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Mobilität und Energie

"Entscheidend ist die Effizienz"

Sie gilt als Deutschlands Top-Expertin für Energie: Claudia Kemfert. Im Interview spricht die Professorin über Stromtrassen, Fracking und die umstrittene EEG-Umlage.



Interview: Claudia Kemfert, Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung
Interview: Claudia Kemfert, Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung   » zu den Bildern

Frau Kemfert, es entsteht der Eindruck, als habe die Energiewende an Akzeptanz verloren. Wie ist Ihre Einschätzung?

Die letzten Umfragen zeigen, dass die Bevölkerung der Energiewende durchaus positiv gegenübersteht. Die politische Umsetzung lässt jedoch die Akzeptanz oftmals schwinden, vor allem, weil die Politiker die Menschen zu wenig mitnehmen, die Energiewende schlechtreden und nicht über deren positive Aspekte berichten. Die Energiewende hat mittlerweile ein Imageproblem, obwohl es zahlreiche Vorteile gibt, die man deutlich hervorheben sollte.

 

Wie sähe denn ein optimaler Energiemix aus?

Ein optimaler, nachhaltiger Energiemix verzichtet vor allem auf fossile Energien und setzt auf erneuerbare Energien und das konsequente Energiesparen. Die Energiewende hat ja zum Ziel, den Anteil erneuerbarer Energien auf 80 Prozent bis zum Jahre 2050 ansteigen zu lassen. Zudem soll auch die Energieeffizienz deutlich verbessert werden. Es muss also mehr getan werden, um Energie einzusparen, vor allem im Gebäudeenergie-Bereich. Die Mobilität wäre im optimalen Fall komplett nachhaltig, würde auf Öl verzichten und auf alternative Antriebsstoffe und -technologien setzen.

 

Sind Warnungen vor einer De-Industrialisierung angesichts hoher Energiekosten berechtigt?

Nein, da die wenigsten Unternehmen wegen Energie- beziehungsweise Stromkosten verlagert werden. Entscheidend ist die Energieeffizienz. Je sparsamer ein Unternehmen mit Energie ist, desto geringer die Energiekosten. Zudem: Stromkosten machen oftmals nur einen geringen Anteil der gesamten Kosten aus. Stromintensive Unternehmen genießen viele Vorteile, zahlen die EEG-Umlage oftmals nicht und profitieren vom niedrigen Strombörsenpreis. Jüngste Wettbewerbsstudien zeigen, dass deutsche Unternehmen keine Nachteile allein aufgrund der Strompreise haben. Öl- und Gaspreise können durchaus belasten, daher macht das Energiesparen ja auch so viel Sinn.

 

Die EEG-Umlage ist ein Dauerbrenner. Wie ist Ihre Sicht?

Die EEG-Umlage auf den Strompreis errechnet sich aus dem Förderbetrag erneuerbarer Energien, welcher aus der Differenz zum Börsenstrompreis gebildet wird. Der Börsenpreis ist aufgrund der hohen Stromangebots-Überschüsse denkbar niedrig. Wir schwimmen derzeit im Strom und verscherbeln ihn an der Börse. Noch immer sind viele alte Kohlekraftwerke am Netz, was das Angebot weiter erhöht. Die EGG-Umlage ist leicht angestiegen. Wenn der niedrige Börsenpreis jedoch an die Stromkunden weitergegeben werden würde, dürfte der Endkundenpreis gar nicht steigen.

 

Wie beurteilen Sie die Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes?

Das Stromsystem der Zukunft wird dezentraler, intelligenter und dynamischer sein. Da die Schwankungen in der Produktion mit mehr Wind und Solar zunehmen werden, bedarf es einer klugen Steuerung von Angebot und Nachfrage, mittelfristig auch mehr Speicher. Wir benötigen sogenannte virtuelle Kraftwerke, die erneuerbare Energien so miteinander kombinieren, dass sie funktionieren wie ein konventionelles Kraftwerk. Zudem können flexible Gaskraftwerke gut mit erneuerbaren Energien kombiniert werden. Um für all dies effiziente Marktbedingungen zu schaffen, wird man ein Marktdesign erarbeiten müssen, welches effektive Geschäftsmodelle ermöglicht. Die derzeitige EEG-Reform hat erst einmal die Unsicherheiten erhöht und eher zu einem Abwürgen der Energiewende - wie man im Bereich Solarenergie und Biomasse sehen kann - geführt, ohne die Marktbedingungen zu verbessern. Die Ausschreibungen können ebenso zu erheblichen Unsicherheiten führen.

 

Was muss dann also passieren?

Der erste wichtige Schritt wäre, alte ineffiziente Kohlekraftwerke aus dem Markt zu drängen, damit sich neue Geschäftsmodelle entwickeln können. Ein zukunftsweisendes EEG würde die Marktbedingungen der erneuerbaren Energien nicht verschlechtern, sondern so verbessern, dass eine sichere Stromversorgung ausreichend entlohnt wird.

 

Was halten Sie von Fracking?

Die Diskussion um Fracking in Deutschland ist eine Gespensterdebatte. Die geschätzten Vorkommen in Deutschland sind, anders als beispielsweise in den USA, eher gering. Es gibt ausreichend und preiswert Gas auf den internationalen Märkten zu kaufen. Fracking spielt in vielen anderen Ländern aufgrund der Potenziale eine viel größere Rolle. In Deutschland ist die Fracking-Debatte "viel Lärm um nichts".


Wie sehen Sie die Haltung der bayerischen Staatsregierung im Hinblick auf große Stromtrassen?

Bayern fragt zu Recht, ob wirklich alle Stromleitungen notwendig sind. Bisherige Netzplanungen gehen noch immer von einem hohen Anteil von konventionell erzeugtem Strom aus. Wenn man allerdings annimmt, dass der Anteil des Stroms aus Kohlekraftwerken zukünftig sinkt, kann die Bedarfsplanung durchaus geringer ausfallen. Ohnehin sind die Hochspannungsleitungen derzeit kein Engpass der Energiewende. Es gibt ein gut ausgeprägtes Hochspannungsnetz, das im kommenden Jahrzehnt durchaus in der Lage sein wird, allen Anforderungen der Energiewende zu genügen.

 

Also ist alles halb so schlimm?

Wichtig ist allerdings der weitere Kapazitätsausbau im Süden Deutschlands, wo in den kommenden Jahren weitere Atomkraftwerke vom Netz gehen werden. Insbesondere der Ausbau der Windenergie kommt in Bayern zu wenig voran. Das sollte sich rasch ändern.

Interview: Matthias Will

 

Zur Person

Claudia Kemfert, Jahrgang 1968, leitet seit April 2004 die Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin. Seit 2009 ist sie Professorin für Energieökonomie und Nachhaltigkeit an der Hertie School of Governance. Kemfert war Beraterin des früheren EU-Präsidenten José Manuel Barroso und sitzt in Beiräten von verschiedenen Forschungsinstitutionen sowie von Bundes- und Landesministerien. Sie ist auch Mitglied im Club of Rome.

 

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Veröffentlicht am:
17. 10. 2015
00:00 Uhr

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