Lade Login-Box.
Topthemen: Landtagswahl 2019Freies Wort hilftFolgen Sie uns auf InstagramSport-Tabellen

Mobilität und Energie

E-Pionier trifft auf noblen Saubermann

Es ist ein Rendezvous der besonderen Art - der Elektro-Auto-Pionier Hotzenblitz trifft in Meiningen auf den noblen Elektro-Saubermann BMW i3.



E-Auto-Pionier Hotzenblitz (l.) trifft am grünen Stadtrand von Meiningen den modernen BMW i3. Gudrun Kautz kann mit ihren Erfahrungen den Unterschied gut beurteilen. Fotos: Ralph W. Meyer
E-Auto-Pionier Hotzenblitz (l.) trifft am grünen Stadtrand von Meiningen den modernen BMW i3. Gudrun Kautz kann mit ihren Erfahrungen den Unterschied gut beurteilen. Fotos: Ralph W. Meyer   » zu den Bildern

Der VW-Schummeldiesel ist in aller Munde, die Diskussion um realistische Messungen von Schadstoffemissionen und Spritverbräuchen ist in vollem Gange, die Drohung, ab 2019 nur noch vermeintlich saubere Euro-6-Diesel in Städte einfahren zu lassen, wabert durch die Medien. Dabei gibt es Alternativen und das länger, als so mancher Autofahrer denken mag. Schon zwischen 1896 bis etwa 1912 hatten Elektro-Autos eine große Zeit, gab es weltweit 565 unterschiedliche Marken. Doch dann machten billiges Öl und höhere Reichweiten die Weiterentwicklung zunichte, der Verbrennungsmotor dominiert bis heute.

In Deutschland beschäftigte sich lange niemand ernsthaft mit der elektrischen Antriebstechnik. Erst 1990 begann die Hotzenblitz Mobile GmbH & Co. KG unter Führung des Elektromeisters Thomas Albiez mit der Entwicklung eines modernen Elektro-Kleinwagens. Die Tüftler aus dem Hotzenwald stellten in nur 19 Monaten den ersten Hotzenblitz-Prototyp auf die Räder. 1993 startete die Hotzenblitz Thüringen Mobile GmbH die Fertigung in der ein Jahr zuvor gegründeten Suhler Fahrzeugwerk GmbH. Doch noch bevor die teilautomatisierte Serienproduktion in Gang kommen konnte, ging der Firma das Geld aus. Lediglich 140 Hotzenblitze, die Mehrzahl vom Typ Buggy, wurden in Suhl in einer Vorserie produziert - eines dieser Autos fährt seit ziemlich genau 15 Jahren auf Meiningens Straßen. Am Steuer sitzt Dr. Gudrun Kautz.

Neupreis 60 000 D-Mark

Die Allgemeinmedizinerin, die seit einigen Jahren im Ruhestand ist, kaufte den "Hotzi" 2001 von einem Auto-Liebhaber aus Bonn, der gleich zwei Autos aus der Suhler Insolvenzmasse ersteigert hatte. Für den 1994 gebauten Wagen legte sie 20 000 D-Mark auf den Tisch, ein Drittel des ursprünglichen Neupreises von stolzen 60 000 D-Mark. Sämtliche Hausbesuche machte sie von diesem Zeitpunkt an mit dem knallroten Hotzenblitz, der in Meiningen und der näheren Region zum Hingucker wurde. "Ich bekomme immer einen Parkplatz und bin umweltfreundlich unterwegs", schwärmt sie.

Der Umweltaspekt war für die Ärztin von Beginn an ein wichtiges Kriterium. Denn Familie Kautz gehört auch zu den Photovoltaik-Pionieren in Meiningen. Die erste größere Anlage in der Stadt entstand Mitte der 90er Jahre auf ihrem Haus am Stillhof. Da es zu diesem Zeitpunkt noch keine Einspeisevergütung gab, musste der Strom selbst verbraucht werden. Speicher auf dem Dach machen das bis heute selbst am Abend oder in der Nacht möglich. Auch der Hotzenblitz wird so meist mit Sonne betankt. "Wir müssen mit den vorhandenen Ressourcen verantwortungsbewusst umgehen. Das sind wir unseren Kindern und Enkelkindern schuldig", beschreibt Gudrun Kautz ihre Motivation.

Abgesehen vom günstigen Sonnenstrom ist der Hotzenblitz aber kein ausgesprochenes "Sparschwein". Nicht nur seine Anschaffung war teuer, auch die Blei-Gel-Akkus müssen etwa alle fünf Jahre ersetzt werden. Und deren Preis hat sich im Laufe der Zeit verdoppelt. Beim letzten Austausch vor gut vier Jahren waren dafür fast 2000 Euro fällig geworden. Hinzu kamen der Ersatz des Steuergerätes und des eingebauten Ladegerätes. Die Bilanz der Ärztin fällt nach 42 000 gefahrenen Kilometern aber positiv aus - obwohl der Verbrauch mit bis zu 24 Kilowattstunden auf 100 Kilometer doppelt so hoch ist, wie einst im Prospekt versprochen. Auch die Reichweite beträgt statt 70 Kilometern real nur gut 50. "Ich bin am Tag aber nie mehr als 25 bis 30 Kilometer unterwegs. Da ist die Reserve groß genug."

Nicht nur, dass Gudrun Kautz eines der sehr seltenen - in Deutschland gibt es nur noch rund 40 Hotzenblitz-Automobile - fährt, sie gehört nach 15 Jahren zu den erfahrensten E-Auto-Lenkern der Region. Sie daher vom Hotzenblitz, sozusagen dem Pionier der jüngeren Elektro-Mobilitäts-Geschichte, in ein modernes Elektroauto wie den BMW i3 umsteigen zu lassen, verspricht eine gewisse Spannung. Mit Hilfe des Meininger BMW-Autohauses Matthes, wo auch die i-Modelle mit dem eDrive-Antrieb verkauft werden, gelang es, ein solches Aufeinandertreffen zu organisieren. Bei diesem zeigte sich eines ganz deutlich: Wenngleich der Hotzenblitz vor 25 Jahren technisch seiner Zeit deutlich voraus war, scheint der aktuelle i3 einer anderen Welt zu entstammen.

Prinzip Nachhaltigkeit

Der Saubermann von BMW ist nach dem Hotzenblitz das erste in Deutschland ausschließlich als Elektrofahrzeug entwickelte und in Serie produzierte Auto. Dabei war und ist Nachhaltigkeit oberstes Prinzip. Der vollelektrische i3 ist nicht nur emissionsfrei unterwegs, für seine Produktion werden ebenso regenerative Quellen genutzt. Die Herstellung der Karbon-Fasern für die Fahrgastzelle erfolgt mit Wasserkraft, das Werk in Leipzig wird ausschließlich mit Wind-Strom versorgt. Nachwachsende oder wiederverwertbare Rohstoffe sind im Innenraum sicht- und fühlbar. Mit einem DIN-Gewicht von 1195 Kilogramm, inklusive der Hochvolt-Batterie, gehört der i3 zu den leichtesten E-Autos seiner Klasse. In Kombination mit einem 170 PS starken E-Motor ergeben sich Fahrleistungen, die auch bei Testerin Gudrun Kautz für Erstaunen sorgen.

Wahrer Stadtflitzer

Nach einer kurzen Einweisung öffnet sie die große Fahrertür und nimmt hinter dem Lenkrad des i3 Platz. Der "spacige" Arbeitsplatz mit zwei Monitoren, Fahr-Wählschalter am Lenkrad und dem fehlenden Kupplungspedal kommt ihr so unbekannt nicht vor. Natürlich kennt der Hotzenblitz noch keine Flatscreens, wie der i3 sie hat, doch lassen sich Daten wie die Batterie-Ladung über ein Display abrufen, wird per Kippschalter vorwärts oder rückwärts gefahren, schweben Lenkrad und Armaturenträger hinter der riesigen Frontscheibe.

Der eigentliche Unterschied zwischen den beiden Autos wird mit dem ersten leichten Druck auf das "Gas"-Pedal deutlich. Rollt der Hotzenblitz behäbig los, schießt der i3 einem Sportwagen gleich nach vorn - quasi ein Sprung, ein Quantensprung. In nur 3,7 Sekunden sind 60 km/h erreicht. Das Wort Stadtflitzer bekommt hier eine neue Bedeutung. Auf der Landstraße sind die 100 km/h in nur 7,2 Sekunden erreicht - so manches "normale" Auto sieht beim Losfahren daher nur die LED-Rückleuchten des i3 entrücken ...

Von dieser Dynamik überrascht, nimmt Gudrun Kautz den Fuß vom Fahrpedal - und schon verzögert der E-BMW. Ganz ohne die Bremse betätigt zu haben. Rekuperation heißt das Zauberwort. Der Motor wird dabei zum Generator und lädt den Akku - je weiter das Pedal zurückgenommen wird, desto mehr wird geladen, desto größer ist die Verzögerung. Doch auch für die 25 Jahre alte Hotzenblitz-Konstruktion ist Rekuperation kein Fremdwort. Allerdings ist die Verzögerung bei Weitem nicht so deutlich spürbar. Doch Gudrun Kautz weiß: "Wenn ich von Dreißigacker nach Meiningen den Berg runter fahre, kommt etwa ein Kilowatt in die Batterien zurück." Um rechtzeitig zum Stehen kommen zu können, muss aber das Bremspedal kräftig gedrückt werden. Beim i3 ist das nur selten nötig. Dafür ist auf den Monitoren der Energiefluss zu sehen, gibt das Auto individuelle Tipps an den Fahrer, wie er noch sparsamer unterwegs sein kann.

Auf all das achtet die Testfahrerin nicht sonderlich. Sie konzentriert sich auf ihren rechten Fuß und das sensibel reagierende Lenkrad. Der ziemlich sportlich abgestimmte i3 reagiert auf jede Bewegung. Der Hotzenblitz kann das nicht, verschluckt daher ungewollte Lenkbewegungen. Dafür ist der innen recht groß wirkende i3 extrem wendig. Mit 9,86 Metern lässt sich beispielsweise auf der Meininger Lindenallee ohne Rangieren in einem Zug wenden. Möglich macht diesen guten Wendekreis auch der Hinterradantrieb, über dem der E-Motor mit Getriebe und Leistungselektronik sitzt. In Verbindung mit den Lithium-Ionen-Akkus im Fahrzeugboden ergibt sich zudem eine ideale Achslastverteilung von 50:50. Positiver Nebeneffekt: Man sitzt angenehm hoch wie in einem SUV - das gefällt auch Gudrun Kautz.

Schwankende Reichweite

Schnell hat sie sich an den modernen Saubermann gewöhnt. Flott geht es auf der Landstraße vorwärts, ungestört von Motorengeräuschen. Da ist der Hotzenblitz deutlich lauter. Statt dichten und festen Türen hat er nur welche aus Stoff, die mit Reißverschlüssen verschlossen werden. Rein theoretisch kommen sportliche Kinder durch diese auch auf die hinteren Notsitze im Hotzenblitz. Aus Sicherheitsgründen fährt dort aber niemand bei Gudrun Kautz mit. Zudem musste auf einem Sitz das neue Ladegerät befestigt werden. Es ist größer als das alte und passt daher nicht an den eigentlich vorgesehenen Platz. Dafür ist der Hotzi damit in vier Stunden an der Steckdose fit für 50 Kilometer. Und kann so dem BWM in dieser Disziplin durchaus das Wasser reichen, zumindest wenn das Laden an der normalen Steckdose erfolgen soll. In etwas weniger als acht Stunden ist der i3-Akku voll und reicht dann für bis zu 160 Kilometer. Strecken, Außentemperatur, Fahrstil und vieles mehr beeinflussen diesen Wert aber stark. Ein ausgeklügeltes System hält den Fahrer daher über Ladezustand und tatsächliche Reichweite ständig auf dem Laufenden. Wer über Nacht oder beim Parken lädt, wird beim Pendeln keine Probleme haben - wenn die Tagesstrecke nicht zu lang ist. Erfurt hin und zurück in einem Ritt - leider nicht möglich.

Hotzi-Retter gesucht

Von Testerin Gudrun Kautz bekommt der i3 gute Noten. Der Unterschied zum Hotzenblitz ist deutlich spürbar. Schade findet sie, dass nach 25 Jahren Abstand die Reichweite noch immer zu niedrig und der Anschaffungspreis zu hoch ist. Ihren Hotzenblitz will sie daher möglichst weiterfahren. Allerdings wird im nächsten Frühjahr der TÜV die Rote Karte rausholen. Rost an der tragenden Konstruktion unter der Kunststoffschale ist der Grund dafür. "Ich suche daher dringend einen Experten, der mir hilft, mit Liebe, großem Sachverstand und zu einem bezahlbaren Preis ein Stück Automobilgeschichte zu retten", so Gudrun Kautz.

Daten Hotzenblitz

Höchstgeschwind. 100 km/h

Reichweite 40 bis 70 km

Beschleunigung 0-60 km/h 10s

Verbrauch 12-14 kWh/100 km

Leistung 12 kW (16,3 PS)

14 Blei-Vlies-Batterien (168 V/60 Ah/10,08 kWh)

Ladezeit 5 Stunden

Frontantrieb

Gewicht inkl. Batt. 830 kg

L/B/H in mm 2700/1480/1500

Wendekreis 7,6 m

 
Daten BMW i3

Höchstgeschwind. 150 km/h

Reichweite bis 160 km

Beschleunigung 0-60 km/h 3,7s

Verbrauch 14-17 kWh/100 km

Leistung 125 kW (170 PS)

Li-Ion-Batterien (18,8 kWh)

Ladezeit je nach Ladeart 1 bis 8 Stunden

Hinterradantrieb

Gewicht inkl. Batt. 1195 kg

L/B/H in mm 3990/1775/1578

Wendekreis 9,86 m

 
Autor

Von Ralph W. Meyer
Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
14. 10. 2015
00:00 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Antriebstechnik Auto BMW BMW i3 Daten und Datentechnik Frontantrieb Gesellschaften mit beschränkter Haftung HCS Mobilität und Energie Insolvenzmasse Ladegeräte Landstraßen Leistungselektronik TÜV
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Mobil im Alltag: Junge Menschen müssen auf ein Auto nicht verzichten. Beim Carsharing können sie mitunter vergünstigte Tarife buchen. Allerdings ist das Angebot in der Region dünn.

22.10.2015

Der steinige Weg zum geteilten Auto

Für viele junge Menschen ist ein Auto kaum erschwinglich. Wenigstens zeitweise können Studenten und Auszubildende die Freiheit auf vier Rädern günstig genießen - mit Carsharing zum Uni-Tarif oder mit einem Mietwagen. Das... » mehr

Das Ziel der Bundesregierung: Bis 2020 sollen eine Million Elektro-Fahrzeuge auf Deutschlands Straßen unterwegs sein. Ob das zu schaffen ist, bleibt fraglich. Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt denkt nun über Privilegien für Elektro-Autos nach.

04.11.2015

Technik-Probleme und Kosten bremsen

Die Debatte um die Energiewende bezieht sich in der Regel auf die Stromerzeugung. Doch ein Drittel der gesamten Energie verbraucht der Verkehrssektor. Autos, Laster, Flugzeuge und Schiffe werden meist mit Ölprodukten ang... » mehr

Entspannt können sich Autofahrer in der Zukunft zurücklehnen. Computer sollen das Steuer übernehmen und Autos wie von Zauberhand lenken.

03.11.2015

Computer übernehmen das Steuer

Selbstfahrende Autos sind keine Utopie mehr. Durch die neue Technik entstehen auch neue Marktpotenziale. » mehr

Wer rastet, der rostet. Ältere Menschen sind heutzutage unternehmungslustiger als je zuvor.

27.10.2015

"Wer rastet, der rostet"

Mobilität im Alter beugt Demenz vor. Dazu ist ein gut ausgebautes Netz von Bussen und Bahnen nötig. Es spart Kosten im Gesundheits- system, sagt ein Forscher. » mehr

Der Herr über die Ampeln: Frank Helbing ist Sachbearbeiter beim Verkehrsmanagement der Stadt Erfurt und hat an der Entwicklung intelligenter Informationssysteme für Autofahrer mitgearbeitet. Fotos: ari

24.10.2015

Auf grünen Wegen schnell ans Ziel

Viele deutsche Städte haben ein Problem mit der Feinstaubbelastung. So auch Erfurt. Allerdings gibt es kaum noch Autos, die aus den Umweltzonen ausgesperrt werden. Elektroautos und eine intelligente Verkehrslenkung könnt... » mehr

Die drei von der Tankstelle der Zukunft: Elke Bouillon und Frank Schnellhardt (rechts) von der Innovationsberatung Innoman bringen das nötige Know-how in der Projektführung und der Beschaffung von Förmdermitteln ein. Martin Eibl lieferte mit seinem Team von HKW das Kästchen, das Ladesäulen für Elektroautos mit dem Stromnetz kommunizieren lässt - für sicheres, schnelles und günstiges Laden.

20.10.2015

Die intelligente Ladung für die Autos der Zukunft

Das Thüringer Konsortium Smart Mobility arbeitet an Produkten, die den Autofahrern den Umstieg auf Elektroautos erleichtern sollen. Intelligente Ladestationen sind da nur ein Baustein. » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Neues Löschfahrzeug in Crock

Neues Löschfahrzeug Crock |
» 5 Bilder ansehen

Unfall Schnee Laster Bedheim Bedheim

Laster-Unfall Bedheim | 11.12.2019 Bedheim
» 31 Bilder ansehen

Hubschrauber-Säge Baumbeschneidung Sonneberg Sonneberg

Baumfällarbeiten Sonneberg | 09.12.2019 Sonneberg
» 37 Bilder ansehen

Autor

Von Ralph W. Meyer

Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
14. 10. 2015
00:00 Uhr



^