1. Mai 1946 „Einig in Willen und Glauben“

4500 Menschen kamen am 1. Mai 1946 auf der Fachschulwiese in Schmalkalden zusammen. Nach einer Kundgebung wurde auf den Sälen der Stadt gefeiert. Foto: FW/Stadt- und Kreisarchiv Schmalkalden

Vor 75 Jahren erklärt der alliierte Kontrollrat den 1. Mai zum Feiertag. Auch in Schmalkalden wurde damit die Tradition des 1. Mai als Kampf- und Feiertag der Arbeiterbewegung wieder aufgenommen.

Schmalkalden - Mit Blitz und Donner wurde er eingeleitet, der 1. Mai 1946 in Schmalkalden. In der Nacht vom 30. April zum 1. Mai regnete es Bindfäden und so befürchtete der eine oder andere, dass dieser für die deutsche Arbeiterbewegung so bedeutsame Tag im wahrsten Sinne des Wortes ins Wasser fallen könnte. Doch der Wettergott zeigte sich gnädig mit den Schmalkaldern. Nach einem nebelig-kühlen Morgen „brach gegen 9.30 Uhr die Sonne durch die Wolkenwand und sandte bis zum Abend ihre wärmenden Strahlen auf unser schönes Thüringer Land“, schwärmte der Autor der Zeitung „Thüringer Volk“, Horst Zeuch.

Es muss eine ganz besondere Stimmung in der kleinen Stadt mit seinen damals rund 11 000 Einwohnern geherrscht haben, ein Jahr nach dem verheerenden Zweiten Weltkrieg mit weltweit 70 Millionen Toten. Auch Schmalkalden trauerte noch. Die Erinnerungen an den letzten Bombenangriff vom 6. Februar 1945 mit 33 Toten und mehreren Schwerverletzten, darunter vor allem ältere Leute, Frauen, Kinder, waren noch frisch. „Werden sich die deutschen Werktätigen der demokratischen Freiheiten, die sie gerade für diesen Tag nun wieder eingeräumt bekommen hatten, auch würdig erweisen?“, fragt der Autor der Zeilen im „Thüringer Volk“. Werden sie einem dem Geist der antifaschistischen Deutschen Arbeiterschaft entsprechend machtvolle Demonstration auf die Beine stellen? Wird es wirklich ein Festtag des Proletariats, oder stellte er kaum merkliche Abwandlungen der letzten zwölf Jahre dar?

Am Ende des Tages konnte der Reporter mit „Befriedigung feststellen“, das alle Erwartungen übertroffen worden sind. „Stadt und Kreis Schmalkalden haben den 1. Mai so begangen, wie er erstmalig nach einer langen Zeitspanne der Unterdrückung nicht stimmungsvoller und zielklarer hätte gefeiert werden können.“ Trotz kleiner „Mängel und organisatorischer Lücken“ habe der Gesamtrahmen ein „Bild geschlossener Einheit ergeben, „jener Einheit, die heute mehr denn je Garant für Deutschlands Wiederemporkommen darstellt und deshalb auch zur Hauptlosung des 1. Mai 1946 erhoben wurde“. Neben Losungen wie „Die Einheit der Arbeiterklasse ist der Garant des Friedens“, „Durch Einheit zum sozialistischen Deutschland“, „Wir kämpfen gegen Reaktion und Faschismus, wir kämpfen für Frieden und Völkerverständigung“.

Geweckt wurden die Schmalkalder am 1. Mai 1946 von den Mitgliedern der Freien Deutschen Jugend und vom Volkschor. Von 7 bis 8.30 Uhr bälzten sie mit ihren Sprechchören und Liedern die Einwohnerschaft aus ihren Betten.

Die Stadt selbst „stand in einem duftenden Grünschmuck, dass es eine Freude war, durch seine Straßen und Gassen zu gehen. Fast an jedem Haus grüßten Birkenbäumchen und Tannengrün, darüber hinaus sah man gute Transparente und rote Fahnen.“ Allerdings wehten aus den Fenstern und im Demonstrationszug nur wenige rote Fahnen, weil roter Stoff in jener Zeit Mangelwache war, nahm der Autor die Schmalkalder vor Vorwürfen, sie wären nachlässig, in Schutz.

Punkt 9 Uhr begann sich der Demonstrationszug mit seinen 4500 Teilnehmern zu formieren. Die Belegschaften der Schmalkalder Betriebe und die der umliegenden Orte marschierten zur Hagenstraße, wo sie auf den Schulhöfen der Oberschule und Mädchenschule Aufstellung nahmen. 10 Uhr setzte sich der Zug in Bewegung mit dem Ziel Fachschulwiese am Bahnhof Stillertor. „Ein buntbewegtes Bild bot dieser Zug. Voran schritt die Jugend, die Schulen und zahlreiche Gruppen der FDJ. Dann kamen in zwangloser Formation Parteiführer, Behörden, die Handwerkerschaft, das Kulturamt, Metallbetriebe, Landratsamt, Finanzamt, die Zeitung „Thüringer Volk“, ESG, Konsum, Bahn, Stadtverwaltung, Postamt, Polizei und Feuerwehr...“ Das Baugeschäft Tripp führte einen Wagen mit, der das verkleinerte Holzmodell eines wiederaufgebauten Hauses zeigte. Eine Seite erinnerte mit verkohlten Trümmern an die „wahnsinnige Vernichtung des Hitlerkrieges“.

Vor dem Feiern standen auch vor 65 Jahren erst einmal reichlich Ansprachen an die Versammelten. Nachdem unter Kapellmeister Fritz Werner die Feiermusik erklungen war, der Bezirks-Arbeitersängerchor unter Stabführung des in Weidebrunn beheimateten Bezirksdirigenten Louis Danz „Empor zum Licht“ schmetterte, Ewald Grahmann das Gedicht „Steh auf, deutsche Jugend“ rezitierte, „richtete Landrat Möbius herzliche Begrüßungsworte an die Demonstranten“. Und an Vertreter der Militäradministration als Gäste der Kundgebung.

Hauptredner war Ernst Römer, Polizeidirektor aus Jena. Er erinnerte daran, dass man nach 13 Jahren „erstmalig wieder den Weltfeiertag in dem von der Nazidiktatur befreiten Deutschland“ begehen könne. Römer dankte den Alliierten, „an der Spitze die ruhmreiche Rote Armee, die die Deutschen vom Regime eines wahnsinnigen Klüngels skrupelloser Verbrecher erlöst hat“.

Zehn Tage nach der Wiedervereinigung von KPD und SPD erklärte Römer die Zeit des Bruderkampfes endgültig für beendet, „die deutsche Arbeiterschaft ist einig in Willen und Glauben an das große Endziel der sozialistischen Gesellschaftsordnung“.

Der Referent blickte zurück, ins Jahr 1890, als die SPD am 1. Mai zum Kampf gegen Monarchismus und Reaktion aufgefordert hatte. Er erinnerte an Persönlichkeiten wie Karl Liebknecht und August Bebel. Danach, so schreibt der Redakteur, „streifte der Redner in großen Zügen die Leistungen beim Wiederaufbau der am Boden liegenden Wirtschaft, die, im Verhältnis zur Kürze der Zeit, beachtlich sind ...“

Eine Forderung, die Römer an diesem Tag aufmachte, war die nach einer Bodenreform für ganz Deutschland. Es dürfe nicht zugelassen werden, dass in den westlichen Zonen die „militärische Zunft und die reaktionären Kapitalisten auf ihren Gütern sitzenbleiben können und auf den nächsten Profitkrieg warten“.

Auch den Frauen wandte sich Ernst Römer zu. Die Gleichberechtigung durchzusetzen bezeichnete er als ein zentrales Anliegen. Er wünschte sich von den Frauen, ihre angeborene Zurückhaltung gegenüber dem öffentlichen Leben abzulegen und sich in die politische Arbeit einzubringen. Der Gast aus Jens schloss seine Rede mit einem „flammenden Appell, sich zusammenzuschließen und allen feindlichen Stimmen durch Einigkeit entgegenzutreten“.

Die Kinder verbrachten den Nachmittag im „Volksgarten“, organisiert von der FDJ, dem Frauenausschuss und der Bäckerinnung. Kasperltheater auf der Freilichtbühne, Spiele und andere Anregungen sowie die Kindertanzgruppe unter der Leitung von Fräulein Inge Schrotsberger „sorgten für ein paar Stunden im Freien bei prächtigem Sonnenschein“. Auch der Magen kam nicht zu kurz. 700 Salzbrezeln wurden verteilt. Am Abend feierten dann die Belegschaften der Betriebe auf verschiedenen Sälen in der Stadt.

Die Artikel, aus denen wir zitieren, wurden gefunden von den Mitarbeitern im Stadt- und Kreisarchiv Schmalkalden im Thüringer Volk vom 7. Mai 1946.

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