehmann, der das Luftschiff führte, und die Kapitäne Flemming, von Schiller und Pruß.“ Es erfolgten die offiziellen Begrüßungen und Überreichung von Ehrenurkunden und einer silbernen Stadtmedaille durch den Oberbürgermeister von Meiningen. . . . „Die Meininger Polizei füllte den Wasserballast auf . Photographen umschwärmten das Luftschiff von allen Seiten. Dann kam das Abschiednehmen und ein letzter Gruß „Glückliche Reise“.

Zehn Minuten vor 12 Uhr wurde die Treppe eingezogen und die Luke geschlossen. Die Haltetaue wurden eingeholt und auf das Kommando „Hoch“ ließen die Soldaten die Gondel los. Langsam steigt das Luftschiff senkrecht aus eigenem Auftrieb in die Höhe, dann begannen die Motoren zu brummen, und während das Schiff sich in Bewegung setzte, rief vom Luftschiff eine Stimme über das Sprachrohr ein letztes „Auf Wiedersehen“ herunter.“ Wollen wir noch einmal dem damaligen Schüler Alfred Albrecht seine persönlichen Eindrücke schildern lassen: „Das Luftschiff kam langsam aus Richtung Rohr angefahren und man wurde von der zunehmenden Größe immer mehr überwältigt, (Anmerkung: Länge 236,6 Meter, 30,5 Meter Durchmesser 105.000 Kubikmeter Wasserstoff-Gasgemisch) . . . Nun ging alles wie auf einem Bahnhof vor sich, es wurde aus- und eingestiegen, allerdings ohne Hektik, und nach einer Stunde konnten wir zum Abschied winken. Wie im Fahrstuhl stiegen wir hoch, und bei 80 Metern Höhe vom Boden setzten die Motoren ein zur Fahrt nach Suhl, Zella-Mehlis, Schmalkalden und wieder Meiningen, um in südwestlicher Richtung die Rhön zu erreichen.“ Nächste Woche können Sie die eindrucksvolle Schilderung der persönlichen Eindrücke von Alfred Albrechts noch einmal mit nachempfinden.

Augenzeugen berichten: Zeppelinfahrt ein besonderes Erlebnis

Ein Mitreisender berichtete gegenüber der Suhler Zeitung: „Beim Aufstieg, als die Umstehenden immer kleiner wurden, mag vielleicht einzelne Fahrgäste ein etwas unsicheres Gefühl überfallen haben. Die meisten bewunderten die große Menschenmenge, die man jetzt von oben übersah. . . . Man fühlte sich schon so ganz sicher, und verfolgte die einzelnen Punkte der Heimat unter sich. Schon sahen wir Suhl und er drehte seine Runde über Zella-Mehlis, Schmalkalden und den Dolmar zurück nach Meiningen. Der farbenprächtige Laubwald wechselte mit dem Tannengrün, dazwischen gestreuten kleinen Ortschaften mit ihren roten Ziegeldächern, was von oben gesehen doch ganz was anderes war. Manche einzelnen Bäume erschienen wie zierliche Topfpflanzen.“ Aber auch die

persönlichen Eindrücke von der Zeppelinfahrt hat Alfred Albrecht eindrucksvoll festgehalten: „Bei herrlichem Wetter und relativ geringer Flughöhe (zwischen 200 – 300 Meter) konnte man alles erkennen. Über der Wasserkuppe hatten wir Windstärke 8, und die Mannschaft hatte in der Kanzel tüchtig zu tun, . . . Inzwischen wurde bereits Essen serviert. Es gab Schinken, Spargel mit Salzkartoffeln mit Wein. Der erste der sich setzte war der Bäckermeister Walter aus Goldlauter. Genüsslich schlürfte er den ersten Kelch Wein. Essen und Getränke waren nicht im Fahrpreis enthalten, weshalb ich mich auch enthalten habe etwas zu bestellen. (Anm.: Obwohl ihm seine Mutter 40 Mark mitgegeben hatte.)

Meinen kleinen Lederkoffer, den mir meine Mutter in guter Voraussicht gepackt hatte, nicht viel größer als eine Aktentasche, hatte ich immer bei mir. Alle anderen hatten ihr Reisgepäck abgegeben. So konnte ich zwei gut belegte Brötchen essen, was mir manchen scheelen Blick einbrachte. Die Fahrtruhe des Luftschiffes ist mit der eines Flugzeuges nicht vergleichbar. Der Fahrgastraum glich einem kleinen Lokal. Es wurde an Vierertischen serviert, und die Weingläser hatten einen großen Fuß, aber eine Erschütterung trat nirgends ein. Von den Motoren am Heck hörte man zwar das Brummen, merkte aber keinerlei Schwingungen. Da ich mit meinen Brötchen versorgt war, konnte ich meinen Platz am Fenster ständig innehalten. Als Herr Walter mit dem Essen fertig war, kam er mit Weinflasche und Kelch auf mich zu und sagte in seiner Goldlauterer Mundart: „Du bist`n Adolf seiner. (Anm.: Vater Adolf Albrecht war auch Bäckermeister) . . . Wir kamen so ins Gespräch und er bot mir von seinem Wein an. Da sagte er: „Geh nur her Junge, das Zeug ist nicht für die Kühe gemacht“, und das nicht ganz leise. Ich hatte schon gemerkt, daß ich mich in honoriger Gesellschaft befand, weshalb mich der Ausspruch irritierte.

Kleine Abzeichen machen vermeintlich reiche Leute

Von der Fahrt sind mir besonders drei Eindrücke haften geblieben: „Die Umrundung von Rothenburg o.T. war ein Gruß des Zeppelins an diese wunderbare Stadt, deren Geschlossenheit für uns besonders markant war. Nicht nur der Markt oder die Stadtmauern waren bemerkenswert, sondern auch die Stilreinheit ganzer Straßenzüge ist beeindruckend. Ein weiteres Erlebnis war das Ulmer Münster mit seinen 161 Metern . Man hatte das Gefühl, daß der Bau des Zeppelin von seiner Spitze gekitzelt wird. Die schrägen Fenster des Fahrgastraumes ermöglichte einen Blick direkt nach unten. . . . Das schöne Wetter bei der Fahrt ließ uns schon vor dem Bodensee die Schneegipfel der Alpen erkennen. Aus Fahrgastkreisen wurde der Wunsch geäußert, über diesen eine Schleife zu drehen. . . . Wenn man den Bodensee in seinem Umriß von oben sehen kann, mit allen seinen Ufern, Dörfern und Städten, ist er herrlich. Wir machten eine Schleife über ihm und setzten von See her zur Landung an.

Nach dem Aufwand der Landung in Meiningen waren wir erstaunt, mit wie wenig Leuten man das große Luftschiff in seine Halle brachte.“ Es war wirklich ein Tag voller imposanter Eindrücke, wenn man dazu rechnet, daß wir auch Gelegenheit hatten, die Kanzel und das Schiffsinnere zu besichtigen. Kaum hatten wir das Luftschiff verlassen, kam erneut eine Überraschung auf uns zu. Vor der Halle stand der große Reisewagen des Fabrikanten Kober. Ein offener sechssitziger offener „Chrysler“, und in den durften wir Gewinner einsteigen. (Anm. Der Fabrikant Kober machte gerade am Bodensee Urlaub.) Der Fahrer, Herr Müller, kannte die Stadt und setzte uns am Hotel „Goldener Hirsch“ ab.

Mit unserem Fahrschein hatten wir ein kleines blaues Abzeichen bekommen, was uns als Reisende der Zeppelinfahrt auswies. Überall begrüßte man uns mit besonderem Entgegenkommen, denn einer der mit dem Zeppelin reiste, musste auch Geld haben. Bevor wir die Fahrt nach Hause antraten, wurde unser Aufenthalt am Bodensee noch mit Ausflügen bereichert. Dieses Erlebnis mit der Zeppelinfahrt und dem Aufenthalt am Bodensee ließ uns ganz vergessen, dass wir nur für 50 Pfennige in Friedrichshafen waren.

Vor 95 Jahren erste Zeppelinfahrt durch einen Suhler

Die Entwicklung der Zeppelin-Luftschiff-Fahrt steht mit goldenen Lettern in Deutschlands Geschichte. So alt wie die Geschichte der Menschheit ist, so alt ist auch der Wunsch des Menschen zu fliegen oder durch die Lüfte getragen zu werden. 1872 berief die Deutsche Reichsregierung einen Sachverständigen-Ausschuss zur Prüfung von Luftfahrtfragen. Der erste Entwurf eines Luftschiffes wurde schon 1873 vorgelegt. Die damalige Meinung war: „Es sei kaum wahrscheinlich, dass der Mensch auch mit den allergeschicktesten flügelähnlichen Mechanismus, durch seine eigene Muskelkraft sich in die Höhe zu bewegen.“

Man versuchte, nach dem Vorbild des aufsteigenden Rauches, Luftfahrtzeuge nach dem Prinzip der Ballone zu bauen. Nach einer kurzen Probefahrt ging das erste Luftschiff, mit einem 12 PS Daimler Benzinmotor ausgestattet, bei einer Notlandung am 3. November 1898, zu Bruch. Schon fünf Jahre arbeitete der damals 54-jährige Generalleutnant Graf Zeppelin zusammen mit dem 27-jährigen Ingenieur Kober an den Plänen eines großen starren Luftschiffes. Dem folgte am 2. Juli 1900 um 20 Uhr der erste Aufstieg mit dem Luftschiff Zeppelin 1, der nach 18 Minuten endete. Dem folgten weitere Versuche am 17. und 24. Oktober 1900. Viele Versuche misslangen, bis am 1. Oktober 1907 mit einer glänzenden achtstündigen Fahrt über 350 Kilometer der eigentliche Durchbruch gelang. Bis zum 28.Juli 1912 waren 234 glückliche Fahrten erfolgt, bei denen in 480 Stunden 27123 Kilometer zurückgelegt und 4.354 Personen befördert wurden. Das Luftschiff „Schwaben“ hatte überzeugt, so dass im Februar 1912 ein weiteres Passagier-Schiff Namens „Viktoria Luise“ in Dienst gestellt wurde.

Auf der Atlantik-Linie hatte sich das Luftschiff „Hansa“ eine Weiterentwicklung der „Viktoria Luise“ bewährt, was am 30. Juli 1912 als schnellstes Luftschiff seinen Dienst aufnahm. Ein glücklicher Umstand verhalf dem Suhler Alfred Heyland Weihnachten 1912 zu einer Zeppelinfahrt. Damit erfüllte sich ein großer Wunsch des Taxiunternehmers der Automobil-Zentrale aus der Poststraße 9 (ehemalige Druckerei J.W. Müller). Seine gute Verbindung mit dem Zeppelin-Chefkonstrukteur Dr. Dürr machte dieses Abenteuer möglich. Von einer Atlantikfahrt heimgekehrt, wurde das Luftschiff „Hansa“ vor Weihnachten 1912 für Inlandfahrten eingesetzt. So kam es, daß der Suhler Alfred Heyland ein Telegramm seines Freundes Dr. Dürr bekam, sich für eine Fahrt von Gotha nach Leipzig bereit zu halten.

Damit ging der lang ersehnte Wunsch in Erfüllung. Zu einem Vorzugspreis von 200 Mark erhielt er von der Deutsche Luftschifffahrt AG seine Fahrkarte. Die übrigen Passagiere mussten einen Fahrpreis von 1.000 Mark entrichten. Diese Fahrt schilderte Alfred Heyland als ein unvergessliches Erlebnis: „. . . als ich die Erde aus der Vogelperspektive beobachten konnte. Es war, als hätte sich unter mir eine riesige Spielzeuglandschaft aufgetan, über die der kommende Winter schon seinen Schnee gestäubt hatte.“

Sekt und Kaviar

Auf der Fahrt zur Messestadt Leipzig wurden mehrere große Städte überflogen bzw. umkreist. Für den Überflug mussten die Bürgermeister 1.000 Mark bei der Luftfahrtgesellschaft hinterlegen. Man erkennt, auch damals galten schon die Gesetze der Marktwirtschaft. Nach der Schilderung von Alfred Heyland waren die Passagierkabinen des Luftschiffes einfach gehalten. Die Fahrt dauerte hin und zurück sechs Stunden. Aber als Imbiss wurde allerdings Kaviar mit Sekt gereicht. Ein deftiges Frühstück wäre den Passagieren lieber gewesen. Die Fahrt war ruhig und löste keinerlei Unbehagen bei den Passagieren aus.

Die Ankunft in Leipzig war für die Bevölkerung ein großes Ereignis, da es die erste Landung eines Luftschiffes in der Messestadt war. Beim Rückflug gab es eine zusätzliche Sensation. Beim Start hatte sich ein Feuerwehrmann mit dem Karabinerhaken im Halteseil verfangen. Dabei wurde er unfreiwillig mit in die Luft genommen, so daß das Luftschiff nochmals zur Landung aufsetzen musste, um den unfreiwilligen Fahrtgast abzusetzen. Mit der Landung in Gotha, und einer Führung durch das ganze Luftschiff mit seinem Freund Dr. Dürr, ging für Alfred Heyland ein Weihnachtswunsch in Erfüllung. Alfred Heyland war auch in den 1920er Jahren Pächter des Kurhauses Friedberg.

Heute noch kann der in Suhl wohnende Enkel Bernd Heyland, von seinem Großvater, dem ersten Suhler bei einer Luftschifffahrt mit dem legendären Zeppeline, berichten. Das sollte aber nicht die letzte Fahrt von Suhler Bürgern mit einem Luftschiff gewesen sein, denn in den 1930er Jahren kreuzten sich nochmals die Wege der Zeppeline über Suhl und einer Fahrt mit Suhlern am 11. Oktober 1931.

 

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