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Mobilität und Energie

Immer der Sonne nach

Der Rödentaler Rolf Friedenstab bewohnt ein drehbares Haus. Damit fängt er die wärmenden Strahlen der Sonne ein. Aber wie kommt das Gebäude eigentlich vom Fleck?



Eine große Glasfront sorgt dafür, dass möglichst viel Sonnenwärme ins Haus kommt.
Eine große Glasfront sorgt dafür, dass möglichst viel Sonnenwärme ins Haus kommt.   » zu den Bildern

Rödental - Wer die Stufen zu Rolf Friedenstabs Haus hochläuft, muss Glück haben. Manchmal steht oben die Eingangstür. Manchmal trifft man nur auf ein Fenster, manchmal auf eine Hauswand. "Rechtsherum oder linksherum? - das ist dann die Frage", witzelt Friedenstab.

Um das Geheimnis der wandernden Eingangstür zu lüften, führt Friedenstab hinab in den Keller seines Hauses. Ein runder Raum, zehn Meter Durchmesser, etwa vier Meter hoch. Ein bisschen wie ein überdimensionaler Topf. In der Mitte steht eine fast drei Meter starke Säule "Da drin befindet sich das Kugellager" , erklärt der Hausbesitzer und deutet auf den Säulenfuß, "es stammt, so viel ich weiß, von einem Panzer Leopard." Von dem Lager gehen 24 gewaltige Holzbalken weg, die am Ende nur von einem Eisenring zusammengehalten werden. Auf Lager und Holzbalken sitzt das Haus. Diese Konstruktion macht es möglich, dass sich das Haus drehen lässt, angetrieben von einem Elektromotörchen, nicht größer als ein Tetrapak Milch. Dabei wiegt das Gebäude etwa 180 Tonnen.

Friedenstab, Werkzeugmachermeister mit eigener Firma für Formenbau und Erfinder, denkt nach überstandener schwerer Krankheit über die Zukunft nach. Er will sich unabhängig machen von Energiekosten. Dabei stößt er auf einen Drehhaus-Hersteller im hessischen Heuchelheim. "Das ist es", denkt der 52-Jährige nach einer Besichtigung und macht sich an die Umsetzung. Seit gut einem Jahr wohnt er jetzt zusammen mit seiner Lebensgefährtin in dem Haus im Rödentaler Stadtteil Einberg und dreht es immer der Sonne hinterher, um zu jeder Tageszeit über eine Panorama-Fensterfront möglichst viele wärmende Strahlen einzufangen.

Der Sonnenfang am Morgen beginnt natürlich im Osten. Da blickt Friedenstab durch die Panoramascheiben Richtung Mönchröden, mittags Richtung Neershof und am Abend gen Coburg. Meistens steuert er sein Haus im Automatikmodus, es sucht sich dann den aktuellen Sonnenstand im Internet und richtet sich entsprechend aus. Aber er kann das Gebäude auch via Fernbedienung drehen, so oder so begnügt sich das Antriebsmotörchen mit 180 Watt. Doch es geht auch ganz ohne Strom: strampelnd auf dem Hometrainer.

Einerlei, wofür er sich entscheidet: Das Haus rotiert nahezu lautlos in extremer Zeitlupe. Immer nur wenige Zentimeter. So langsam wie die Sonne eben. Aber es ginge auch schneller: Etwa 30 Minuten benötigt der Motor für eine komplette Umdrehung der 180 Tonnen. Wobei komplett nicht ganz stimmt. Nach 350 Grad ist Schluss, dann geht es wieder zurück, sonst bekäme Friedenstab Schwierigkeiten mit den Anschlüssen.

Etwa dem Stromkabel, über das zur Sicherheit Energie vom Solardach seiner benachbarten Firma bereitsteht. Aber warm werden Fußbodenheizung und Brauchwasser in aller Regel auch ohne Nachbarschaftshilfe. Neben Sonnenstrahlen sorgt Erdwärme aus 85 Meter Tiefe für wohlige Temperaturen, zudem liefern zwei Hochleistungskollektoren auf der 25-Quadratmeter-Sonnenterrasse im 1. Stock zusätzliche Energie. "Seit ich hier wohne, habe ich null Euro für Strom, Gas oder Öl ausgegeben", betont der Hausherr.

Der Null-Euro-Rechnung stehen freilich etwa 60 000 Euro entgegen, die die Drehkonstruktion kostet. Aber Friedenstab wollte absolut unabhängig sein. Für das Gebäude selbst, das in Holzbauweise errichtet wurde, fielen dann Kosten an wie für jedes andere Haus auch. "Da kommt es auf die Ausstattung an", sagt er.

Friedenstab hat alle Fenster und Türen dreifach verglasen lassen. "Wärme soll rein, aber nicht raus", erklärt er. Türen führen von jedem Raum im Erdgeschoss nach draußen.Für frische Luft muss nicht gelüftet werden. Verbrauchte Luft gelangt über einen Kreuzwärmetauscher ins Freie und erwärmt dabei gleichzeitig die kühle Frischluft, die hereinströmt.Jedes Zimmer verfügt über eine eigene Belüftung, auch einen Filter für Pollengeplagte gibt es. LED-Lämpchen sind in dem Energiesparhaus natürlich Pflicht, der Hausherr sammelt auch Regen fürs Brauchwasser.

Die Reaktionen auf den unkonventionellen Rundbau fallen durchwegs positiv aus. "Die Leute wollen immer ganz viel wissen", sagt der 52-Jährige, dessen Drehhaus in dieser Konstruktion nur noch einmal in Deutschland existiert, wie er anmerkt. Mit den Nachbarn versteht er sich gut, versichert der Rödentaler augenzwinkernd, es gebe keinen Grund, sich wegzudrehen. Dem Lauf der Sonne hat er sich dennoch schon widersetzt: "Im August war es stellenweise so heiß, da musste ich die Panoramascheiben in den Schatten drehen."

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Von Martin Fleischmann
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Veröffentlicht am:
16. 10. 2015
00:00 Uhr

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Von Martin Fleischmann

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Veröffentlicht am:
16. 10. 2015
00:00 Uhr



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