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Mobilität und Energie

Auf grünen Wegen schnell ans Ziel

Viele deutsche Städte haben ein Problem mit der Feinstaubbelastung. So auch Erfurt. Allerdings gibt es kaum noch Autos, die aus den Umweltzonen ausgesperrt werden. Elektroautos und eine intelligente Verkehrslenkung könnten die Lösung sein.



Der Herr über die Ampeln: Frank Helbing ist Sachbearbeiter beim Verkehrsmanagement der Stadt Erfurt und hat an der Entwicklung intelligenter Informationssysteme für Autofahrer mitgearbeitet. Fotos: ari
Der Herr über die Ampeln: Frank Helbing ist Sachbearbeiter beim Verkehrsmanagement der Stadt Erfurt und hat an der Entwicklung intelligenter Informationssysteme für Autofahrer mitgearbeitet. Fotos: ari   » zu den Bildern

Um kurz nach halb zehn Uhr morgens sitzt Frank Helbing entspannt in seinem Kontrollraum hinter der Stahltür der Erfurter Zentrale des Verkehrsmanagements. Keine roten und auch keine gelben Linien tauchen auf einem der vielen Monitore auf, die den Raum ausfüllen. Überall leuchtet grün. Das bedeutet, dass der Verkehr in der Landeshauptstadt fließt, dass sich an den 250 Ampeln der Stadt keine Autoschlangen bilden. "Vor einer Stunde sah das noch ein bisschen anders aus", sagt der schlanke Mann mit der Kurzhaarfrisur. Morgens gibt es in Erfurt neuralgische Punkte, die im Berufsverkehr gerne einmal verstopfen. Der Talknoten ist so ein Beispiel. Nachmittags stockt der Verkehr auch gerne einmal stadteinwärts die Bundesstraße 4 hinunter. Auf Höhe des Steigerwaldstadions zum Beispiel, oder des Landtags.

Stockender Verkehr ist für alle Autofahrer ein Ärgernis. Besonders brenzlig aber für Fahrer von Elektroautos. Dann nämlich, wenn beim Warten im Stau der Ladestand der Batterie in Richtung Null absackt. Während Fahrer von Autos mit Verbrennungsmotoren dann einfach die nächste Tankstelle ansteuern können, ist das mit Elektroautos noch etwas komplizierter. Nicht an jeder Ecke steht eine Ladesäule.

Von der Idee getrieben, Fahrer von Elektroautos mit ihrer Akkuladung staufrei ans Ziel zu bringen, hat sich die Stadt Erfurt vor gut drei Jahren den Konsortien angeschlossen, die intelligente Ideen für Elektromobilität in Thüringen entwickeln wollen. Ein Plakat von "Smart Mobility Thüringen" prangt daher nicht umsonst an der schweren Tür zur Helbings Reich. Auf einem der vielen Monitore ist zudem das Ergebnis von drei Jahren geförderter Projektarbeit zu sehen. "Das Bild sehen im Prinzip auch die Autofahrer, die die App benutzen, die wir im Rahmen des Projektes entwickelt haben", sagt Helbing. Die Mannschaft des Verkehrsmanagements hat die nötigen Daten dazu geliefert. Denn nicht nur an fast jeder Ampel der Stadt befinden sich Detektoren in der Fahrbahn, die den Verkehrsfluss überwachen. Schon vor dem Projektstart waren es in Erfurt rund 1200. In der Projektphase sind nun noch einmal 170 hinzugekommen. Eine Entwicklung des Konsortialpartners Institut für Mikroelektronik- und Mechatronik-Systeme (IMMS) aus Ilmenau. Die Wissenschaftler haben bestehende Magnetfeldsensoren für Smart Mobility weiterentwickelt. An 170 Punkten in der Stadt ist für sie die Straße aufgebohrt worden. Zwölf Zentimeter sind die Sensoren hoch, sieben Zentimeter messen sie im Durchmesser.

"Sie zählen die Fahrzeuge, ermitteln Standzeiten und zeigen uns den Belegungsgrad an", zählt Helbing auf. Mit Belegungsgrad meint der Verkehrsexperte, wie dicht der Verkehr ist. Registriert der Sensor, dass ein Auto ungewöhnlich lange stehen bleibt, dann kann das ein Anzeichen für einen Stau sein, für ein Problem im Verkehrsfluss. Helbing gibt zu, dass einige Sensoren auch in der Lage sind, die Geschwindigkeit zu ermitteln, versichert aber schon im nächsten Satz, dass die Daten keinesfalls an die Polizei weitergegeben werden. Sie wären ohnehin wertlos. Die Sensoren im Fahrbahnbelag erfassen nur, dass ein Auto über sie hinwegrollt. Mehr Daten liefern sie nicht.

Aber sie liefern Daten, die für die Verkehrsmanager wertvoll sind. Im Minutentakt oder aber im Fünf-Minuten-Intervall übermitteln sie, was gerade passiert. Daraus errechnen die Computer die Bilder, Grafiken, Linien und Balken auf Helbings Monitoren. Und die Daten nutzt das Konsortium, um die eigens entwickelte Applikation für Smartphones und Tablet-Computer zu füttern. Die Software übersetzt die Erfurter Verkehrsdaten in eine interaktive Landkarte. Die zeigt Baustellen und Sperrungen im Stadtgebiet an. Sind die Straßen auf der gewählten Route grün, dann kann der Autofahrer den direkten Weg nehmen. Bildet sich ein Stau, dann färben sich die Straßen auf der Karte orange oder rot und das System schlägt eine Umfahrung vor. Kommt die App zu dem Ergebnis, dass der Fahrer eines Elektroautos wegen der Verkehrslage sein Ziel nicht mehr erreichen kann, dann lotst sie ihn zur nächsten Ladestation oder Bushaltestelle.

Die Testphase habe gezeigt, dass das System funktioniert, sagt Helbing. Allerdings räumt er ein, dass die Alternativrouten in Erfurt dünn gesät sind. Trotzdem sieht er in dem Projekt einen Erfolg. Schließlich richtet sich das Angebot an alle Autofahrer. Und letztlich könne von den Informationen die Stadt und damit auch die Umwelt profitieren. Sie fragt die App auch Umweltdaten ab. Ist in Erfurt ohnehin schon dicke Luft, dann schlägt sie vor, lieber mit öffentlichen Verkehrsmitteln in die Stadt zu fahren statt mit einem Auto mit Verbrennungsmotor.

Gerade bei den Themen Luftqualität und Feinstaub sieht Helbing einen großen Nutzen in den Ergebnisse der Projektarbeit. "Wir müssen auf solche Lösungen zurückgreifen, denn die übrigen Maßnahmen zur Beeinflussung der Luftqualität sind ziemlich ausgereizt", sagt der Verkehrsexperte. Klar, Erfurt hat eine Umweltzone, die anfangs heftig umstritten war. Nur Autos mit grüner Umweltplakette dürfen in die Innenstadt. Doch viele Fahrzeuge werden dadurch nicht mehr ausgesperrt, berichtet Helbing. 100 000 Autos gebe es im Erfurter Stadtgebiet, davon hätten lediglich 4000 keine grüne Umweltplakette und nur 2000 hätten eine Ausnahmegenehmigung. Will die Stadt also die Luftqualität verbessern, dann muss sie handeln. Zum Beispiel, indem sie Autofahrer zum Umsteigen auf öffentliche Verkehrsmittel bewegt. Oder aber in den Verkehr eingreift. Helbing verrät, dass schon heute bei bestimmten Wetterlagen der Verkehrsfluss gesteuert werde. "Wenn die Luftqualität in der Stadt schlecht ist, dann wollen wir den Stau lieber außerhalb der Stadt haben, dort, wo die Abgase besser wegwehen können."

Das geschieht im Idealfall genauso automatisch wie die Ampelschaltung in Extremsituationen. Wenn zum Beispiel der Autobahnring rund um Erfurt wegen eines Unfalls gesperrt und der Verkehr durch die Stadt umgeleitet wird. "Wir werden von der Autobahnpolizei selten informiert, wenn so etwas passiert, außerdem ist unsere Leitstelle nicht rund um die Uhr besetzt", sagt Helbing. Also greift der Computer ein. Wenn die Daten aus den Sensoren den Schluss zulassen, dass die Autobahn gesperrt ist, dann werden die Ampeln auf den Umleitungsstrecken im Idealfall auf grüne Welle geschaltet. Autofahrer bekommen davon kaum etwas mit, wundern sich vielleicht darüber, dass sie länger an einer Ampel warten müssen, wenn sie nicht auf der Umleitung unterwegs sind. Auch Fußgänger müssen dann mitunter länger an der Ampel warten. Das Ziel ist einfach: Der Verkehr soll fließen, denn nur auf grünen Wegen kommen alle Verkehrsteilnehmer schnell ans Ziel.

Autor

Von Jolf Schneider
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Veröffentlicht am:
24. 10. 2015
00:00 Uhr

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Von Jolf Schneider

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24. 10. 2015
00:00 Uhr



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